Fachkräftemangel PflegeDringend gesucht: PflegerIn

Überall fehlen Pflegekräfte, viele steigen vorzeitig aus dem Beruf aus. Diejenigen, die bleiben, sind überlastet und haben jeden Enthusiasmus, mit dem sie einst den Beruf erlernt haben, verloren. Wenn immer weniger Pflegekräfte immer mehr leisten müssen, entsteht eine Spirale, die zu Krankheiten, Fehlzeiten und noch höherer Arbeitsbelastung der Verbliebenen führt. Statt hier anzusetzen und für mehr Personal zu sorgen, verheddert sich die Bundesregierung in unzähligen Reformen, die vor allem Geld kosten und den Pflegekräften ständig wieder etwas Neues abverlangen.

„Es ist bereits fünf nach zwölf.“ Mit diesen deutlichen Worten eröffnete die pflege- und altenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Elisabeth Scharfenberg, die Auftaktveranstaltung der Gesprächsreihe „Zukunft der Pflege“. Fachkräftemangel, Überlastung des Pflegepersonals und die dringende Notwendigkeit, den Pflegeberuf attraktiver zu machen, waren Themen des Abends, die von den Podiumsgästen Silvia Bühler von der Gewerkschaft ver.di und Bernd Meurer vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert wurden. Zahlreiche Interessierte aus dem Publikum, darunter viele Pflegekräfte, brachten Berichte aus der Praxis ein.

Drastische Maßnahmen wie eine Absenkung der Fachkraftquote und die erhöhte Ausbildung von Pflegehilfskräften sind notwendig – diese These vertrat der Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. med. Fritz Beske in seinem Thesenpapier.

Attraktivität der Pflege

Was macht den Pflegeberuf attraktiv? Mit dieser Frage eröffnete die Moderatorin des Abends, die Journalistin Martina Schrey, die Diskussion. Mit Menschen arbeiten, abwechslungsreiche Tätigkeiten auszuüben und vor allem das Gefühl, helfen zu können, sind gute Voraussetzungen für Zufriedenheit in diesem Beruf, so Bernd Meurer. Woran es mangelt, verdeutlichte Silvia Bühler. Schon während der Ausbildung machten viele die Erfahrung, dass wegen der Überlastung des Personals für Praxisanleitung keine Zeit bleibt und stattdessen Azubis wie Vollzeitkräfte mit anpacken und Lücken stopfen müssten – bis hin zu verpflichtenden Überstunden. Da sei es nicht erstaunlich, dass nur 60 Prozent mit ihrer Ausbildung zufrieden seien – im Vergleich zu 70 Prozent in anderen Berufen.

Einig waren sich alle drei Diskutanten, dass die Reform der Pflegeausbildung den Beruf nicht attraktiver machen werde: Elisabeth Scharfenberg warnte vor dem Verlust von Wissen. Zudem seien Menschen, die Altenpfleger werden wollen, oft Späteinsteiger, die keine generalistische Ausbildung machen wollten. Diese Menschen würden der Pflege verloren gehen.

Das Finanzierungsdilemma

Aus der Frage nach der Bezahlung von Pflegekräften entspann sich eine kontroverse Debatte über die Finanzierung des Personals. Nach Ansicht von Bernd Meurer sind fehlende Zuschüsse der Pflegeversicherung und der Wettbewerb zwischen den Pflegeheimen Ursache für die schlechte Bezahlung der Pflegekräfte. Und da der Wettbewerb zwischen den Pflegeheimen über den Preis laufe, wagten die Einrichtungen es nicht, die Pflegebedürftigen über Gebühr zu belasten. Also werde beim Lohn gespart, sagte Meurer.

Frau Bühler stellte die Wettbewerbsorientierung mit der Frage „Brauchen wir Aktiengesellschaften im Gesundheits- und Pflegewesen?“ grundsätzlich auf den Prüfstand. Eine bessere Bezahlung durchzusetzen scheitere auch daran, dass nur wenige Pflegekräfte gewerkschaftlich organisiert seien und es keinen Arbeitgeberverband gebe, mit dem man verhandeln könne. Um die Situation der Pflegekräfte zu verbessern, forderte Herr Meurer, dass die Kostenträger das bezahlen müssen, was notwendig ist: ausreichend Personal, die Fachkraftquote.

Viele Themen bewegen die Pflege, das zeigte die anschließende Diskussion mit dem Publikum. So plädierten anwesende Pflegefachkräfte für eine Pflegekammer, durchaus auch mit Pflichtmitgliedschaft. Diese war jedoch umstritten, ebenso wie die Frage, ob über die Kammer die Pflege mit einer Stimme spricht, wenn Pflegehilfskräfte von der Mitgliedschaft ausgeschlossen sind. Auch zur Ausbildung gab es verschiedene Vorschläge: Eine vierjährige generalistische Ausbildung könne mehr Wissen vermitteln, eine gestufte Ausbildung würde es Menschen ermöglichen, erst als Helfer einzusteigen und sich dann weiterzubilden. Kritik gab es am Übermaß an Kontrolle: MDK-Prüfungen und Pflegenoten würden keine gute Pflege garantieren. Wertschätzung statt Misstrauen wurde gefordert. Auch die ständigen Reformen wurden als Problem identifiziert: neue Pflegestufen, neuer Pflegebegriff, neue Pflegeausbildung. Pflege will in Ruhe gelassen und nicht andauernd von Strukturveränderungen belästigt werden.

FAZIT: Pflege braucht mehr Öffentlichkeit

Einig waren sich alle Teilnehmer: Pflege braucht mehr Öffentlichkeit. Pflege geht die gesamte Gesellschaft an.

Nur ein Aktionsbündnis aus allen Betroffenen kann dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Politik in Bund, Land und Kommunen muss gemeinschaftlich mit Selbstverwaltung, Gewerkschaften, Arbeitgebern und Verbänden handeln, um gute Pflege zu ermöglichen. Bezüglich der Personalbemessung muss schnell gehandelt werden, behindernde Faktoren wie ausufernde Dokumentation oder Diskussionen um Pflegenoten gestoppt werden. Wertschätzung für den Pflegeberuf steht im Vordergrund. Diese muss sich in guter Bezahlung und guten Arbeitsbedingungen widerspiegeln. Die grüne Bürgerversicherung kann durch die Beteiligung aller Bürger und aller Einkommen für eine solidarische und gerechte Finanzierung dieser Leistungen sorgen.

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2 Kommentare
Das stimmt so nicht
Katharina Schulz 12.07.2016

Liebe Grüne,
der Artikel stimmt so nicht. Was für ein grober Fehler und dilettantische Recherche in Bezug auf die Refinanzierung der Gehälter sich im Text versteckt, das ist für eine Bundestagsfraktion erstaunlich. Oder haben Sie die letzten PSG-Änderungen nicht bemerkt, in der ganz klar die tarifliche Bezahlung in den Verhandlungen der Kassen zugrunde gelegt werden können/müssen und damit klar ist, wer dafür aufkommt - doch nicht der Bewohner. Herrn Meurer in diesem Punkt zu zitieren und nicht zu widerlegen ist unverzeihlich. Sie bieten ihm damit die Bühne und man meint: Ach wie gut, dass wenig gezahlt wird, dann bleibt es nicht bei den Bewohnern hängen. So ein Samariter! MfG

@Frau Schulz
Redaktion 09.11.2016

Sehr geehrte Frau Schulz,

es tut uns leid, wenn der Text missverständlich ist. Sie haben recht, seit dem Ersten Pflegestärkungsgesetz darf bei Vergütungsverhandlungen tarifliche Bezahlung in stationären Einrichtungen nicht als unwirtschaftlich abgelehnt werden. Dass das so im Gesetz steht, heißt aber noch lange nicht, dass die Einrichtungen diese Vergütungen auch tatsächlich mit den Kassen aushandeln. Die Gründe dafür mögen mangelndes Verhandlungsgeschick, eine unzureichende Vorbereitung oder fehlende Unterlagen sein. Uns sind schon mehrere Berichte aus Einrichtungen zu Ohren gekommen, nach denen Pflegeeinrichtungen Tariflohn zahlen wollten und sich auch bemüht haben, alle erforderlichen Unterlagen vorzulegen - und sich bei den Verhandlungen doch nicht durchsetzen konnten.

Und es gibt, neben den Pflegesätzen, die eine Einrichtung erstattet kriegt, in den meisten Einrichtungen auch noch einen Eigenanteil, den die Bewohner zusätzlich zu den Kosten für Unterkunft und Pflege sowie zu den Investitionskosten selbst zahlen müssen. Denn die Leistungen der Pflegeversicherung reichen in den meisten Fällen nicht aus, um die Pflege davon vollständig zu finanzieren.

Darauf bezog sich Herr Meurer, als er davon sprach, dass viele Einrichtungen versuchten, diesen Eigenanteil möglichst gering zu halten, indem sie dafür beim Personal etwas sparen. Selbstverständlich billigen wir das nicht. Darum fordern wir seit langem ein bundesweit verbindliches Personalbemessungsinstrument, in dem festgelegt wird, wie viel Personal notwendig ist, und eine ebenso verbindliche Refinanzierung für dieses Personal.

Freundliche Grüße,
die Redaktion

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