Bundestagsrede von Harald Ebner 18.01.2018

Digitalisierung in der Landwirtschaft

Harald Ebner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Ja, die Landwirtschaft der Zukunft muss die Welternährung sichern und gleichzeitig unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhalten, also auch nachhaltig sein. Davon sind wir noch viel zu weit entfernt.

Das zeigt die Debatte um die leider noch immer zunehmende industrialisierte Intensivtierhaltung, um Antibiotikamengen, um Nitratbelastungen und um das Bienen- und Insektensterben. Hier geht es doch nicht um Informationsdefizite oder Spannungen zwischen der Landwirtschaft und den Verbrauchern, wie es im FDP-Antrag heißt, sondern das sind echte Probleme, und für die brauchen wir auch echte Lösungen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Den Ruf danach gibt es mittlerweile auch aus den Reihen der Landwirtschaft, wie ja der Vorstoß der DLG vor einem Jahr gezeigt hat. Lösungen sind vielfältig. Ja, die Digitalisierung wird, kann und muss ein Teil dieser Lösungen sein.

Der Antrag der FDP spricht einige wichtige Handlungsfelder an. Aber er ist mir zu einseitig. Wir haben wie bei den Saatgutherstellern mittlerweile auch bei den Landmaschinenherstellern extreme Marktkonzentrationen. Drei Konzerne kontrollieren mehr als die Hälfte des Weltmarktes. Da müssen wir doch wirklich Antworten auf die Fragen geben, wie wir hier fairen Wettbewerb, Marktoffenheit für neue Anbieter und auch Datenschutz sicherstellen, meine lieben Kolleginnen und Kollegen.

Wenn wir uns, um einen zweiten Aspekt anzubringen, vergegenwärtigen, dass unsere Lebensmittelerzeugung und ‑versorgung mittlerweile zunehmend von digitalen Systemen abhängt, dann müssen wir hier doch auch einmal ernsthaft über IT-Sicherheit im Bereich der Lebensmittelerzeugung und ‑versorgung reden und nachdenken.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Maik Beermann [CDU/CSU])

Bei aller wichtigen Begeisterung über neue Möglichkeiten muss auch klar sein: Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, um Ziele zu erreichen. Diese Ziele müssen wir formulieren. Es ist gut, wenn wir Pestizidmengen mit digitalen Techniken deutlich reduzieren können. Aber das ist eben nur ein Herumdoktern am falschen System. Wenn wir den Gesundheitszustand der Tiere per Sensor überwachen, dann ist das gut, aber eben noch lange keine artgerechte Tierhaltung.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Das wirkliche Potenzial neuer oder digitaler Technologien werden wir doch nur ausschöpfen können, wenn wir über die heutige Art der Landwirtschaft hinausdenken. Wir sollten uns eben nicht damit begnügen, Pestizide gezielter auszubringen. Es muss das Ziel sein, weitgehend ohne Pestizide zu wirtschaften.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Auch da gibt es schon vielversprechende Projekte, etwa entsprechende Roboter, Drohnen usw. Aber auch das Ausschöpfen dieser Möglichkeiten brauchen wir, um beispielsweise neue Mischkulturen anzubauen. So etwas geht heute mit entsprechender Technologie. Da können wir auch das Wort „Fruchtfolge“ neu definieren und in der Landschaft anwenden.

Die Potenziale der Digitalisierung sind nicht darauf beschränkt, immer nur größere Landmaschinen einzusetzen. Es geht nicht immer um einen größeren Kapitaleinsatz, sondern auch um Low-Cost-Systeme. Deshalb verdienen gerade die Ansätze, die auch kleineren Betrieben helfen, unsere Aufmerksamkeit. Plattformen wurden schon genannt. Ich bin auch der Meinung, sogar die Züchtung kann wieder dort effizient betrieben werden, wo sie jahrtausendelang praktiziert wurde, nämlich bei den Bäuerinnen und Bauern, wenn wir beispielsweise Systeme des Crowd-Breeding über digitale Techniken nutzen. Kleinbauern in Afrika können sich Märkte erschließen, sie könnten beispielsweise auch Netzwerke für den Saatgutaustausch etablierter regionaler Sorten nutzen. Das sind Projekte, die wir als Staat unterstützen müssen, weil das die Konzerne nicht von alleine machen.

Ich wünsche mir, dass sich da auch im BMEL einiges bewegt, dass wir nicht immer nur mehr vom Gleichen bekommen, sondern auch einmal etwas vom Neuen. Sonst ist vielleicht das Einzige, was wir am Ende dieser Legislatur zur Digitalisierung sagen können, dass die Agrarsubventionen am Ende in Schmidt-Coins ausbezahlt werden.

Vizepräsidentin Claudia Roth:

Das führen wir jetzt aber nicht mehr aus.

Harald Ebner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Das führen wir jetzt nicht mehr aus.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)