Statement vom 18.03.2021

Konstantin von Notz zur Vorstellung des Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Köln

Zur Vorstellung des Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Köln erklärt Konstantin von Notz, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender und Beauftragter für Religion und Weltanschauungen:

„Die Ergebnisse der im Jahr 1975 beginnenden Untersuchung des Strafrechtlers Björn Gercke sind erneut schockierend: So werden mehr als 300 Opfer und über 200 Beschuldigte aufgeführt. 2/3 der Beschuldigten sind Priester. Bezüglich des Agierens der Bistumsleitung wurden „Pflichtverletzungen noch lebender Akteure“ auch auf höchster Ebene festgestellt. Die heutige Veröffentlichung kann nur ein erster Schritt sein. Weitere müssen dringend folgen, auch personelle.

Der Erzbischof muss sich gut überlegen, ob er noch das notwendige Vertrauen genießt, den weiteren Weg zu gehen. Er selbst sagt, dass es Vertuschung oder Mauschelei in Zukunft nicht mehr geben dürfe. Kardinal Woelki muss erklären, wer die Verantwortung für die gravierenden Vorfälle und eklatanten Missstände übernimmt.

Das Zurückhalten des ersten Gutachtens löste im größten deutschen Bistum, aber auch weit darüber hinaus, eine echte Vertrauenskrise aus. Dass nun angekündigt wurde, es auch der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, begrüßen wir. Um massiv verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, braucht es weiterhin eine unabhängige Aufarbeitung, wie sie von den Betroffenen seit langem gefordert wird. Sie müssen gehört werden und ihre Interessen bei der weiteren Aufarbeitung an erster Stelle stehen. Nur wenn die Verantwortlichen glaubhaft machen, dass ihnen die Aufklärung ein zutiefst inneres Anliegen ist und sie die Anerkennung des Leids von Betroffenen endlich in den Mittelpunkt stellen, kann Vertrauen wieder gewonnen werden. Es ist deshalb von größter Bedeutung, welche personellen, aber auch strukturellen Konsequenzen nun aus dem Bericht gezogen werden.

Sexueller Missbrauch und sexualisierte Gewalt gegen Kinder bleiben ein großes, gesamtgesellschaftliches Problem, das endlich mit aller politischer Kraft und allen notwendigen finanziellen Mitteln angegangen werden muss. Die Bundesregierung bleibt in der Verantwortung, als ersten, überfälligen Schritt die Voraussetzungen für eine umfassende, auf die Gesamtgesellschaft bezogene Dunkelfeldstudie zu schaffen.“