Bundestagsrede von Özcan Mutlu 18.05.2017

Spitzensportförderung

Özcan Mutlu (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Herr Minister De Maizière, die Reform der Spitzensportförderung, die Sie derzeit bereits umsetzen, gehört aus grüner Sicht dringend überarbeitet. Warum, ist ganz einfach zu erklären.

Die gewünschte Vorbildwirkung des Sports und der tatsächliche Zustand des funktionärsdominierten Spitzensports klaffen zurzeit weit auseinander. Innenministerium und Deutscher Olympischer Sportbund haben aber nie eine sachgerechte Analyse dazu durchgeführt. Es wäre dringend notwendig gewesen, Situation und Zustand des Spitzensports bereits im Vorfeld der Reform zu diskutieren, und zwar mit einer breiten Öffentlichkeit, mit Sportlerinnen und Trainern, Wissenschaftlerinnen und Bürgern. Stattdessen sind Ihre Vorschläge an Schreibtischen und in Geheimrunden gefallen. Am Ende haben Sie leider Vorschläge aus einem verengten Sportverständnis heraus vorgelegt.

Für uns steht fest: Spitzensport darf keine Möglichkeiten der Machtdemonstration mehr bieten. Einen Rückfall in den Kalten Krieg darf es nicht mehr geben. Es muss Schluss sein mit staatlichem Doping in einigen Ländern, um mehr Medaillen zu gewinnen. Ein Geheimdienst wie in Russland hat im Sport nichts zu suchen. Wir müssen endlich Prinzipien eines humanen Spitzensports verankern. Es darf nicht sein, dass im Spitzensport einige Länder Kleinkinder über Jahre mit brachialen Methoden trimmen, um sie dann nach und nach – oft halbkaputt – wieder auszusortieren. In solcher Gesellschaft wollen wir uns nicht wiederfinden.

Ist das der Sinn von Olympischen Spielen? Wollen wir da mitmachen? Begeistert uns nicht vielmehr diese olympische Idee, die so oft wiederholt wird, aber von der Wahrheit weit entfernt ist, der Traum vom friedlichen Kräftemessen mit Menschen aus aller Welt, von spannenden Wettkämpfen mit Fairness im Vordergrund, vom großen Sportfest, „Dabei sein ist alles“, eine gute Platzierung ein Riesenerfolg?

Die Reform der Spitzensportförderung aus dem Innenministerium will die Gelder nun so verteilen, dass Deutschland sich im Medaillenspielgel im Idealfall bald irgendwo zwischen China und Russland wiederfindet. Daran gibt es berechtigte Kritik. Der Sportphilosoph Gunter Gebauer hat das in einer öffentlichen Anhörung des Sportausschusses zu Recht als „schlechte Nachbarschaft“ bezeichnet. Das bestehende, kranke Spitzensportsystem wird damit nicht hinterfragt, nicht kritisiert oder gar verändert, sondern es wird in seiner einseitigen Medaillenausrichtung zementiert. Dabei könnte und sollte Deutschland einen anderen Weg gehen und Vorbild sein. Und genau das ist der Grund, warum diese Reform dringend überarbeitet werden sollte.

Dass eine Reform bitter nötig ist, darin waren und sind wir uns einig. Wir sagen, es braucht eine Reform, weil die Situation von Athletinnen, Athleten, Trainerinnen und Trainern im Spitzensport häufig prekär ist. Sie, Herr De Maizière, sagen, es braucht eine Reform, weil diese Athletinnen und Athleten zu wenige Medaillen gewinnen.

Wir sagen, es braucht eine Reform, weil der Sport und die Sporttreibenden drohen in Doping-, Spielbetrugs-, Korruptions-, und Manipulationsskandalen verloren- und kaputtzugehen. Sie, Herr De Maizière, sagen, wir brauchen eine Reform für mehr Medaillen, um dort anzukommen, wo die dreisten Dopingnationen schon sind.

Wir sagen, es braucht eine Reform, weil die Gelder für den Spitzensport derzeit vollkommen intransparent vergeben werden. Sie sagen, die Gelder sollen an diejenigen vergeben werden, die mehr Medaillen bringen.

Wir möchten die Athletinnen und Athleten, die Menschen und den Sport in den Mittelpunkt stellen. Ihnen geht es um den „Return on Investment“, als wäre der Sport Teil der Marktwirtschaft, der Staat der Investor, Athletinnen und Athleten die Medaillenproduzenten.

Kein Wunder aber, dass die Reform breit kritisiert wird: Sie haben im Vorfeld keine öffentliche Debatte geführt. Die Erfahrungen von Trainerinnen und Trainern und Athletinnen und Athleten haben kaum Eingang in die Vorschläge gefunden. Die Sportwissenschaft hat gefehlt. Sie haben den Spitzensport vom Breitensport getrennt, als gäbe es das eine ohne das andere. Wer hätte denn bei den Geheimverhandlungen, die Sie mit dem DOSB – und ohne den Sportausschuss – geführt haben, kritischen Input geben können? Dass das Grundgerüst der Reform, Potenzial vorherzusagen, aus wissenschaftlicher Sicht gar nicht möglich ist, haben Sie ja bereits während der Anhörung im Sportausschuss von zahlreichen Expertinnen und Experten erklärt bekommen.

Kurz gesagt: Keine Debatte, falsches Ziel, falsche Schwerpunkte, schlechtes Ergebnis.

Deshalb, sehr geehrter Herr Minister, fordern wir in unserem Antrag ein Gesamtkonzept zur Sportentwicklung. Athletinnen, Athleten, Trainerinnen und Trainer müssen im Mittelpunkt stehen, mit besseren Beteiligungs- und Mitspracherechten. Wir fordern ein fundiertes Konzept zur Dualen Karriere und zur Vereinbarung von Studium und Sport. Besonders die Förderung durch staatliche Arbeitgeber bedarf an mancher Stelle dringender Überarbeitung. Trainerinnen und Trainer brauchen echte Berufsperspektiven, aber keine Kettenverträge. Doping, Korruption, Spielmanipulation, sexualisierte, physische und psychische Gewalt müssen wirksam und glaubwürdig bekämpft werden, in weltweiter Kooperation. Wie das aussehen kann, haben wir in zahlreichen Initiativen in den letzten Monaten ausgeführt. Klar ist: Hier muss dringend etwas geschehen.

Mit dem aktuellen Konzept, Herr Minister, schaden Sie dem Sport in Deutschland; da müssen Sie noch ordentlich nachbessern. Dass das Ihre eigenen Koalitionsfraktionen auch so sehen, können Sie in deren Antrag nachlesen, in 20 Punkten! 20! Dass es acht Monate gedauert hat, bis sich die Regierungsfraktionen endlich auf eine offizielle Meinung in einem Antrag einigen konnten, ist allerdings peinlich.

Abgesehen davon stimmen mich die beiden Anträge, die wir heute in den Sportausschuss überweisen, bezüglich einer guten Debatte im Sportausschuss jedoch optimistischer. Ich freue mich auf die Diskussion und hoffe auf eine tatsächlich grundlegende Überarbeitung der Spitzensportreform.

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