Stadt-Land-Zukunft
Picture Alliance (dpatopbilder)
06.04.2021

Für gleiche Chancen in allen Regionen

Gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land - wie könnte das in der Praxis aussehen? Mit dieser Frage im Hinterkopf recherchierten wir im Projekt „Stadt-Land-Zukunft“ die Stärken und Herausforderungen in den eher abgelegenen Regionen. Uns interessierte: Was sind hier die wichtigsten Themen vor Ort? Was funktioniert gut, wo hakt es? Welche Wünsche und Ideen haben die Bewohner*innen für ihre Region? Zunächst ließen wir eine repräsentative Studie erstellen, um mehr über das Lebensgefühl und Wünsche an die Versorgung zu erfahren. Im zweiten Schritt setzten wir uns mit Bürger*innen aus drei sehr unterschiedlichen Regionen in Online-Dialogen zusammen: Landkreis Rostock (Mecklenburg-Vorpommern), Gera (Thüringen) und Landkreis Merzig-Wadern (Saarland). Dort besprachen wir, was ihren Alltag erschwert und welche Unterstützung sie sich von der Politik wünschen. So konnten wir uns ein differenziertes Bild von den Themen, Ideen und Forderungen in diesen Regionen machen. 

Online-Konferenz "Stadt-Land-Zukunft"

Der vorläufige Höhepunkt des Projekts war unsere Online-Konferenz am 26. März 2021. Hier kamen die Beteiligten der Regionalveranstaltungen mit einem breiten Spektrum an Akteuren aus dem ganzen Bundesgebiet zusammen. Insgesamt nahmen 440 Menschen teil, die wissen, dass ländliche Räume auch für Lebensqualität und Vielfalt, für Experimentierräume und Innovationen, für Lösungskompetenz und hilfreiche Strukturen stehen.

Konferenz-Bericht

 

Die Regionen

Landkreis Rostock

Der Landkreis Rostock ist der viertgrößte Landkreis bundesweit. Er umschließt die Stadt Rostock, hat ein kleines Stück Küste und sonst vor allen Dingen eins: Mecklenburger Weite. Die strahlend gelben Rapsfelder sind ein beliebtes Fotomotiv.

Die drei großen Herausforderungen:

  • Das Land ist dünn besiedelt und der öffentliche Nahverkehr wurde vielerorts auf den Schüler*innen-Transport zusammengekürzt. Hier braucht es dringend gute Radwege und eine höhere Taktung im Busverkehr und Car-Sharing, damit die Menschen auch ohne Auto vom Dorf wieder weg kommen.
  • Die Arbeitslosigkeit ist kaum ein Problem. Aber wer einen Handwerker braucht, wartet gern drei Monate. Bevor alle Fachleute in Rente gehen, gilt es den Zuzug pfiffig zu fördern und kluge Konzepte für die Unternehmensnachfolge aufzustellen.
  • Die Straßen sind voller Supermarktlaster, die Waren aus ganz Europa in die Billigsupermärkte fahren. Und wo gibt es regionale Waren, bio und lecker? Es lohnt sich, hier noch mehr über wirkungsvolle Unterstützung für die Nahversorgung mit Produkten aus der regionalen Wertschöpfung nachzudenken.

Eindrücke vom Online-Dialog Landkreis Rostock

Telefonumfrage

Das Lebensgefühl im Landkreis Rostock in Zahlen: 99% der Personen leben hier gern. 95% der Erwerbstätigen sind mit ihrer Arbeit zufrieden. 45% erfreut sich an der Natur. 25% machen sich Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung, aber 50% sagen der Region Kreativität und Innovationsgeist zu. 47% ärgern sich über den Zustand der Rad- und Fußwege und 44% über die schlechte Internetverbindung. Und 70% sagen, hier sei die Politik gefragt.

Umfrage LK Rostock

 

Online-Dialog

Wo die Statistik eine strukturschwache Region identifiziert, lernten wir am 09.11.2021 im Online-Dialog engagierte Lösungssucher*innen kennen: sie entwickeln gerade dezentrale Co-Working-Spaces, ein Restaurant, getragen von Tradition und regionalen Produkten oder arbeiten in einer Forschungsinitiative zur autofreien Mobilität. Ihr Wille, die Verbesserung der Lebensqualität selbst in die Hand zu nehmen, eint sie. Ihre gemeinsamen Erfahrungen sind auch, dass Regularien oft die Umsetzung blockieren. Hier bitten sie zu Recht die Politik um mehr Rückendeckung.  Diese mutigen und engagierten Personen bereichern nicht nur die Region, sie laden andere  herzlich ein, zu ihnen zu ziehen!

Veranstaltungsbericht

 

Gera

Wer heute durch Gera läuft, kann seine glanzvolle Vergangenheit gut erkennen. Das Thüringische Gera war bis in die jüngste Vergangenheit der DDR eine reiche, prosperierende Stadt. Die Otto-Dix-Stadt wächst seit der Wende langsam in ihre neue Identität.

Die drei großen Herausforderungen:

  • In der sanierten Innenstadt gibt es einige hübsche Läden, die schon länger leer stehen. Co-Working-Spaces, Reparatur-Cafés und Pop-up-Shops – jetzt gilt es mit stimmigen Ideen für frisches Leben in die Stadt zu bringen.  
  • Aktuell sind viele jungen Menschen aus Gera nestflüchtig und ziehen fort. Eine Uni mit Präsenzstudiengängen und coole Jobs wären ein toller Magnet für jungen Zuzug. Attraktive Gewerbeflächen für neue Angebote gibt es ja bereits!
  • Viele ältere Menschen fühlen sich in Gera perspektivlos. Mehr gute Arbeitsplätze und Angebote für Familien könnten ihre Kinder und Enkel zum Rückzug motivieren. Oder es kommen neue Familien und Ersatz-Omis werden gefragt. Gut wäre, wenn die Generationen wieder zusammenfinden.

Eindrücke vom Online-Dialog Gera

Telefonumfrage

In der Telefonumfrage erfuhren wir folgendes über Gera: Nur 55% der Personen leben wirklich gern in Gera. 87% der Erwerbstätigen sind mit ihrer Arbeit zufrieden, doch insgesamt bemängeln 34% fehlende Arbeit und Industrie. 31% freuen sich über die Landschaft am Wohnort, doch 56% bemängeln die fehlenden Rad- und Fußwege, 12% stören sich an der Mentalität der Menschen hier. 74% sagen hier sei die Politik gefragt, doch nur 48% der Menschen sind mit den aktuellen politischen Verhältnissen einverstanden.

Umfrage Gera

 

Online-Dialog

Wir haben am 30.11.2020 Bewohner*innen aus Gera zum Gespräch eingeladen, 36 kamen. Es war ein lebendiges und kenntnisreiches Zusammentreffen.
Es zeigte sich, dass Gera als Ort mit großem Potential geschätzt wird. Man sprach z.B. über die Frage, wie die positive Energie in die Stadt zurückkommt und die Kommunalpolitik neuen Schwung erhält. Es gibt hier viele, kreative und doch bodenständige Entwicklungsideen z.B. für die Belebung der Innenstadt und ein besseres Miteinander. Und es gibt bereits viele klugen, engagierten Personen. Hier wäre die wäre die Vernetzung in einem Gesamtkonzept ein sinnvoller nächster Schritt – auch mit Unterstützung der Politik.

Veranstaltungsbericht

 

Merzig-Wadern

Das saarländische Merzig-Wadern liegt in der Mitte Westeuropas und ist seit der Römerzeit bewohnt. Feine Gärten, alte Steine und der Sinn für gutes Essen sind hier zuhause. Ein Geheimtipp für gestresste Seelen: wunderschön und nicht so einfach zu erreichen.

Die drei großen Herausforderungen:

  • Die einen nennen es „Geheimtipp“, die anderen „abgehängt“. Im Alltag ist eine Region, in der man nur mit dem Auto zuverlässig mobil ist, spürbar belastend gerade für Familien, Ältere und Gäste. Ein gut organisierter ÖPNV, Radwege und Car-Sharing-Angebote würden bereits kurzfristig ein Mehr an Lebensqualität bringen.
  • Wer das Auto stehen lassen will, hat es oft schwer mit dem alltäglichen Einkauf. Dorfläden, dezentrale Marktpunkte und ein Lieferangebote mit dem Fokus auf regionale Produkte könnten Lösungen für eine genüssliche, fußläufige Versorgung bieten und die Vermarktung von regionalen Produkten stärken.
  • Ein Krankenhaus wird geschlossen. Die Hausärzt*innen-Dichte ist gering. Das hat Bürger*innen in der Region in Bewegung gebracht. Engagiert kämpfen sie für ein Gesundheitszentrum und eine auskömmliche Versorgung. Und haben Erfolg!

Eindrücke vom Online-Dialog Merzig-Wadern

Telefonumfrage

In der Telefonumfrage in Merzig-Wadern erfuhren wir folgendes:
99% der Personen leben gern in Merzig-Wadern. Jeweils ein Drittel der Befragten findet die Gemeinschaft, das Miteinander und das Leben in der Natur klasse. 66% stören sich an der schlechten Verkehrsanbindung und gut 40% machen sich Sorgen um die mangelnden Arbeitsplätze. 74% sagen, hier sei die Politik gefragt und 69% trauen der Politik die Lösung dieser Aufgaben auch zu.

Umfrage Merzig-Wadern

 

Online-Dialog

Am 18.01. haben wir uns in Merzig-Wadern zum Online-Dialog verabredet. Gut 50 Personen kamen.
Wir haben über Aspekte gesprochen, die Verbesserungsbedarf aufweisen. Wir waren erstaunt, wie klar und fundiert nicht nur der Mängel von den Bürger*innen formuliert, sondern auch Lösungswege angedacht wurden. In Merzig-Wadern wird bürgerschaftliches Engagement groß geschrieben. Dieser Gestaltungswille braucht auf dem Weg der Umsetzung auch politische Antworten, das ist klar!

Veranstaltungsbericht

 


Eine Zusammenfassung unserer Initiativen und Forderungen für gleiche Chancen in allen Regionen finden Sie hier.