SportgroßveranstaltungenAndere Spiele sind möglich

Wir haben die vielfältigen Probleme der Fußball-WM 2014 in Brasilien und der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi analysiert. Für uns steht fest: Zur Lösung der zahlreichen Probleme bei Vergabe und Ausrichtung von internationalen Sportgroßveranstaltungen muss sich die Politik stärker einbringen. Die mögliche Olympiabewerbung Berlins oder Hamburgs um die Olympischen Sommerspiele 2024 oder 2028 steht vor der Tür.

Es ist nicht deutlich, in welche Richtung sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter dem Präsidenten aus Deutschland, Thomas Bach, bewegen wird. Auch der Weltfussball-Verband FIFA hat sich keineswegs aus seinen Korruptions- und Intransparenzstricken befreien können. Die Fußball-Weltmeisterschaften in Russland (2018) und Katar (2022) stehen weiter in der Kritik von Menschenrechtsorganisationen.

Am 26.September 2014 haben wir in dem Fachgespräch „Andere Spiele sind möglich“ im Europasaal des Deutschen Bundestages mit Sachverständigen aus Wissenschaft, Sport und Medien sowie mit Nichtregierungsorganisationen aus den Bereichen Menschenrechte und Umweltschutz diskutiert.

Grußwort der Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt

„Wir brauchen im Bereich des Internationalen Sports mehr demokratische Entscheidungsfindung, mehr Glaubwürdigkeit und Transparenz sowie einen überzeugenden Vergabeprozess! Wir stellen Forderungen an die Sportverbände, aber wir müssen auch fragen, wie die Politik Sportgroßereignisse in Deutschland wieder attraktiv machen kann. Die Lehre aus der gescheiterten Olympiabewerbung Berlins und Münchens ist nicht: Keine Spiele mehr, sondern: Andere Spiele sind möglich.“

Problemaufriss durch Özcan Mutlu MdB

Özcan Mutlu, sportpolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, in seinem Eingangsstatement: „sportliche Argumente spielen bei der Vergabe von Sportgroßveranstaltungen kaum noch eine Rolle“. Immer öfter sei eine Ablehnung von Bewerbungen durch Bürgerentscheide in den demokratischen Staaten festzustellen.

Wissenschaftliche Keynote von Prof. Gunter Gebauer

Gunter Gebauer ist Professor für Philosophie an der Freien Universität (FU) Berlin. Er zielte in seiner Rede auf die kritikwürdige Dominanz der internationalen Sportverbände ab. Er zeigte sich skeptisch, ob nachhaltige Spiele überhaupt möglich sind, denn eine Belastung des Athletinnenkörpers sowie Eingriffe in die Natur seien Teil von Sportgroßveranstaltungen: „Die Wirklichkeit bedeutet auch Materialverschleiß“. Unverantwortlich sei jedoch der mehr und mehr festzustellende „ruinöse Wettbewerb und die pharmakologischen Interventionen“ zulasten der Athletinnen und Athleten. Es handle sich dabei um einen „Raubbau am Körper“.

Am Beispiel der Olympischen Sommerspiele in Peking 2008 habe sich das schwerwiegende Glaubwürdigkeitsproblem im internationalen Sport gezeigt. Es würden auf Sportevents „Bilder mit immer weniger Wahrheitsgehalt produziert“ werden, so dass die sportliche Leistung immer mehr in den Hintergrund trete. Der Sport verliere mehr und mehr das, wofür er ursprünglich gestanden habe und was ihn von einer vorproduzierten Unterhaltungsshow unterscheiden würde (Wirklichkeit versus Täuschung).

Gebauer forderte eine „Sportwende“. Die Macht der Sportverbände über die Symbole der Bilder sei anzugreifen und so zu delegitimieren.

„Korruption verhindern! Vergabepraxis von Sportgroßereignissen“

Die Anti-Korruptionsexpertin Sylvia Schenk von Transparency International stellte den Vergabeprozess in den Mittelpunkt ihres Vortrags. Sportorganisationen und –verbände sollten als wichtigen Schritt für mehr Glaubwürdigkeit bereits in der Bewerbungsphase von Sportgroßereignissen die notwendigen Compliance-Regeln sowie ein Monitoring-Verfahren verankern. Auch die Forderung nach Einhaltung der Menschenrechte im Ausrichterstaat könne so vorangebracht werden.

Das FIFA-Exekutivmitglied Theo Zwanziger kritisierte die mangelnde Transparenz bei Vergabeentscheidungen für Sportgroßveranstaltungen. Die Entscheidung für eine Fußball-WM 2022 in Katar sei „außerhalb der Lebenswirklichkeit und bis heute inakzeptabel“. Denkbar und überzeugend wäre eine Bewerbung der Region gewesen, nicht jedoch die eines geografischen Kleinstaates. Auch Zwanziger kritisierte die derzeitige Glaubwürdigkeitslücke der internationalen Sportverbände: In den Satzungen formuliere man „ehrenwerte Thesen“, aber man ist zu einer Einhaltung nicht in der Lage. Er forderte die Verbände und Funktionäre auf, die satzungsgemäßen Wertebegriffe mit Leben zu füllen. Der Reformprozess in der FIFA dürfe nicht zurückgedreht werden, sondern Aufdeckung von Fehlverhalten, Veröffentlichung der Untersuchungsberichte sowie das Lernen für die Zukunft seien wichtig, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

Theo Zwanziger: „Ich bin dankbar, dass die Grünen mit ihrer Politik die Sportverbände fordern“.

Der Blogger und Journalist Jens Weinreich stellte das Korruptionsproblem im internationalen Sport als ein strukturelles Problem dar. Allein die durchschnittliche Verweildauer der Weltverbandspräsidenten im Sport betrage seit 1894 mehr als 14 Jahre. Darüber hinaus verwalteten IOC und die Sportverbände mit den Olympischen Ringen und den Weltmeisterschaften ein Machtmonopol. Der Sport sei ein „abgeschottetes System“, welches beispielsweise nicht genügend durch Straftatbestände der Korruptionsbekämpfung erfasst sei. Erste politische Reformschritte zeichneten sich jedoch in der Schweiz mit der Reform des Geldwäschegesetzes sowie mit verbesserten Anti-Korruptions-Regeln ab. Auch Deutschland sei belastet: „Wenn Deutschland in Absprachen über Vergabeentscheidungen involviert ist, dann heißt es Gentlemen´s agreement, bei anderen Staaten heißt es dagegen zurecht Korruption.“ Die Reformfähigkeit der Weltsportverbände sieht Weinreich prinzipiell skeptisch.

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