Pressemitteilung vom 23.07.2020

Umwandlung der Hagia Sophia: Kulturfeindliche Instrumentalisierung der Religion

Anlässlich der Umwandlung der Hagia Sophia zur Moschee und dem ersten Freitagsgebet dort erklären Claudia Roth und Cem Özdemir:

Zum ersten Mal seit 86 Jahren wird an diesem Freitag das Freitagsgebet in der Hagia Sophia nach ihrer Umwandlung vom Museum zur Moschee stattfinden. Diesen Anlass lässt sich Präsident Erdogan für einen öffentlich inszenierten Auftritt nicht entgehen, den vor allem seine Partei- und Staatsmedien als einen besonderen Wendepunkt in der jüngsten Geschichte des Landes verkaufen wollen. Der Auftritt, der die Macht und Durchsetzungsfähigkeit des Präsidenten demonstrieren soll, markiert aber einen Tiefpunkt seiner Amtszeit, in der er nach wie vor keine Antworten auf die innenpolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Krisen der Türkei geben kann.
Mit dem zunehmenden Vertrauensverlust der Bevölkerung in seine Politik sucht der Präsident die Rettung in solch symbolischen Aktionen. Die Umwandlung steht für Erdogans kulturfeindliche, nationalistische und revanchistische Politik, die die Zukunft im Mittelalter sucht. Um Wählerstimmen zu gewinnen, bedient Erdogan Ressentiments, die die Türkei weiter spalten und ihm nicht den erhofften Erfolg bei den kommenden Wahlen bescheren werden. Der dadurch entstandene Schaden wird eine lang währende Bürde für die türkische Politik und Gesellschaft bleiben.

Die Inszenierung des präsidialen Besuchs mit symbolischem Datum soll die historische Bedeutsamkeit der Aktion für die türkische Geschichte unterstreichen. Aber angesichts der Realitäten der heutigen Türkei und der internationalen Rahmenbedingungen wirken Erdogans Auftritt und seine Inszenierung wie eine Karikatur der Geschichte. Die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee bleibt eine perfide Instrumentalisierung der Religion für kurzsichtige politische Ziele und ist mehr als ein Symbol, sondern ein klarer Bruch mit dem Erbe von Atatürk.

Deutschland und die EU stehen in der Verantwortung, diese kulturfeindliche und spalterische Entscheidung auf allen Ebenen der bilateralen Beziehungen kritisch zu hinterfragen, ebenso wie in den zuständigen UNESCO-Gremien, die im Vorfeld der Umwidmung des Weltkulturerbe-Bauwerks nicht angehört wurden. Die Lage von Menschenrechten, die anhaltende Erosion von rechtsstaatlichen Normen und demokratischen Rechten sowie Erdogans krisenverschärfende völkerrechtswidrige Aktionen in der Region müssen im Umgang mit der Türkei auf der Agenda ganz oben stehen.

Claudia Roth
Bundestagsvizepräsidentin Sprecherin für Auswärtige Kulturpolitik