PflegeberufGute Pflege ist kein Gemischtwarenladen

Wir leben in einer hochspezialisierten Gesellschaft. Der medizinische und der pflegerische Fortschritt verlangen von den Pflegekräften immer mehr Wissen und Können. Die stark älter werdende Gesellschaft verändert die Ansprüche, die eine Pflegekraft erfüllen muss. Bereits in der Ausbildung muss auf diese Veränderungen Rücksicht genommen werden. Deshalb ist es dringend notwendig, die bisherige Pflegeausbildung zur Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege zu überdenken und zu reformieren. Ein junger und frischer Ausbildungsberuf muss entstehen, der es attraktiv macht, sich für die Pflege zu entscheiden.

Als erste Bundestagsfraktion haben Bündnis 90/Die Grünen bereits im März 2011 intensiv mit den Vor- und Nachteilen der unterschiedlichen Reformoptionen wie integrierte, generalisierte und integrative Pflegeausbildung beschäftigt. Es wurden Auszubildende, Lehrer und spätere KollegInnen nach ihren Erfahrungen mit den unterschiedlichen Modellausbildungen befragt. Danach stand für uns fest, dass ein Teil der unterschiedlichen Pflegeausbildung von Kinderkranken-, Kranken- und Altenpflege zusammengeführt werden kann, indem er die inhaltliche Überschneidung bündelt. Im fortgeschrittenen Teil der Ausbildung wollen wir – zumindest vorerst – an der Spezialisierung in den Bereichen Alten-, Kinder-, Gesundheits- und Krankenpflege festhalten. Denn eine Ausbildungsreform muss einerseits den heutigen Versorgungsanforderungen Rechnung tragen und andererseits die Weichen für die Versorgungsbedarfe von morgen stellen.

Den Pflegeberuf modernisieren und Expertenwissen erhalten

Deshalb plädieren wir in unserem Antrag „Integrative Pflegeausbildung – Pflegeberuf aufwerten, Fachkenntnisse erhalten“ für ein integrativ gestuftes Ausbildungssystem: Im ersten Abschnitt erfolgt die gemeinsame Ausbildung auf Grundlage einer einheitlichen Ausbildungsordnung, im zweiten Teil findet die Spezialisierung im gewählten Schwerpunkt statt, der sich an den bisherigen Abschlüssen orientiert. Im Anschluss können weitere Abschlüsse erworben werden oder auch nach einer Zeit der Berufsausübung auch berufsbegleitend nachgeholt werden. Damit wird der hohe Grad an Fachlichkeit und Expertenwissen in den drei Pflegeberufen und die in Europa einzigartige Expertise im Bereich der Altenpflege erhalten.

Gleichzeitig muss ein durchlässiges und modular aufgebautes Aus- und Weiterbildungssystem mit einem einheitlichen Anerkennungsverfahren entstehen: Allen soll es möglich sein, sich von der Pflegehilfs- oder Assistenzkraft über die Pflegefachkraft bis zur zentralen Leitungsposition oder zur Professur zu qualifizieren. In einem solchen Qualifizierungssystem müssen bereits geleistete Ausbildungsinhalte anerkannt werden.

Die Ausbildung muss solide finanziert sein und den Auszubildenden kostenfrei angeboten werden. Es darf nicht sein, dass am Ende die pflegebedürftigen Heimbewohner oder die Kommunen mit den Ausbildungskosten belastet werden.

Die Versorgungslandschaft muss wesentlich durchlässiger für die Pflegeberufe und andere Heilberufe werden. Kliniken müssen ganz selbstverständlich auch Pflegekräfte mit dem Schwerpunkt Altenpflege beschäftigen können. Damit aber nicht genug: die zunehmende Zahl von älteren Patienten und Patientinnen bedeutet auch, dass Krankenhäuser ihre eigene Struktur in Frage stellen müssen. So brauchen sie etwa demenzfreundliche Stationen, damit die betroffenen Personen auch als PatientInnen durch die dortige Umwelt stabilisiert werden.

Gefahren einer überstürzten Reform der Pflegeausbildung

Eine Reform der Pflegeausbildung darf auf keinen Fall einen Berufsabschluss hervorbringen, der als geringer qualifiziert angesehen wird als die bisherigen und zudem mit geringer Entlohnung einhergeht. Seit Jahrzehnten versucht die Pflege ihr Image der billigen, dienenden und zugleich allzuständigen Assistenzkraft loszuwerden und ihre Kompetenzen und ihren Wert deutlich zu machen.

Die von der Bundesregierung mit dem Pflegeberufegesetz geplante komplett generalistische Pflegeausbildung sieht nur schmale Vertiefungseinsätze in den einzelnen Fachgebieten vor. Dadurch verstärkt sie den schädlichen und falschen Eindruck der allseitigen Verfügbarkeit der Pflege statt diese endlich aufzuwerten. Wir befürchten dadurch einen Verlust an Fachwissen, das in der alternden Gesellschaft dringender denn je gebraucht wird. Auch darf es nicht dazu kommen, dass die endlich steigende Ausbildungszahl – die derzeit vor allem in der Altenpflege stattfindet – gefährdet wird und abreißt.

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