Pressemitteilung 09.07.2015

20 Jahre Srebrenica: Das Grauen mitten in Europa

Zum Gedenken an den Völkermord in Srebrenica erklärt Marieluise Beck, Sprecherin für Osteuropapolitik:

Das Leid der Familien ist in Srebrenica täglich präsent. Nach wie vor werden Massengräber gefunden. Auch 20 Jahre nach den Massakern in den Wäldern bestatten Mütter und Ehefrauen ihre Söhne und Männer. Die Identität der Opfer kann zum Teil erst jetzt festgestellt werden.

Europa muss nicht nur um der Opfer willen ihr Schicksal lebendig halten. Dieser grausame Völkermord in Europa war das schwerste Kriegsverbrechen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Er ist eine Mahnung, sich ethnischem Hass und Gewalt entschieden entgegenzustellen. Zur moralischen Forderung "Nie wieder Krieg" stellt sich die Forderung "Nie wieder Opfer".

Dieser Völkermord vor 20 Jahren war auch Folge des Versagens der Vereinten Nationen und der europäischen Politik. Zu lange wurde eine friedensbewahrende UN-Mission in ein Land geschickt, in dem ein offener Krieg herrschte. Aus Angst vor den politischen Konsequenzen wurde die Aggression serbischer Freischärler mit Unterstützung der serbischen Armee verdrängt und von einem "Bürgerkrieg" gesprochen, während ein offener Krieg gegen Bosnien geführt wurde. So hatten schon etwa 100.000 Bosnier ihr Leben verloren, waren tausende von Frauen Opfer sexualisierter Gewalt geworden, bis der Völkermord in Srebrenica die internationale Gemeinschaft endlich wachrüttelte und das drei Jahre währende Morden beenden half.

In nur weniger Monate war von außen Hass und Gewalt in die bosnische Gesellschaft hinein getragen worden. Die Wunden sind bis heute nicht geheilt. Zurück bleibt eine Bevölkerung, die sich ethnisch definiert, wo zuvor im multiethnischen Bosnien Zugehörigkeiten oft nicht einmal bewusst waren. Die Friedensordnung von Dayton, die zum Ziel hatte, den Krieg schnell zu beenden, hat diese ethnische Trennung zementiert. Sie ist mit ursächlich für die fehlende Funktionsfähigkeit des bosnischen Staates. Die politischen Eliten des Landes erhalten ihre Macht durch die Instrumentalisierung der Furcht "vor den anderen" und verstellen damit dem Land die Zukunft.

Die Unruhen vor wenigen Wochen in Mazedonien haben gezeigt, dass der Westbalkan durchaus wieder entflammt werden könnte. Zu lange ist Europa von der EU-Perspektive für die Region als einem „Selbstläufer“ ausgegangen. Das Engagement auf dem Westbalkan jedoch muss politischer werden, denn die Integration in die EU ist die einzig sinnvolle Friedensperspektive für die Region.

Hintergrund:

Marieluise Beck war im Juli 1995 in Tuzla vor Ort, als dort Frauen und Kinder aus Srebrenica eintrafen. Sie erfuhr aus den Gesprächen mit den Flüchtlingsfrauen, was in Srebrenica geschehen war. Für ihr Engagement im Bosnienkrieg wurde Marieluise Beck von der Stadt Lukavac nahe Tuzla die Ehrenbürgerwürde verliehen. Sie ist Vorsitzende der Deutsch-Bosnischen Parlamentariergruppe im Bundestag und als Mitglied des Auswärtigen Ausschusses weiterhin mit der Region betraut.

Die Fraktionspressestelle auf Twitter: @GruenSprecher

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