Bundestagsrede von Kai Gehring 30.03.2017

Hochschulzugang

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Im Gegensatz zu meinem Vorredner sage ich sehr klar: Wir haben allen Anlass, über Bildungschancen und die soziale Schieflage beim Zugang zur Hochschule einmal mehr zu debattieren. Der Mangel an Gerechtigkeit ist weiter das Hauptproblem des deutschen Bildungssystems.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Warum Kollege Schipanski im Namen der Unionsfraktion das deutsche Bildungskastensystem verteidigt und so etwas wie ein Bundesparadies Deutschland aufmalt, ist mit Fakten nicht zu erklären.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Tankred Schipanski [CDU/CSU]: Bildungsrepublik Deutschland!)

Gerecht – sowohl chancen- als auch leistungsgerecht – geht es in Deutschland nämlich erst dann zu, wenn Zugangschancen zu Universitäten und Fachhochschulen nicht mehr vom Geldbeutel der Eltern abhängen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Tankred Schipanski [CDU/CSU]: Das tun sie auch nicht!)

Ob IGLU, PISA, Befragungen von Studienberechtigten: Alle Studien kommen zu dem Schluss: Die Mission „Bildungsgerechtigkeit und Durchlässigkeit für alle“ ist noch nicht erfüllt. Wir haben ein Übermaß an sozialer Auslese, und das muss sich ändern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Von 100 Akademikerkindern studieren 77. Von 100 Kindern, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben, schaffen nur 23 den Sprung an die Hochschule. Der sogenannte Bildungstrichter ist die wohl bekannteste Grafik aus der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. Seine Bekanntheit wurde dem Bildungstrichter jetzt offensichtlich zum Verhängnis. In der nächsten Sozialerhebung soll er fehlen; das BMBF hat ihn rausgekegelt. Ein Unding, meine Damen und Herren!

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Anstatt den engen Zusammenhang von Chancen und sozialer Herkunft unter den Tisch zu kehren, möchte ich, dass Politik in Bund und Ländern dafür sorgt, dass dieser Zusammenhang aufgelöst wird. „Chancen für alle“ und „Jedes Talent optimal fördern“, das sind und bleiben richtige Ziele.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

In den letzten Jahren gab es einige Rekorde bei den Studierendenzahlen. Dennoch ist die soziale Öffnung der Hochschulen weiter eine große Aufgabe. Zuallererst brauchen wir dafür auch nach 2020 ausreichende Studienplätze; denn auch nach Ende des Hochschulpaktes werden viele Studieninteressierte erwartet. Der Nachfolger vom Hochschulpakt muss ausreichend Studienplätze bringen, Lehre und Studienbedingungen verbessern und auch die soziale Infrastruktur auf dem Campus stärken. Das steht an.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Aus Studienanfängern sollen erfolgreiche Absolventen statt Abbrecher werden, und zwar egal mit welchem Abschluss. Der Bachelor ist nämlich nicht nur eine Fernsehsendung, sondern auch ein ernstzunehmender erster akademischer Abschluss.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN – Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das hat die CDU noch nicht gemerkt!)

Mit ihm gibt es in der Mehrzahl der Fächer sehr gute Einstiegsbedingungen in den Arbeitsmarkt. Darum: Wir brauchen keinen Masterzwang, wir brauchen Masterstudienplätze für alle, die ein Masterstudium wollen.

(Tankred Schipanski [CDU/CSU]: Nein! Die das können!)

Das drückt im Übrigen auch die NCs runter.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Ohnehin gilt es, keine Barrikaden vor dem Campus aufzutürmen. Mich und viele andere Studierende der ersten Generation hätten Studiengebühren vom Studium abgehalten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE])

Deshalb sagen wir als Grüne im Bundestag und im Landtag NRW klar Nein in Richtung FDP und CDU. Die wollen im größten Bundesland Studiengebühren wieder für alle einführen.

(Zurufe von der CDU/CSU: Stimmt ja gar nicht!)

Das träfe ein Viertel aller Studierenden bundesweit. Die Campusmaut soll in der Mottenkiste bleiben; da, wo wir sie zu Recht hingesteckt haben.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN – Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Einfach beschämend!)

Studieren öffnet Horizonte; das wissen eigentlich alle. Dennoch ist es für Arbeiterkinder nicht selbstverständlich, sich für ein Studium zu entscheiden; denn es gibt sie immer noch, diese gewisse Ehrfurcht vor der fremden Welt der Wissenschaft. Es gilt, eigene Schranken im Kopf zu überwinden. Häufig helfen dabei Mutmacher. Bei mir war es meine Grundschullehrerin, Frau ­Hennecke. Sie sagte: Kai, du hast das Zeug fürs Gymnasium und zum Studium. – Wir brauchen mehr Leute in der Republik wie diese Frau Hennecke und mehr Unterstützung für Mutmacherinnen und Mutmacher wie sie.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Darum bin ich wirklich froh, dass Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen ein Talentscouting-Programm aufgelegt hat. Diese tolle Idee der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen hat als ganz kleines Projekt angefangen. Weil es wirkt, wird es nun schrittweise auf ganz Nordrhein-Westfalen ausgeweitet. Von Arbeiterkind e.V. bis Talentscouting – wir sagen: mehr davon, mehr Ermutigung, mehr Mentoring.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Dr. Simone Raatz [SPD]: Die duale Ausbildung ist auch nicht schlecht! – Tankred Schipanski [CDU/CSU]: Das ist ein Landtagswahlkampf!)

– Ich rede zum Antrag der Linken und zu grünen Vorschlägen, falls Sie das nicht gemerkt haben. Talent­scouting ist eine tolle Idee. Das sollten Sie sich einmal angucken; denn es gibt ja noch eine Bundesbildungsministerin, auch wenn man das manchmal gar nicht mehr merkt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Es ist wichtig, für ein Studium zu motivieren, und es ist richtig, für eine Studienfinanzierung zu sorgen, die zum Leben reicht. Das BAföG muss substanziell verbessert werden. Dass das BAföG 2017 weniger wert ist als 2010, ist ein Fehler der jetzigen Koalition aus Union und SPD, den wir Grüne schleunigst korrigieren wollen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Michael Kretschmer [CDU/CSU]: Nur weil ihr laufend redet, müsst ihr nicht ständig dasselbe sagen!)

Auch das wäre ein Gewinn für Zugänge, und deshalb gibt es Anträge von Linken und von Grünen, noch 2017 das BAföG zu erhöhen. Das ist wichtig.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben in Deutschland eine unheimlich vielfältige Wissensgesellschaft mit vielen kreativen Köpfen. Wenn wir künftig noch stärker darauf setzen, alle Talente zu fördern, dann brächte das ein Plus für die Chancen jedes Einzelnen und für den Wohlstand in unserem Land insgesamt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Das war einmal eine richtig gute Rede in der Debatte! – Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo er recht hat, hat er recht!)

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