PflegeausbildungQualität der Ausbildung und Versorgung

Auszubildender prüft in Schuleklasse Blutdruck von Pflegekraft

Die Reform der Pflegeausbildung wird von der Bundesregierung mit den gestiegenen Anforderungen an den Pflegeberuf unter anderem durch die alternde Gesellschaft begründet.

Es ist zwar richtig: Die Patienten in Krankenhäusern werden älter, oft sind sie auch dement. In Altenpflegeinrichtungen hat man es aber nicht nur mit alten, sondern auch mit kranken, oft multimorbiden Menschen zu tun. Aus eben diesem Grund müssen fachspezifische Kompetenzen sowohl der Kranken- als auch der Altenpflege erhalten bleiben.

Generalistische Pflegeausbildung, ein tragfähiges Konzept?

Die generalistische Pflegeausbildung sieht vor, Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zu einem einheitlichen Pflegeberuf zusammenzuführen. Die neue Berufsbezeichnung heißt "Pflegefachfrau" beziehungsweise "Pflegefachmann". Die jeweiligen Schwerpunkte bleiben in der neuen Ausbildung in geringerem Umfang als in den eigenständigen Pflegeberufen erhalten.

Durch die Zusammenführung geht jedoch Wissen verloren. Eine generalistische Pflegekraft kann erst einmal nicht alle Bereiche abdecken. Die bessere Lösung wäre, vermehrt Altenpflegekräfte in Krankenhäusern und Krankenpflegekräfte in Altenpflegeeinrichtungen einzustellen. Altenpflegekräften ist das bisher fast überall verwehrt.

Verlust von Wissen und Kompetenz

Wir erkennen auch nicht, dass die generalistische Ausbildung den Pflegeberuf attraktiver macht, wie die Befürworter behaupten. Wir befürchten eher das Gegenteil. Der Verlust von Wissen und Kompetenzen wertet den Beruf ab, kann sogar zu Gehaltsverlusten führen.

Attraktivier werden die Pflegeberufe vor allem durch bessere Arbeitsbedingungen: Ein besserer Arbeits- und Gesundheitsschutz und insbesondere eine vernünftige Personalausstattung. Deswegen brauchen wir in Kliniken und Altenpflegeeinrichtungen dringend ein System zur objektiven Personalbemessung.

Eine Reform der Pflegeausbildung muss die Versorgung von PatientInnen und Pflegebedürftigen verbessern. Im Arbeitsentwurf der Bundesregierung vom Juni ist aber noch vieles unklar. Es droht die Gefahr, dass die Ausbildungskapazitäten – zumindest vorübergehend – geringer werden.

Wir haben die Bundesregierung nach verschiedenen Faktoren gefragt, die eine Auswirkung auf die Ausbildungskapazitäten haben können. Nun liegt ihre Antwort vor.

Betroffen sind zum einen die Kosten für eine generalistische Ausbildung und zum anderen die Möglichkeiten der Schulen, eine generalistische Ausbildung anbieten zu können. So ist zum Beispiel höchst fraglich, ob alle Pflegeschulen die erhöhten neuen Anforderungen erfüllen und ihren Lehrbetrieb unvermindert aufrechterhalten können. Bereits heute herrscht an Pflegeschulen akuter Lehrkräftemangel. In Zukunft müssen alle Lehrkräfte nach einer 5-10-jährigen Übergangsfrist eine akademische Qualifikation nachweisen können. Das gilt in der Altenpflegeausbildung heute noch nicht. Akademisch qualifizierte Lehrkräfte sind wünschenswert, es wird allerdings schwierig werden, den Bedarf in so kurzer Zeit zu decken. Zudem braucht es mehr Praxiseinsatzorte und entsprechend qualifizierte PraxisanleiterInnen, wenn künftig alle Auszubildenden alle Bereiche durchlaufen sollen.

Höhere Kosten bei zugleich weniger Ausbildungsplätzen

Die generalistische Pflegeausbildung wird teurer als die bisherigen Ausbildungen. Es ist richtig, für bessere Qualität in der Ausbildung mehr Geld in die Hand zu nehmen. Allerdings dürfen Mehrkosten – die von den Krankenhäusern, den Pflegeeinrichtungen und den Ländern zu stemmen sind – nicht zu einem Abbau von Ausbildungsplätzen führen. Darum sollte die Bundesregierung ehrlich mit diesen Zahlen umgehen.

Vor einer Stellungnahme zu diesen Risiken und einer klaren Kostenaussage drückt sie sich die Bundesregierung aber. Sie könne die Kosten derzeit noch nicht beziffern, werde dies aber im Referentenentwurf tun, der bald kommen soll. Wir fragen uns, auf welcher Grundlage diese Berechnungen stehen sollen, wenn jetzt noch keine Aussagen gemacht werden können.

Zwar haben 2013 die prognos AG Berlin und das Wissenschaftlichen Institut der Ärzte Deutschlands (WIAD) in einem Gutachten zur „Finanzierung eines neuen Pflegeberufegesetzes“ die Kosten dargelegt. Danach sollen sie bei einer generalistischen Ausbildung von 2,4 auf 2,7 Milliarden Euro steigen. Finanziert werden soll die gemeinsame Pflegeausbildung und alle damit einhergehenden Kosten (Praxisanleitung, Schulkosten, Nachqualifizierung von Lehrkräften etc.) aus Fonds auf Landesebene. In die Fonds sollen die Krankenhäuser 57,2 Prozent, ambulante und stationären Pflegeeinrichtungen 32 Prozent, die Länder 9 Prozent und die soziale Pflegeversicherung – unter Beteiligung der privaten Pflegeversicherung zu einem Zehntel bis 1,8 Prozent einzahlen.

Fragwürdige Kostenberechnung

Wir halten die Kostenberechnung jedoch für fragwürdig. Was die Schulkosten betrifft, so beruhen die Kalkulationen vor allem auf Daten der Krankenpflege-Ausbildung. Zu diesen Daten gibt es Zugang über die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Für die schulische Altenpflegeausbildung wurden keine eigenständigen Daten erhoben. Auch zu den Kosten der Organisation, des Aufbaus und der Verwaltung der jeweiligen Länderfonds gibt es bisher keine validen Berechnungen.

Geht es nach Schwarz-Rot, dann ist alles überhaupt kein Problem. Dennoch zögert die Bundesregierung die seit Jahren angekündigte Ausbildungsreform immer weiter hinaus. Vermutlich weiß sie selbst sehr genau, dass diese Reform große Schwächen hat. Die Bundesregierung muss sich jetzt ehrlich und ernsthaft mit den Bedenken auseinandersetzen, die von verschiedensten Seiten gegen die generalisierte Pflegeausbildung geäußert werden.

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