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Fachgespräch eSportSport oder kein Sport?

Mehrere Männer sitzen hintereinander vor Computer Bildschirmen.
eSport nimmt eine rasante Entwicklung. Wir haben in einem öffentlichen Fachgespräch mit verschiedenen ExpertInnen aus der Politik und der Branche die unterschiedlichen Positionen diskutiert.

In einem gut besuchten Fachgespräch haben Abgeordnete der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen am 11. Juni über das Phänomen eSport diskutiert. Das Motto war: „Next Level: Anerkennung?“ Neben den aktuellen Fragen einer Anerkennung als Sportart innerhalb des organisierten Sports in Deutschland und den Kriterien einer steuerrechtlichen Anerkennung von eSport-Initiativen als gemeinnützige Vereine standen Entwicklungsmöglichkeiten, Probleme sowie praktische Erfahrungen von bereits bestehenden Vereinen und Initiativen im Vordergrund des dreistündigen Meinungsaustausches. Dass sich die Positionen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und des eSport-Bundes Deutschland (ESBD) in diesem Gespräch weiter angenähert haben, werten wir als gutes Zeichen.

Positionsfindung in der Fraktion

Monika Lazar, sportpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, hatte in ihrer Begrüßung ausdrücklich das Vorhaben formuliert, „bei diesem präsenten Thema ein Pro und Contra zu diskutieren“, um so eine Positionsfindung für die grüne Bundestagsfraktion und für die Öffentlichkeit zu erleichtern. Im Mai gab es bereits ein Treffen von grünen Abgeordneten aus Bund und Ländern, um sich über parlamentarische Handlungsmöglichkeiten auszutauschen. Nun gab es eine offene Diskussion im Paul-Löbe-Haus in Berlin.

In einer Vorabumfrage auf der Facebook-Seite der grünen Bundestagsfraktion votierten ca. 65% der Teilnehmenden für eine Anerkennung von eSport als Sport, dagegen sprachen sich 35 % aus.

Thema muss offen diskutiert werden

Konstantin von Notz, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, umriss in seinem Eingangsstatement die politischen Dimensionen des eSports aus Sicht der grünen Bundestagsfraktion. Sportpolitik, Kulturbegriff, Verbraucher- und Jugendschutz sowie Fragen der Geschlechtergerechtigkeit seien zu diskutieren und zu beachten. Heute sei das eSport-Thema in einigen Koalitionsvereinbarungen, z.B. in Schleswig-Holstein und auf Bundesebene, erwähnt, daher „kann politisch niemand mehr an diesem großen Thema vorbei.“ Bereits 2006 habe man in einem grünen Bundestagsantrag die Anerkennung von Computerspielen als Kulturgut gefordert und damit frühzeitig einige Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt.

ESBD will Anerkennung als Sport

Hans Jagnow, Präsident des eSport-Bund Deutschland (ESBD), zielte in seinem Statement auf die Definition des eSport-Begriffs ab. Man könne vom „sport- und wettkampfmäßigen Spielen von Video- und Computerspielen“ ausgehen. Mehr als 3 Millionen „eSport-Enthusiasten“ in Deutschland würden eine sehr diversifizierte Spielbreite abdecken. Als Ziele des 2017 gegründeten Verbandes nannte Jagnow die „Anerkennung als Sport unter Wahrung der verbandsrechtlichen Autonomie“, den weiteren Aufbau von Binnenstrukturen und die Qualifizierung des Personals. Positive Wirkungen könnten durch eSport insbesondere für das Ehrenamt und die Sportvereinslandschaft ausgehen, denn „die Jugend übernimmt Aufgaben und die Vereine erhalten zusätzliche Medien- und IT-Kompetenz“, so Jagnow. Letztlich käme es auf die Grundentscheidungen von drei Akteuren an: Der Gesetzgeber sei gefragt, wenn es um die Definition der Gemeinnützigkeit im Steuerrecht gehe, der DOSB sei um die Prüfung der Anerkennung von eSport gebeten und die eSport-Seite müsse die Frage der eigenen Organisation voranbringen.

DOSB will Gespräche fortsetzen

Veronika Rücker, Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), erklärte, für den DSOB sei die eSport-Entwicklung eine besondere Herausforderung. Man habe eine AG eSport gegründet, die mit Sachverständigen aus Sportorganisationen, Wissenschaft und eSport-Vertretern besetzt sei und bereite einen Beschluss im DOSB im Dezember 2018 vor. Bisherige Positionen innerhalb von DOSB-Mitgliedsorganisationen seien durchaus unterschiedlich: Der Landessportbund Nordrhein-Westfalen habe eine ablehnende Haltung zur Anerkennung von eSport formuliert, der bayerische Fußball-Verband hat jedoch einen Pro-Beschluss gefasst.

Verwässerung des Sportbegriffs?

Beim DOSB befasse man sich intern mit mehreren Szenarien, die von einer Anerkennung bis zur Ablehnung verliefen. In Betracht kämen aber auch Mischformen der Anerkennung bei gleichzeitiger Nicht-Aufnahme von gewaltzentrierten Spielen oder einer starken Einbindung in die Jugendorganisationen im DOSB. Zurzeit habe man beim DOSB keine Erkenntnisse über Zusammenhänge zwischen Gaming und Gewaltverhalten. Eine Auflistung von Chancen und Risiken der Anerkennung eSport durch den DOSB ergebe ein durchaus gemischtes Bild: Einer positiv vermuteten Sportentwicklung stehe beispielsweise die Gefahr einer Verwässerung des Kerns des Sports sowie eine zu erwartende Ressourcenkonkurrenz bei Sporträumen und -hallen gegenüber. Gleichzeitig bewerte man international die aktuelle Behandlung des eSport durch das Internationale Olympische Komitee (IOC), das bereits einzelne eSport-Formate zugelassen habe, sehr aufmerksam. Unabhängig von der eSport-Frage ergebe sich jedoch für den DOSB eine weitere Herausforderung, denn „ob wir wirklich mit unserem derzeitigen Sportbegriff noch zukunftsfähig sind, wage ich zu bezweifeln“, so Rücker.

Gemeinnützigkeit: Abgabenordnung anpassen

Lisa Paus, Steuerpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion und Expertin für Fragen der Gemeinnützigkeit befürwortete in ihrem Statement eine politische Gestaltung durch den Gesetzgeber. Da bisher eine eher defensive Rolle der Finanzbehörden bei der Anerkennung von eSport-Vereinen festzustellen sei, könne eine Gesetzesänderung die Lösung sein und eSport als gemeinnütziger Zweck in den Katalog des §52 Abs. 2 der Abgabenordnung (AO) aufgenommen werden. Diese Lösung wäre nicht sachfremd, da in der abschließenden Aufzählung in der AO neben dem Sport beispielsweise Schach explizit genannt sei. Es gehe auch um eine größere gesetzgeberische Klarheit, denn warum das Kartenspiel Bridge zwar nicht als Sport anerkannt sei, aber das Turnierbridge eine Anerkennung finde, sei nicht nachvollziehbar.

Zunehmende Kommerzialisierung des Sports

Die anschließende Diskussion gab die zahlreichen Facetten des Themas wieder und bestätigte damit das breit angelegte Konzept des Fachgespräches. Übereinstimmung gab es über die Einordnung von Spiel, Gaming und eSport als Bestandteil der Kultur. Hier ergebe sich laut Veronika Rücker möglicherweise eine „weitere Anerkennungsvariante“ für eSport-Vereine. Kritisch hinterfragt wurde besonders die Rolle und vermutete Dominanz der Rechteinhaber („Publisher“) an elektronischen Spielen und die Gefahr für die in Deutschland grundgesetzlich durch Art. 9 GG geschützte Verbandsautonomie. Diese Entwicklung hin zu einer zunehmenden Kommerzialisierung des Sports sei jedoch bereits seit längerer Zeit festzustellen und bedürfe Anpassungen durch den organisierten Sport selbst.

Vereinsarbeit im eSport

Im zweiten Teil des Fachgespräches wurde in einem Frage-Antwort-Format unter Moderation von Omid Nouripour, stellvertretendes Mitglied im Sportausschuss, mit Gästen aus unterschiedlichen Bereichen diskutiert.

Patrick Dreißig skizzierte die Anerkennung von Leipzig eSports als gemeinnütziger Verein in der Jugendhilfe. Als eingetragener Verein profitiere man von den gesetzlich eingeräumten steuerrechtlichen Erleichterungen und stelle besondere Vereinsangebote in der Jugendarbeit zur Verfügung. Eine Tätigkeit auch an Schulen sei bisher leider an der fehlenden Schulausstattung mit elektronischen Geräten gescheitert.

Gleichstellung vorantreiben

Für Anja Schillhaneck von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, stünden weiterhin die Herausforderungen in der Gleichstellungsfrage im Vordergrund. Man habe Fortschritte im eSport bei der Bekämpfung der Benachteiligung von Frauen gemacht, aber besonders bei Veranstaltungen und Wettkampfformaten setze sich der in der Gesellschaft vorhandene Sexismus fort. „Je größer die Wettkampfzentriertheit, desto rauer wird der Ton“ gab Anja Schillhaneck ihre Beobachtungen wieder. Zum eSport herrsche darüber hinaus großer Forschungsbedarf in der Wissenschaft. Die Sportsoziologie in Deutschland setze leider weiterhin auf ein sehr traditionalistisches Sportbild mitsamt einer Fixierung auf die Körperlichkeit im Sport. In einem aktuellen Positionspapier der grünen Abgeordnetenhausfraktion in Berlin stufe man eSport als besonders geeignete Sportart zur Umsetzung der Inklusionsverpflichtungen ein.

Offene Fragen zu Wettkampfbetrug und Verbraucherschutz

Jan Pommer vom game – Verband der deutschen Games-Branche e.V. hob hervor, dass eSport ein junges System sei und man sich dementsprechend noch in einer Findungsphase befinde. Den bekannten Dysfunktionen des Sports begegne man mit Dopingtests bei Wettkämpfen der Top-Ebene sowie klaren Maßnahmen der Veranstalter gegen Spielmanipulationen. Auch würden Foren durch beauftragtes Personal bearbeitet und Kommentare geprüft. Publisher spielten zwar eine nicht weg zu diskutierende Rolle im eSport, aber im Game-Verband seien eher eine große Anzahl kleiner „Publisher“ vertreten.

Aus Sicht von Maximilian Heitkämper von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz stellten sich beim eSport zahlreiche Fragen zum Minderjährigenschutz. So seien Probleme wie Kostenfallen bei übermäßigem Spielverhalten, Werbeeinblendungen und Suchtgefahren noch nicht befriedigend gelöst. Darüber hinaus müssten die Rechte bei Kaufentscheidungen verbessert werden und Kundenservice bei Spielgeräten gewährleistet sein.

Politik ist gefordert – Grüne Bundestagsfraktion macht Druck

Erhard Grundl, kulturpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied im Sportausschuss, benannte in seinem Schlusswort die folgenden weiteren Vorhaben auf grüner Seite: Die Bundestagsfraktion werde die kommenden Wochen nutzen, um eine Bundestagsinitiative vorzubereiten. Im Sportausschuss plädiere man für eine breit angelegte Anhörung noch in diesem Jahr, schließlich stehe auch die Regierungskoalition in der Pflicht, ihren Aussagen im Koalitionsvertrag nunmehr politische Taten folgen zu lassen.

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