Pressemitteilung vom 20.04.2021

Trauer um Michel Kilo: Ein großer syrischer Intellektueller und Oppositionspolitiker ist von uns gegangen

Zum Tod des syrischen Oppositionspolitikers Michel Kilo erklärt Omid Nouripour, Sprecher für Außenpolitik:

Wir trauern um Michel Kilo. Mit ihm ist einer der führenden Intellektuellen Syriens am Montag mit 81 Jahren in Paris gestorben. Vom Damaszener Frühling 2000/2001 bis zum Arabischen Frühling 2011 war der säkulare Christ Michel Kilo gedanklicher Wegbereiter einer Generation kritischer Stimmen im autoritär regierten Syrien. Als Journalist war er einer der Köpfe der syrischen Zivilgesellschaftsbewegung und formulierte wegweisende gesellschaftskritische Dokumente der modernen syrischen - ja der arabischen – Geschichte, wie die „Damaskus Deklaration“ von 2005. Diese Reformschrift, die oppositionelle Stimmen einte, legte den Finger in die Wunde eines brutalen, kleptokratischen und reformunfähigen Regimes und nahm damit den friedlichen Protest des Arabischen Frühlings in vielen Staaten des Nahen Ostens vorweg. Seine Enttäuschung, vom Westen im Stich gelassen worden zu sein, konnte er nur schwer verhehlen.

Kilo und die anderen moderaten Mitstreiter der Bewegung nahmen ihr Leben lang große persönliche Gefahren auf sich, waren zeitweise im Gefängnis und stritten doch mit Feder, Worten und Ideen für eine bessere Zukunft aller Syrer*innen, egal welcher Religion oder Ethnie sie angehörten. Sie stritten für Meinungsfreiheit, Chancengleichheit, Demokratie, Menschenwürde und ein Ende der Korruption und Unterdrückung. Sie verlangten bis zu Beginn der gewaltsamen Niederschlagung der friedlichen Proteste durch das Assad-Regime nicht den Sturz des Diktators, sondern hofften bis zuletzt auf Reformen im Land.

Am Ende waren es nicht die Geheimdienste des Assad-Regimes, die ihn folterten oder lynchten, wie sie es mit unzähligen Andersdenkenden taten und weiterhin tun. Kilo erlag einem unsichtbarem Feind, dem Corona-Virus. Aber ebenso wie zahlreiche seiner Landsleute lebte, schrieb und starb er zwangsläufig im Exil. Ruhe er in Frieden.