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Bundestagsrede von Erhard Grundl 02.03.2018

Deutsch als Landessprache

Erhard Grundl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrte Gäste auf der Tribüne! Um es einmal mit den Worten des bayerischen Philosophen Gerhard Polt zu fragen: Braucht’s des?

(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP und der LINKEN)

Nach § 23 des Verwaltungsverfahrensgesetzes des Bundes ist Deutsch in Parlamenten und Gerichten längst verpflichtend. Warum fordert die AfD trotz dieser Tatsache hier und heute eine Änderung des Grundgesetzes?

(Stephan Brandner [AfD]: Das haben wir Ihnen doch erklärt! Haben Sie nicht zugehört?)

Es ist das ewig gleiche Spiel. Noch in der letzten Woche hat einer der Abgeordneten der AfD vom drohenden Volkstod gesprochen. Heute malen Sie uns zur Abwechslung einmal den Niedergang der deutschen Sprache an Ihre Klagemauer der Ängstlichkeit.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Dass wir Deutsche eine anerkannte Wissenschaftssprache sowie eine vielfältige deutsche Literatur- und Mediensprache haben, spielt da natürlich keine Rolle.

Acht der zehn erfolgreichsten Künstleralben des Jahres 2017 in den deutschen Charts waren Produktionen in deutscher Sprache. Produkte in deutscher Sprache boomen in den Charts,

(Stephan Brandner [AfD]: Super! Spitze!)

und das alles ganz ohne Ihre Bevormundung.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN sowie der Abg. Gitta Connemann [CDU/CSU])

Wenn Sie von der AfD in Ihrer Gesetzesbegründung schon die Musikbranche bemühen, dann machen Sie sich bitte faktenfest.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Aber es geht der AfD nicht um das, was wirklich ist. Es geht wie immer nur um eines: Es geht darum, Angst zu schüren, Weltuntergangsszenarien zu entwerfen und zu spalten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Es geht der AfD darum, die eigene Kleinkariertheit unserem Land und seiner Bevölkerung überzustülpen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Was die AfD hier vorlegt, ist nicht neu; es ist auch nicht provokant. Es ist rückwärtsgewandt und kulturell einfältig.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Es ist eine Wagenburg, die die Weiterentwicklung unserer Sprache stärker bedroht, als es jede Veränderung tun könnte. Warum sagen Sie eigentlich nicht, was Sie wirklich wollen? In Wahrheit wollen Sie eine deutsche Leitkultur ins Grundgesetz schreiben.

(Stephan Brandner [AfD]: Der Antrag kommt auch noch! Der kommt später!)

Aber ich kann Ihnen sagen, warum Sie das nicht tun: weil Sie gar nicht wissen, was diese deutsche Kultur ausmacht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Herr Kollege Brandner, bei Ihnen weiß man nie, ob Sie morgens mit der Schmusedecke oder mit der Machete aufgewacht sind; ich weiß.

(Stephan Brandner [AfD]: Heute war es die Schmusedecke!)

Aber ich würde Ihnen empfehlen, einfach einmal zuzuhören und zu relaxen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Sie haben keinen positiven Begriff von unserer Kultur. Was ist denn dieses Eigene, das Sie verteidigen wollen? Was ist Ihr positives Bild der deutschen Kultur, der deutschen Sprache? Welche deutschen Künstler könnten Sie anführen? Goethe, Heine, Thomas Mann, Funny van Dannen, Rammstein, Die Ärzte? Alle diese Künstler, die sich wirklich mit der deutschen Sprache auseinandersetzen, haben sich gegen Ihren dumpfen Nationalismus gewandt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)

Meine Damen und Herren, ich bin überzeugt, dass man seine Muttersprache nicht stärkt, indem man sie kleinredet und wehleidig daherkommt, wie es die AfD tut. Wenn es Ihnen wirklich um unsere Sprache ginge, würden Sie sich selbstbewusst einsetzen für guten Sprach­unterricht für Muttersprachler und für Migrantinnen und Migranten.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD sowie der Abg. Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE])

Außerdem: Welches Deutsch gehört für Sie per se dazu und welches nicht? Was ist mit der Sprache der Hip-Hopper, der Rapper? Was ist mit dem eigenwilligen Deutsch der Trolle, die in den sozialen Netzwerken pöbeln, drohen und AfD-Positionen verbreiten? Ist das Ihre „Landessprache“?

(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)

Was ist mit den Minderheitensprachen in Deutschland, mit den angestammten und den zugewanderten? Sollen wir denen, die Nordfriesisch, Dänisch oder Sorbisch, Wendisch oder Romani schnacken, demnächst vorschreiben, wie sie zu reden haben?

(Stephan Brandner [AfD]: Das habe ich Ihnen erklärt!)

Wie schaut es mit extremen Dialekten wie etwa dem Oberpfälzischen aus?

(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)

Bei Türkisch erübrigt sich die Frage sicherlich für die AfD. Die AfD glaubt ganz augenscheinlich nicht an die Kraft und Stärke der deutschen Sprache, an ihre Kraft, sich wandeln zu können und gerade dadurch einzigartig zu sein.

Natürlich: Wir alle, von der Bundeskanzlerin – wenn sie da ist – bis zur 709. Parlamentarierin, chatten, twittern und liken; rechts außen wird wohl mehr gehatet.

(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Unsere Muttersprache entwickelt sich weiter im alltäglichen Gebrauch durch den Erfindungsreichtum in der Jugendsprache, im Hip-Hop, in der Literatur und, ja, auch hier im Parlament. Wäre unsere Sprache nicht in der Lage, sich zu verändern, würde sie ihre Funktion aufgeben als Instrument der Kommunikation und der Identifikation mit unserer Zeit, mit unserem Land, mit den Menschen, die hier zusammen leben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP und der LINKEN)

Hinter diesem Gesetzentwurf steht ein Kulturverständnis der Abschottung und Ausgrenzung. Kulturen und Sprachen verändern sich; das macht sie spannend und reich. Im Austausch der Kulturen entsteht Neues; dort findet Inspiration statt. Nichts davon steht in diesem Gesetzentwurf. „Braucht’s des?“, fragt Polt. Ich sage ganz klar: Nein.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP und der LINKEN)