Bundestagsrede von Beate Walter-Rosenheimer 26.04.2018

Berufsbildungsbericht 2018

Beate Walter-Rosenheimer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Frau Ministerin! Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Vor wenigen Wochen wurde in den Medien über Christian Sewing berichtet. Als neuer Chef der Deutschen Bank wird er künftig die Geschäfte des größten deutschen Kreditinstituts führen. Sewing, der als Azubi vor 30 Jahren angefangen hat, hat damit eine beispiellose Karriere hingelegt.

Vom Azubi zum Chef eines großen Unternehmens zu gelangen – diese Geschichte ist in Deutschland immer noch sehr selten. Das ist leider immer noch die Ausnahme. Das liegt ganz sicher nicht am fehlenden Engagement der jungen Menschen. Das liegt auch nicht daran, dass Auszubildende zu wenig Talent oder zu wenig Potenzial haben, um es bis ganz nach oben zu schaffen. Aufstieg durch Bildung – um nichts anderes geht es dabei ja – bleibt in Deutschland leider vor allem deshalb so vielen Menschen vorenthalten, weil zwar mittlerweile viel über berufliche Bildung gesprochen wird, aber noch zu wenig getan wird.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Liebe Kollegen und Kolleginnen, das ist auch das Ergebnis von über zwölf Jahren CDU-geführter Berufsbildungspolitik. Und das, sehr geehrte Frau Ministerin Karliczek, ist das schwere Erbe, das Sie von Ihrer Vorgängerin übernehmen. Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt ist bei weitem nicht so rosig, wie es uns die Presseerklärungen des Bildungsministeriums weismachen wollen. Nein, werfen Sie einmal einen Blick in den Berufsbildungsbericht. Dort lesen wir schwarz auf weiß – Sie haben es ja auch gesagt –:

Mehr als jeder vierte Ausbildungsvertrag wird vorzeitig aufgelöst. – Das haben wir heute schon oft gehört. Jahrelang hat die Große Koalition dieser Entwicklung relativ tatenlos zugesehen, obwohl sie sie erkannt hatte. Sorgen Sie endlich für gute Berufsorientierung und auch für klischeefreie Beratung in den Schulen, und zwar in jeder Schulform und auch an jeder Schule.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich finde, junge Menschen haben es verdient, gut informiert ins Berufsleben zu starten. Berufsorientierung – das sagen alle Fachleute – muss früher beginnen, muss die Eltern mit einbeziehen. Ich bin überzeugt: Wer die Schule gut beraten verlässt, der schmeißt später auch nicht so schnell frustriert hin.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Dr. Jens Brandenburg [Rhein-Neckar] [FDP])

Immer mehr Betriebe ziehen sich aus der Ausbildung zurück, und das seit Jahren. – Stoppen Sie diesen Sinkflug – Sie haben das Problem ja auch benannt und angekündigt, sich da einzubringen –, sodass die Ausbildungsbeteiligung wieder zunimmt! Wir müssen auch kleine Betriebe unterstützen, damit sie sich wieder mehr beteiligen können. Ich glaube, das ist dabei das Wichtigste.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Die Integration von Geflüchteten läuft viel zu schleppend. – Auch das steht in Ihrem Bericht. Sorgen Sie dafür, dass kein Geflüchteter, der eine Ausbildung macht, sie abbrechen muss! Sagen Sie das vor allem bitte den bayerischen Kollegen und Kolleginnen von der CSU! Es ist doch total unverantwortlich und bildungspolitisch wirklich absurd, dass motivierte junge Menschen, die schon in der Ausbildung sind und sich anstrengen, rausgeworfen werden, nur weil sich ein paar – sage ich jetzt – konservative Scharfmacher am rechten Rand profilieren wollen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Aber auch in Ihrem eigenen Haus, dem Ministerium, sollten Sie künftig mehr tun, damit die geflüchteten Menschen auch zu Fachkräften werden. Hunderttausende junge Menschen im ausbildungsfähigen Alter sind hierhergekommen, und nur circa 10 000 haben den Weg in eine Ausbildung gefunden. Das ist zu wenig. Sorgen Sie für gute Sprachförderung! Öffnen Sie die Integrationsangebote endlich auch für Asylbewerberinnen und -bewerber und für Geduldete, damit jeder die Chance auf eine Ausbildung bekommt! Das kommt beiden Seiten zugute, auch unserem Land.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Der Berufsbildungsbericht zeigt noch eine andere Entwicklung, die eigentlich jede verantwortungsvolle Bildungspolitik alarmieren muss. Immer mehr junge Menschen haben nämlich – auch das haben wir heute schon gehört – keinen Berufsabschluss. Mittlerweile sind über 2 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 ohne Abschluss und damit von prekärer Beschäftigung betroffen und von Arbeitslosigkeit bedroht, und das, obwohl viele Betriebe händeringend nach Auszubildenden suchen. Ich finde, für die selbsternannte Bildungsrepublik Deutschland ist das ein schlechtes Zeugnis. Deswegen: Schaffen Sie endlich eine Ausbildungsgarantie! Machen Sie Schluss mit den Warteschleifen im Übergangssystem! Und bauen Sie den jungen Menschen stabile Brücken in die Ausbildung!

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Birke Bull-Bischoff [DIE LINKE])

Die Bundesrepublik Deutschland braucht jedes junge Talent, und jedes Talent braucht eine Aufstiegsleiter. Irgendjemand von der SPD hat vorhin gesagt: Auch die ohne Talent brauchen das. Wir müssen uns also um alle jungen Menschen kümmern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Rainer Spiering [SPD]: Die SPD weiß es eben!)

– Die SPD weiß es fast so gut wie wir.

Wie Chancengerechtigkeit und Fachkräftesicherung zusammen gedacht werden können, haben wir in unserem grünen Antrag zu beschreiben versucht. Klar ist: In Zukunft muss deutlich mehr passieren, damit die berufliche Bildung – ich zitiere Sie, Frau Ministerin – wieder ein Pfund wird, mit dem das Land wuchern kann. Hier und da ein Programm – das wird nicht reichen, um die berufliche Bildung ins 21. Jahrhundert zu heben. Digitalisierung, Gleichwertigkeit der Bildungswege, Integration von Geflüchteten und nicht zu vergessen die gesamte Weiterbildung – das muss man tatkräftig gestalten, und da muss man, wie ich finde, klotzen, nicht kleckern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Ich bin überzeugt: Nur dann, wenn sich Bund, Länder und Kommunen zusammen mit Wirtschaft, Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft als Verantwortungsgemeinschaft verstehen und die jungen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und vom Elternhaus sicher in die Ausbildung kommen, kann man alle Potenziale nutzen. Dafür brauchen wir einen Berufsbildungspakt für Fachkräfte, der die auslaufende Allianz für Aus- und Weiterbildung ablöst und das Ganze auf eine neue Stufe hebt.

Sorgen Sie jetzt dafür, dass am Übergang von der Schule zum Beruf kein Talent und auch kein anderer Mensch mehr verloren geht! Bringen Sie Berufsorientierung früher an die Schulen! Und investieren Sie endlich in die beruflichen Schulen, damit die Herausforderungen der Digitalisierung und der Einwanderungsgesellschaft gestemmt werden können!

Sehr geehrte Frau Ministerin, nutzen Sie Ihre Chance! Sie haben vorhin gesagt, dass Sie sich nicht mit dem zufriedengeben, wie es ist. Das finde ich sehr gut. Ich wünsche Ihnen für Ihre Arbeit ganz viel Erfolg, hoffe auf gute Zusammenarbeit und wünsche mir, dass es selbstverständlich wird, dass ein Azubi bei uns Vorstandsvorsitzender werden kann. Ich glaube, das ist in unser aller Sinn.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)