Pressemitteilung vom 22.09.2021

UN-Welternährungsgipfel: Profitinteressen verhindern notwendiges Umsteuern

Zum UN-Welternährungsgipfel am 23. September erklären Uwe Kekeritz, Sprecher für Entwicklungspolitik, und Renate Künast, Sprecherin für Ernährungspolitik:

Durch die Coronapandemie, anhaltende Konflikte und die Verschärfung der Klimakrise steigt die Zahl der hungernden Menschen weltweit. Der Welternährungsgipfel hätte eine große Chance sein können, um die Verbesserung der Welternährungssituation auf den Weg zu bringen. Leider droht das Treffen mehr Schaden als Nutzen anzurichten.

Akteur*innen aus Politik, Wissenschaft und Privatwirtschaft sollen Lösungsansätze für die Welternährung diskutieren. Dieser Multistakeholder-Ansatz suggeriert dabei, dass die Profitinteressen der Agrarindustrie und das Menschenrecht auf Nahrung gleichwertige Anliegen seien. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern bleiben außen vor.

Die Welternährungsorganisation (FAO) und die UN-Strukturen werden zugunsten der Privatwirtschaft geschwächt. Ein großer Teil der kritischen Zivilgesellschaft boykottiert die Veranstaltung, um nicht als Claqueur*in für eine Schaufensterveranstaltung herzuhalten. Ernährungssysteme sollen ganzheitlich betrachtet werden, gleichzeitig werden strukturelle Ursachen nicht angetastet, wie das Machtgefälle zwischen Agrarindustrie und Kleinproduzent*innen oder das Welthandelssystem. Die Hungerkrisen dieser Welt wird man so nicht lösen können.

Kleinbäuerinnen und Kleinbauern produzieren 70 Prozent der weltweit angebauten Nahrungsmittel. Die nahezu uneingeschränkte Marktmacht liegt jedoch bei großen Agrarkonzernen. Diese sind wiederum unter anderem durch Landraub, Waldzerstörung, den Einsatz von chemischen Pestiziden und Düngemitteln mitverantwortlich für Hunger, Armut und die Verschärfung der Klimakrise.

Die Agrarindustrie will den Gipfel etwa dafür nutzen, Massentierhaltung trotz aller negativen Auswirkungen auf Umwelt, Tiere und Menschen mit einem Nachhaltigkeitslabel zu schmücken. Diese Konferenz darf den großen Agrarkonzernen keine Plattform dafür bieten, wissenschaftliche Fakten zu verdrehen. Heute dominiert noch die Tierhaltung, aber pflanzliche Eiweiße gewinnen an Bedeutung. Viele Unternehmen haben die Notwendigkeit für einen Wandel längst erkannt.

So lange für Agrarkonzerne die eigene Gewinnmaximierung wichtiger ist, als die Verwirklichung des Rechts auf Nahrung, sind sie nicht Teil der Lösung, sondern des Problems. Um wirklich etwas zu ändern, muss man an den Strukturen ansetzen. Neue Technologien von internationalen Konzernen schaffen nicht Verteilungsgerechtigkeit, sondern manifestieren weltweite Ungleichheiten.

Wir erwarten von einem Gipfel notwendige Weichenstellungen für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem. Der Kampf gegen den Hunger, für eine gesunde Ernährung und der Schutz von Klima und Artenvielfalt gehören in den Mittelpunkt. Die Menschen schützen, nicht die Konzerne.

Renate Künast MdB
Renate Künast
Sprecherin für Ernährungspolitik (19. WP) Sprecherin für Tierschutzpolitik (19. WP)