Evangelischer KirchentagDie Parlamentarische Nacht im Reichstagsgebäude

Evangelischer Kirchentag 2017

Es ist eine lange Tradition, dass die Bundestagsfraktion am Eröffnungsabend des Kirchentages die Amtsträgerinnen und Amtsträger der Kirchen sowie viele haupt- und ehrenamtlich Engagierte zur „Parlamentarischen Nacht“ lädt. In diesem Jahr konnte die grüne Bundestagsfraktion auf der Fraktionsebene des Reichstagsgebäudes über 300 Gäste begrüßen, insbesondere die Kirchentagspräsidentin Prof. Dr. Christina Aus der Au, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm sowie – stellvertretend für alle anwesenden Bischöfe – den Bischof der gastgebenden Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Dr. Markus Dröge, ebenso im ökumenischen Geist Dr. Heiner Koch, Erzbischof von Berlin, und Augoustinos, den Metropoliten der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland.

Losung des Kirchentages 2017: „Du siehst mich“

Volker Beck, Sprecher für Religionspolitik, führte inhaltlich ein, indem er aus dem Slogan der Bundestagsfraktion: „Uns geht’s ums Ganze“ die Feststellung ableitete, dass das ja eigentlich katholisch sei, denn katholikos bedeute im Griechischen „ganzheitlich, allumfassend“. Das sei aber im grünen Kontext natürlich nicht konfessionell gemeint. „Die siehst mich“, lautet die Losung des Kirchentages 2017. Mit der Bedeutung der Losung, Gott sehe jeden Menschen an, könnte der Kirchentag nicht aktueller sein, fuhr Beck fort, denn er beschreibe theologisch die Gleichheit der Verschiedenen, wie sie in unserer Verfassung verankert sei. Das sei damit auch das Gegenteil dessen, was häufig an Hassreden in „sozialen Netzwerken“ und anderswo passiere.

„Du siehst mich“: Eine Geschichte von Flucht und Vertreibung

Ihre anschließende Rede nutzte die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt, zugleich Mitglied im Präsidium des Kirchentages, um als Erstes einen herzlichen Dank an alle Aktiven überall im Land auszusprechen. Auch sie ging auf die Kirchentagslosung ein und merkte an, dass die sehenden Augen mit der Losung auf den Plakaten im Regierungsviertel auch das Gefühl von Überwachung auslösen könnten. Aber mit der Losung sei ja nicht Überwachung gemeint, sondern: Gott sieht uns an. „Die Geschichte der Magd Hagar ist eine Geschichte von Flucht und Vertreibung, aber auch von einer nicht ganz freiwilligen Rückkehr.“ Diese Geschichte passe zur gegenwärtigen Situation, zeigte sie sich überzeugt. Es sei wichtig, die Auseinandersetzung über unsere Werte zu führen, auch mit der AfD auf diesem Kirchentag, denn: „Wir machen es uns nicht nur schön!“

„Du siehst mich“: Macht Mut genauer hinzusehen

Konstantin von Notz, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Bundestagsfraktion, vertiefte danach Fragen zur demokratischen Kultur und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt im Gespräch mit der Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au. Auf die Frage, warum gerade diese Losung für den Kirchentag gewählt wurde, bekräftigte Christina Aus der Au, dass sie zwar als Provokation verstanden werden könne, aber eigentlich ein Satz sei, der Mut mache und sage: „Du bist es wert, gesehen zu werden!“

Die Bundestagsfraktion leite aus der Losung auch die Botschaft ab, genauer hinzusehen, sagte von Notz und schloss daran die Frage an, wo man heute als Christin, als Christ genauer hinsehen müsse? Frau Aus der Au meinte, mit der Forderung, hinzusehen, sei schon eine Menge gewonnen. Und sie machte deutlich, dass hinter jeder Beleidigung, hinter jeder Hassrede Menschen stehen, die sie verantworten, aber auch Menschen, die davon getroffen werden.

Gegen die Angst: Jetzt mutig sein

Von Notz beschrieb, dass viele Menschen auf die Welt blickten und Unsicherheit fühlten, obwohl man empirisch in Deutschland in einem besonders sicheren Land lebe, und fragte, was man tun könne, damit die gefühlte Realität nicht überhandnehme. Frau Aus der Au antwortete, man müsse Angstlogiken schon ernst nehmen, aber man dürfe sie sich nicht zu eigen machen oder sich von ihnen erdrücken lassen. Die Losung fordere uns auch auf, jetzt erst recht mutig zu sein!

Von Notz gab den Gästen abschließend mit, die nächsten Tage sollten ein Ringen um das richtige Verständnis von Glaube und vom Verhältnis von Sicherheit und Freiheit sein.

Volker Beck dankte am Schluss des offiziellen Teils insbesondere Kordula Schulz-Asche MdB, Sprecherin für Bürgerschaftliches Engagement, und Bettina Jarasch MdA, Sprecherin für Religionspolitik der grünen Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, die – zusammen mit Volker Beck, Katrin Göring-Eckardt und Konstantin von Notz – im Anschluss für Gespräche zur Verfügung standen.

Musikalisch begleitet und gestaltet wurde die „Parlamentarische Nacht“ durch „Die Drei von der Tanzstelle“ mit Swing und Waltz.

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