10 Jul 2020

Digitale Veranstaltung Kulturmittler als BrückenbauerInnen gegen eine Pandemie namens Nationalismus II

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Auswirkungen von COVID-19 für unser Kultur- und Bildungsnetzwerk

Die Corona-Krise bleibt absehbar eine weltweite Herausforderung für unsere Kulturmittler und Netzwerke der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik im Ausland, denn Goethe-Institute und Auslandsschulen bleiben weltweit weiterhin geschlossen, Kultur- und Wissenschaftsaustausch findet nur digital statt und KünstlerInnenresidenzen bleiben leer.

Am 10. Juli luden Claudia Roth und Erhard Grundl zu einem weiteren digitalen Austausch über die konkreten Folgen der COVID-19-Pandemie auf unsere Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftspolitik in der Welt ein. Gemeinsam mit VertreterInnen unserer Kulturmittler und WissenschaftlerInnen blickten sie dieses Mal konkret auf die Lage in Brasilien, Südafrika, Indien und Europa. Der Austausch schloss an die Diskussion am 26. Mai 2020 mit Vertretern des Goethe-Instituts, des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst), der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und der Münchner Sicherheitskonferenz über die Wichtigkeit unserer Kultur- und Wissenschaftsnetzwerke in der Welt an.

Die Freiheit der Kunst auch in Zeiten der Pandemie verteidigen

Wie wichtig es ist, gerade jetzt in Zeiten der Pandemie die Räume für Kunst und Kultur offen zu halten, betonte Erhard Grundl einleitend bei seinem Plädoyer für die Freiheit der Kunst. Kunst werde in der Fläche gebraucht und Kultur sei für alle da. Sie könne Brücken bauen. Kunst müsse nicht gefallen und man solle auch nicht zu viel von ihr verlangen – aber frei müsse sie sein und es sei unser gemeinsamer Auftrag, dafür Sorge zu tragen, dass das auch in schwierigen Zeiten so bleibe.

Lage in Brasilien

Dr. Matthias Makowski, Leiter der Region Südamerika des Goethe-Instituts in Sao Paulo, berichtete zur aktuellen Lage in Brasilien. Die nationalistische und chauvinistische Politik des Präsidenten Bolsonaro sei auch kulturpolitisch hoch problematisch. Finanzierungen für Kulturzentren brächen weg, aber schlimmer noch gebe es zunehmend körperliche und verbale Angriffe gegen Kulturschaffende. Positiv zu vermerken sei die frühzeitige Entscheidung der brasilianischen Bundesregierung zur Einführung eines Mindesteinkommens. Gleichzeitig, so Dr. Makowski, gebe es auch wichtige Initiativen und Hilfsaktionen der Zivilgesellschaft und der Kirchen und auch viele der GouverneurInnen und BürgermeisterInnen in Brasilien träfen zur Linderung der wirtschaftlichen und sozialen Lage in der Pandemie gute Entscheidungen, die hierzulande aber oftmals keinen Eingang in die Berichterstattung fänden. Die Goethe-Institute seien derzeit zwar geschlossen, aber digital gehe die Arbeit weiter, auch im Austausch mit den lokalen und regionalen Netzwerken.

Die Corona-Krise in Indien

Die indische Filmemacherin, Autorin und Kuratorin Madhusree Dutta, die derzeit in Köln als Leiterin der Akademie der Künste der Welt (ADKDW) arbeitet, kehrte kurz vor Einführung der weltweiten Reisebeschränkungen Anfang März aus Indien nach Deutschland zurück. Sie berichtete, wie abrupt die indische Regierung nach anfänglichem „business as usual“ am 25. März entschied, den Subkontinent mit 1,3 Billionen EinwohnerInnen innerhalb von vier Stunden in den totalen Stillstand zu schicken. Diese Entscheidung traf die Millionen indischer WanderarbeiterInnen besonders hart, die von einem Moment auf den nächsten ihre Arbeit verloren und wegen der Einstellung des öffentlichen Verkehrs keine Möglichkeiten hatten, in ihre Heimatdörfer zurückzukehren. Hunderttausende machten sich zu Fuß auf den teilweise tausende Kilometer langen Wege, viele starben unterwegs.

In den Monaten vor Ausbruch der Corona-Pandemie hatte es starke zivilgesellschaftliche Proteste gegen die Einführung eines umstrittenen Staatsbürgerschaftsgesetzes in Indien gegeben. Das neue Gesetz ermöglicht illegalen MigrantInnen aus den Nachbarländern die indische Staatsbürgerschaft – allerdings nur für religiöse Minderheiten und explizit nicht für Muslime. Zu den AnführerInnen der Proteste im Januar und Februar hatten auch viele Kulturschaffende und vor allem Frauen gehört – die sich jetzt „im Windschatten“ der Pandemie massiven Angriffen der indischen Regierung ausgesetzt sehen. Die Zahl politischer Inhaftierter in Indien habe in den vergangenen Wochen stark zugenommen. Insgesamt sei es für Kulturinstitutionen, für den Kulturaustausch, für Solidarität und Mobilisierung derzeit sehr schwer, in Indien stattzufinden, so Dutta.

Blick nach Südafrika

Die Zoologin Heather Marco aus Kapstadt, Generalsekretärin der Alumni-Vereinigung Alexander-von-Humboldt-Stiftung, berichtete über die aktuelle Lage der Gesellschaft und der Wissenschaft in Südafrika. Dort habe die Corona-Krise die bestehende soziale Ungleichheit nochmals verstärkt. Die Einschränkungen in Südafrika zur Eindämmung der Pandemie seien seit dem 22. März massiv gewesen: Ausrufung des Katastrophenfalls, Ausgangssperre, kein Bewegungsfreiheit, in Supermärkten wurden lediglich Lebensmittel verkauft, Militär patrouillierte gemeinsam mit der Polizei zur Überwachung der Einhaltung der Maßnahmen. Besonders hart habe es die Ärmsten der Gesellschaft getroffen, die ohne Unterkunft, ohne Elektrizität, ohne Wasser vor allem auch ohne Zugang zu den Hilfsangeboten der Gemeinden auskommen mussten und sich somit gezwungen sahen, auf der Suche nach Nahrung die Ausgangssperre zu brechen, so Marco.

Südafrika sei insgesamt sehr schlecht vorbereitet gewesen. Es gab nicht ausreichend Corona-Tests, Schutzmasken und zu geringe Krankenhaus-Kapazitäten. Zwischenzeitlich seien stufenweise Beschränkungen aufgehoben worden – nun aber stiegen die Infizierten-Zahlen wieder.

Der Wissenschaftsbetrieb sei ab April digital fortgesetzt worden. Am 3. August beginne das 2. Semester für die Studierenden – derzeit sei noch unklar, wie der Unterricht fortgeführt werde.

Die Auswirkungen der Pandemie im Kulturbetrieb in Europa

Dr. Jens Althoff, Leiter des Büros Paris der Heinrich-Böll-Stiftung, machte auf einige der problematischen Entwicklungen aufmerksam, die „im Windschatten“ der Pandemie in Europa zu beklagen seien: Im Präsidentschaftswahlkampf in Polen herrschte ab Ende März eine Ausgangssperre – aber der amtierende Präsident hätte, begleitet vom staatlichen Fernsehen, auf Wahlkampftour durchs Land reisen dürfen. In Russland fand das umstrittene Verfassungsreferendum mitten in der Pandemie statt, genauso wie in Serbien, wo die für April geplanten und von der Opposition weitgehend boykottierten Parlamentswahlen am 21. Juni abgehalten wurden. In Albanien habe Ministerpräsident Edi Rama während der Pandemie das National-Theater mitten in der Stadt abreißen lassen, so dass dort ein Einkaufszentrum errichtet werden könne.

Mit Blick auf Deutschlands Agieren in der Pandemie sei es verheerend gewesen, dass die Bundesregierung zu Beginn die Grenzen zu seinen Nachbarstaaten, vor allem zu Frankreich, geschlossen habe, anstatt ein gemeinsames Vorgehen zu finden. In einigen Ländern wurde das Verhalten der Bundesregierung zu Beginn der Pandemie als unsolidarisch empfunden und das an sich positive Deutschlandbild beschädigt. Jetzt gelte es, die europäische Idee, auch mit Hilfe der Kultur, wieder zu beleben. Es gebe durchaus in einigen der Nachbarstaaten die Sorge, dass Deutschland – wie auch nach der Finanzkrise 2008 – am besten aus der Krise herauskomme und politisch und wirtschaftlich noch stärker werde. Die historische Verantwortung Deutschlands gebiete es, im weiteren Verlauf konsequent europäisch zu handeln, und nicht national.

Unterstützung für die Anderen

Silvia Fehrmann, Leiterin des Berliner KünstlerInnenprogramms des DAAD und Co-Sprecherin des Arbeitskreises Deutscher Internationaler Residenzprogramme, stellte den Hilfsfonds vor, der auf Initiative des Goethe-Instituts und des Auswärtigen Amts von Institutionen aus der internationalen Kulturzusammenarbeit ins Leben gerufen wurde. Er richtet sich an Organisationen im Ausland, deren Engagement eine große Bedeutung für künstlerische Freiheit und eine pluralistische Gesellschaft hat. Mit dem Fonds werden kurzfristig und unbürokratisch Projekte gefördert, die insbesondere der Existenzsicherung dieser Institutionen dienen.

Der Hilfsfonds, so Fehrmann, sei der Versuch einer Antwort auf die deutsche Verantwortung – auch weil die Bundesrepublik bislang in der Pandemie „so gut davongekommen sei“.

Im abschließenden Austausch wurde deutlich, dass es noch lange brauchen werde, bis die laufende Krise auch für die Kunst- und Kulturschaffenden und WissenschaftlerInnen überwunden sein wird. Hier sei es wichtig, die Zeit mit Arbeits-Stipendien und Strukturhilfen zu überbrücken. Eine zukünftige „Normalität“ verlange wohl auch, dass neue Formate in der Kunst, in der Forschung und in der Solidarität gefunden würden, dass die Digitalisierung massiv ausgebaut werde und auch alle sozialen Schichten erreiche.

Uhrzeit Programm
15.00

Begrüßung und Moderation:

Claudia Roth MdB
Bundestagsvizepräsidentin
Sprecherin für Auswärtige Kulturpolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Einführung

Erhard Grundl MdB
Sprecher für Kulturpolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Diskussion mit

Dr. Matthias Makowski, Goethe Institut Sao Paulo, Leiter der Region Südamerika

Madhusree Dutta, indische Filmemacherin, Autorin und Kuratorin

Heather Marco, Zoologin, Generalsekretärin der Alumnivereinigung Alexander-von-Humboldt-Stiftung, Südafrika

Dr. Jens Althoff, Heinrich-Böll-Stiftung, Leiter Büro Paris

Silvia Fehrmann, Leiterin Berliner Künstlerprogramm des DAAD, Ko-Sprecherin des Arbeitskreises Deutscher Internationaler Residenzprogramme

16.30 Ende der Veranstaltung