PflegeberufePflegeausbildungsreform aussetzen bis offene Fragen geklärt

Die bisherigen Pflegeberufe, Kinderkranken-, Kranken- und Altenpflege sollen zu einer einheitlichen Pflegeausbildung zusammengelegt werden. Herauskommen sollen die Pflegefachfrau oder der Pflegefachmann, die nach den Vorstellungen der Bundesregierung überall einsetzbar sind.

Aus drei Berufen einen zu machen – diese Rechnung geht nur schwer auf. Die ganze Reform der Pflegeausbildung ist noch immer nicht richtig durchdacht. Vieles bleibt im Unklaren. Vieles ist reine Spekulation. Zum Beispiel wird behauptet, dass der Pflegeberuf durch die Generalisierung der bisherigen drei Ausbildungszweige attraktiver werden wird und mehr Menschen in diese Ausbildung gehen. Das wiederholen Gesundheitsminister Gröhe und seine Amtskollegin im Familienministerium Schwesig mantraartig.

Allein aufgrund einer Vermutung ein Experiment in derartigem Ausmaß zu starten, ist fahrlässig. Was einen Beruf attraktiv macht, sind die Arbeits- und sicherlich auch die Ausbildungsbedingungen. Daran muss gearbeitet werden – auch mit den Ausbildungsträgern. Wenn eine Auszubildende über Facebook schreibt, dass sie allein gelassen wird auf der Station, dann sagt dies mehr über den Pflegeberuf aus als die Frage, ob sie auch ins Krankenhaus wechseln kann. Schon heute arbeiten Krankenschwestern im Pflegeheim, im ambulanten Dienst. Dagegen findet man kaum Altenpfleger im Krankenhaus – warum eigentlich nicht? Auch dort würden sie gebraucht.

Klares Nein, zum Kompetenzverlust

Zu viele Fragen bleiben unbeantwortet. Wie kann man vermeiden, dass es zu einem Wissensverlust in der Ausbildung kommt? Kann man realistischer Weise erwarten, dass bei der Zusammenführung von drei Ausbildungen alle Lehrinhalte erhalten bleiben? Was wirklich in der Ausbildung vermittelt wird, regelt die Verordnung zum Gesetz. Auch hierzu gibt es nur Mutmaßung – jeder hofft, dass kein Ausbildungsinhalt gestrichen wird. Aber was dann schlussendlich kommt, weiß keiner. Wissen zukünftige Auszubildende damit wirklich, worauf sie sich einlassen?

Wie kann die Vertiefung für das spätere Arbeitsfeld erfolgen? In der Ausbildung wird ein breites Wissen vermittelt, aber die Praxis verlangt immer mehr nach Spezialisten. Mit der jetzigen Pflegeausbildungsreform geht man den umgekehrten Weg – raus aus der Spezialisierung, rein ins Breitbandwissen. Was nun? Muss also im Anschluss an die dreijährige Pflegeausbildung eine Spezialisierung erfolgen?

Kosten unklar

Die Frage der Kostenübernahme der notwendigen Fort- und Weiterbildung nach der Ausbildung spart die Bundesregierung gleich ganz aus. Bereits die Gesamtkosten für die Reform sind nicht seriös gerechnet. So beruht ein Gutachten zur Finanzierung der Pflegeberufsreform auf veralteten Zahlen. Die Mehrkosten für die Reform dürften also noch erheblich zu Buche schlagen und auch bei den Ländern, Kommunen und nicht zuletzt bei dem Pflegeheimbewohner landen.

Chaos in Ausbildung vorprogrammiert

Wie viele werden sich dann noch für den Beruf interessieren? Um Pflegefachfrau oder -mann zu werden, müssen sieben verschiedene Praktika innerhalb von drei Jahren absolviert werden. Der Auszubildende muss alle Tätigkeitsfelder einmal kennengelernt haben. Das stellt die Ausbildungsbetriebe vor ein Dilemma. Welcher Ausbildungsbetrieb soll überhaupt noch Azubis aufnehmen, wenn diese selten im Unternehmen sind? Es wird kaum noch eine Bindung an den Ausbildungsbetrieb geben und auch keine Identifikation. Ganz zu schweigen von den begrenzten Ausbildungskapazitäten in der Kinderkrankenpflege. Zudem geht in Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, in denen derzeit den Betrieben 100 Prozent der Ausbildungskosten erstattet werden, die Finanzierung verloren. Künftig sollen die Betriebe einen prozentualen Anteil der Ausbildungskosten zahlen. Damit gefährdet man die Erfolge in diesen Ländern.

Gesetzgebungsverfahren aussetzen

Kurzum, die Argumente der Bundesregierung überzeugen nicht. Deshalb fordern wir ein Moratorium, bis die wichtigsten Fragen geklärt sind. Wir benötigen eine Risikoabschätzung, ob wirklich die Anzahl der Azubis steigt. Wir müssen wissen, wie viel die Reform kostet und wer welchen Anteil tragen muss. Und wir brauchen die Vorlage der Ausbildungsinhalte. Erst dann kann jeder beurteilen, ob die Kinderkrankenpflege unter den Tisch fällt oder ob die so wichtige Biografiearbeit in der Altenpflege sowie Validation noch gelehrt werden kann.

Auch und vor allem die Patientinnen und Patienten, die Angehörigen und Pflegebedürftigen oder Sterbenden müssen sich auf eine qualitative gute Pflege verlassen können. Es geht nicht nur um möglichst viele Hände, sondern um möglichst kundige Hände in der Pflege.

Vor diesem Hintergrund hat Elisabeth Scharfenberg MdB, pflege- und altenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, ein Moratorium für diese Pläne der Bundesregierung ins Leben gerufen.

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1 Kommentar
Pflegeberufegesetz aussetzen
Michael Wipp 21.02.2016

Ich schließe mich dem Moratorium Pflegeberufegesetz um Aussetzung derselben an.

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