Pflegende AngehörigeWas pflegenden Angehörigen hilft

Was pflegende Angehörige leisten, ist durch professionelle Pflege nicht zu ersetzen: Bereits jetzt herrscht Fachkräftemangel in der Pflege und es wäre auch um ein Vielfaches teurer.

Von 2,6 Millionen Pflegebedürftigen werden über 70 Prozent zuhause versorgt, 1,25 Millionen ausschließlich durch die Familie, über 600.000 durch Familie und ambulante Dienste. Oft ist es nicht nur eine einzige Person, die die Pflege übernimmt, so dass vier bis fünf Millionen Menschen sich um pflegebedürftige Angehörige, manchmal auch Freunde, kümmern. Oft sind sie berufstätig, kümmern sich auch um eigene Kinder. Wie sie unterstützt werden können, darum ging es bei der Veranstaltung der grünen Bundestagsfraktion am 6. Juli 2016.

Zum Einstieg wurde ein Ausschnitt aus dem Film „Mehr als ich kann – ein Film über den Pflegealltag im Verborgenen“ des Österreichers Herbert Link gezeigt. Darin kommen Pflegende zu Wort, die sich alleingelassen fühlen und sich mehr oder weniger deutlich bessere Unterstützung durch die Gesellschaft wünschen. Die pflege- und altenpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, Elisabeth Scharfenberg, kündigte in ihrem Eingangsstatement der Veranstaltung an, genau hinzuschauen, was die pflegenden Angehörigen brauchen und ob die Unterstützung, die es derzeit schon gibt, auch wirklich bei ihnen ankommt.

INDIVIDUELLES CASE MANAGEMENT GEGEN DIE UNÜBERSICHTLICHKEIT BEI DEN ANGEBOTEN

Dr. Hanneli Döhner, Initiatorin der Angehörigenorganisation „wir pflegen“ verwies darauf, dass die Angebote, die pflegende Angehörige entlasten könnten, völlig unübersichtlich sind. In einer Pflegesituation hat niemand die Muße, sich gründlich zu informieren. Darum sind der Austausch mit anderen pflegenden Angehörigen und vor allem eine gute, begleitende Beratung des Pflegebedürftigen und seiner Familie wichtig. Und das betrifft die gesamte Zeit so lange die Pflege andauert, denn es gibt immer wieder neue Herausforderungen.

Elisabeth Scharfenberg erläuterte in diesem Zusammenhang das grüne Konzept des unabhängigen, individuellen Case Managers, der Pflegebedürftige begleitet und für sie und ihre Familien Unterstützungsarrangements zusammenstellt. Denn individuelle Fragen können nicht pauschal beantwortet werden. Eng damit verknüpft ist die Idee des persönlichen Pflegebudgets: Pflegebedürftige können sich ihre Leistungen – auch zu Teilhabe und hauswirtschaftlicher Versorgung – selbst zusammenstellen und einkaufen.

SCHNITTSTELLEN NUTZEN – ANGEHÖRIGE VOR KRANKHEIT SCHÜTZEN

Pflegende Angehörige werden häufiger krank. Um sie besser davor zu schützen, sollte früher gegengesteuert werden. Es gibt auch einige Ansätze, sie sind jedoch, wie so oft, nicht zu Ende gedacht. So werden pflegende Angehörige explizit im Präventionsgesetz erwähnt, es gibt aber keine Verbindung zwischen dem Präventionsgesetz und dem dritten Pflegestärkungsgesetz (PSG 3), in dem die Beratung geregelt wird.

Hausärzte spielen eine große Rolle in Pflegehaushalten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat ein vielversprechendes Modell entwickelt, mit dem pflegende Angehörige vom Hausarzt des Pflegebedürftigen erkannt, und, wenn sie gesundheitliche Probleme haben, beraten werden können. Doch so lange es keine Abrechnungsziffer dafür gibt, dürfte dieses Modell scheitern.

ANGEHÖRIGENPFLEGE BEDEUTET EMOTIONALEr DRUCK

Gabriele Tammen-Parr, Geschäftsführerin von „Pflege in Not, der Beratungs- und Beschwerdestelle bei Gewalt und Konflikt in der Pflege älterer Menschen“ stellte dar, wie die Belastung nach Jahren und Jahrzehnten der Pflege, die oft liebevoll und engagiert begann, steigt. Weil die Verhältnisse sich ändern. Oft brechen alte Konflikte wieder auf. Aggressionen in der Pflege seien normal, sie sind ein Zeichen dafür, dass man sich Hilfe holen sollte, dass eine Änderung des Pflegearrangements notwendig ist. Auch hier hilft Beratung – wie durch „Pflege in Not“.

GRÜNE PFEGEZEIT PLUS MIT LOHNERSATZ UND FLEXIBILITÄT

Auf die Frage der Moderatorin Martina Schrey, was der Unterschied zwischen Kindererziehung und Pflege sei, waren alle einhellig der Meinung, dass Pflege sehr viel weniger wertgeschätzt werde. Sowohl von den Unternehmen als auch von Gesellschaft und Politik. Das wird auch an der unterschiedlichen Behandlung von Eltern und pflegenden Angehörigen bei Elternzeit und Pflegezeiten sowie bei der Rentenanrechnung für Kindererziehung und Pflege deutlich.

Die Pflegezeiten müssen selbst finanziert werden, und sie erreichen auch nur einen Teil der berufstätigen pflegenden Angehörigen. Sie sind ein Flop, wie die nach wie vor geringe Inanspruchnahme zeigt. Als bessere Lösung schlagen Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion die PflegezeitPlus vor: Drei Monate Auszeit mit Lohnersatzleistung, um alles zu organisieren. Zusätzlich jedes Jahr zehn Tage, die flexibel freigenommen werden können, wenn der Pflegebedürftige Unterstützung braucht, wenn sich die Situation verschlechtert, wenn ein Arztbesuch oder ein Krankenhausaufenthalt ansteht. Dafür gibt es ebenfalls eine Lohnersatzleistung, wie beim Kindergeld.

BERATUNG UND VERNETZUNG SIND DAS A UND O

In der anschließenden Diskussion mit vielen engagierten Vertreterinnen aus der Berliner Pflegeberatung wurde noch einmal sehr deutlich, dass die unabhängige Beratung durch jemanden, der sowohl den Pflegebedürftigen und seine Familie wie auch die Situation vor Ort kennt, essentiell dafür ist, dass Pflege zuhause gelingt. Die Case Managerin sucht aus den Angeboten vor Ort diejenigen aus, die auf die individuellen Bedürfnisse passen; professionelle Pflege wird durch bürgerschaftliches Engagement ergänzt. Es gibt Angebote für Gesprächsgruppen für Angehörige und vieles mehr. Diese Strukturen müssen ausgebaut werden. Die grüne Bundestagsfraktion wird beim PSDG 3 sehr genau hinsehen, dass das im Sinne der Pflegebedürftigen und ihrer Familien geschieht und dass ihre Organisationen einbezogen werden.

Zum Schluss durften Frau Scharfenberg und ihre Gäste sich noch etwas für die pflegenden Angehörigen wünschen. Frau Tammen Parr wünschte sich „Pflege in Not“ in jeder größeren Stadt. Frau Dr. Döhner wünschte sich mehr Mitbestimmung für pflegende Angehörige bei politischen Prozessen. Vorbild ist England, wo die Interessenvertretung pflegender Angehöriger staatlich unterstützt wird. Frau Scharfenberg wünschte sich einen Test auf Lebensrealitätstauglichkeit für alle Gesetze.

Podcast von Elisabeth Scharfenberg zum Thema (externer Link)

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