Pressemitteilung 31.01.2015

Trauer um Richard von Weizsäcker

Anlässlich des Todes von Richard von Weizsäcker erklären die Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter:

Wir trauern um Richard von Weizsäcker und sind in Gedanken bei seiner Frau Marianne, bei seinen Angehörigen und Freunden. Wir haben einen wunderbaren Menschen, einen großen Staatsmann und einen Intellektuellen verloren. Seine moralische Integrität wird uns allen fehlen.

Richard von Weizsäcker hat Deutschland verändert - und er hat das Bild von Deutschland verändert. Wie kaum ein anderer Politiker hat er in seiner Zeit als Bundespräsident Vertrauen in das demokratische Deutschland geschaffen. Sein stets offenes, sachliches und warmherziges Auftreten hat überall in der Welt Menschen ihre Vorbehalte und Ängste gegenüber unserem Lande genommen. Richard von Weizsäckers Glaubwürdigkeit speiste sich nicht zuletzt aus eigenen Kriegserfahrungen, die ihn wie seine freundschaftlichen Kontakte zu Widerstandskämpfern des 20. Juli zu einem überzeugten Demokraten machten.

Richard von Weizsäckers „Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ vor dem Deutschen Bundestag 1985 war ein historischer Meilenstein im Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte. Richard von Weizsäcker machte damit aus der nationalen „Schicksalsgemeinschaft“ eine demokratische Verantwortungsgemeinschaft. Den Satz, dass der 8. Mai 1945 kein Tag der Niederlage, sondern ein „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ hatte bis dahin kein politischer Repräsentant öffentlich ausgesprochen. Und viele Deutsche wollten diesen Satz bis dahin auch gar nicht denken und hören. Die Rede bedeutete einen Einschnitt in der deutschen Erinnerungskultur, einen radikalen Blickwechsel der Deutschen auf sich selbst. Und sie gibt uns einen moralischen Auftrag mit, der für immer bleiben wird: Nie wieder darf von Deutschland Krieg ausgehen. Allen Versuchen, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren und deutsche Täter zu Opfern zu machen, müssen wir widerstehen. Die Rede sorgte weltweit für Begeisterung, Richard von Weizsäcker reiste daraufhin als erster deutscher Bundespräsident zu einem Staatsbesuch nach Israel. Er erwarb sich bleibende Verdienste um die deutsch-tschechische Verständigung.

Den richtigen Ton traf Richard von Weizsäcker auch während der Zeit der deutschen Wiedervereinigung, als er immer wieder zu einem behutsamen Zusammenwachsen aufrief. Auch abseits seiner Rolle als Bundespräsident war Richard von Weizsäcker immer ein engagierter Bürger mit einem unverrückbaren moralischen Kompass. Seine Ehrenamt als Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, sein Wirken als Synodaler, seine vielen Aufgaben in Stiftungen, seine internationales Engagement für ärmere Länder, seine beinahe zärtliche Liebe zur Kultur – all dies hat ihm viele Preise und Ehrungen eingebracht. Wer ihm in den letzten Jahren begegnete, spürte, dass Richard von Weizsäcker noch im hohen Alter einen besseren Ort aus der Welt machen will. Nie sprach er von oben herab zu den Menschen, immer suchte er das direkte, offene Gespräch. „Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander“, sagte Richard von Weizsäcker in seiner historischen Rede am 8. Mai 1985. Gerade in diesen Tagen sollten wir uns diesen Satz des großen Politikers und Staatsmannes Richard von Weizsäcker zu Herzen nehmen und ihn in die Zukunft weitertragen.

Die Fraktionspressestelle auf Twitter: @GruenSprecher

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