07 Jul 2020

Digitale Veranstaltung Malen nach Zahlen. Bildende Kunst in der Corona-Krise

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Aufzeichnung vom 07. Juli 2020.
Uhrzeit Programm
17.00

Begrüßung und politische Einführung:

Claudia Roth MdB
Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags
Sprecherin für Auswärtige Kulturpolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Moderation:
Erhard Grundl MdB
Sprecher für Kulturpolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Diskussion mit
Johann König, Galerist
Marcel Noack, Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK)
Albert Weis, Deutscher Künstlerbund e.V.
Andrea Büttner, Künstlerin, Professorin für Bildende Kunst/Kunst im zeitgenössischen Kontext, Kunsthochschule Kassel

18.30 Ende der Veranstaltung
  • In den bisherigen Diskussionen über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Kulturbereich blieb die Bildende Kunst meist außen vor. Im Konjunkturpaket der Bundesregierung wird der Kunstbetrieb weniger berücksichtigt als andere Kulturbranchen.
  • Die Pandemie macht Probleme sichtbar, die schon vorher da waren. Langfristig würde es Künstler*innen helfen, wenn eine Ausstellungsvergütung geschaffen würde und außerdem die Ankaufsetats von öffentlichen Museen und die Etats für Kunst am Bau-Projekte erhöht würden. Die Künstlersozialkasse und die Altersversorgung für freischaffende Künstler*innen müssen gestärkt werden.
  • Die mit der Pandemie vorangetriebene Digitalisierung hilft im Kunstbereich nur begrenzt, da Bildende Kunst von der physischen Begegnung mit einem Werk lebt. Gleichwohl hat die Digitalisierung einen inklusiven Effekt, da Kunst leichter zugänglich wird.

Die Corona-Krise trifft die gesamte Kulturszene hart, insbesondere die vielen Soloselbstständigen und Kleinunternehmen, die meist unter prekären Bedingungen arbeiten. Während sich die bisherige Debatte aber vor allem um Lösungsansätze für performative Künste wie Musik und Theater drehte, blieb die Bildende Kunst außen vor, und das, obwohl mit der pandemiebedingten Schließung von Galerien Künstler*innen die wichtigste Plattform verloren gegangen ist.

Dennoch wird diese Kunstszene im Konjunkturpaket der Bundesregierung kaum bedacht. „Kunstwerke verkaufen geht auch in der Krise“, so lautet offenbar die Annahme. Zudem ist die öffentliche Wahrnehmung des Kunstbetriebs oft von Auktionsrekorden geprägt. Mit der Unsicherheit, unter der Künstler*innen oft arbeiten, hat das allerdings wenig zu tun.

Gemeinsam mit Expert*innen und Betroffenen aus dem Kunstbetrieb hat unser kulturpolitischer Sprecher Erhard Grundl deshalb in einer Online-Veranstaltung über die spezifischen Probleme der Kunstszene gesprochen sowie über nachhaltige Lösungsansätze. Die taz berichtete hier über die Veranstaltung.

Die Mär von der unbeschadeten Kunst

Marcel Noack vom Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) widersprach eingangs der „Mär“ (O-Ton), wonach die Bildende Kunst kaum vom coronabedingten Lockdown betroffen gewesen sei. Weil viele Künstler*innen Nebentätigkeiten etwa in der Kunstvermittlung und kulturellen Bildung nachgingen, sei vielmehr das Gegenteil richtig.

Laut einer Umfrage des BBK seien 68 Prozent der Folgeaufträge und 36 Prozent aller Verdienstmöglichkeiten weggebrochen. Noack forderte deshalb, dass zum Beispiel Ateliermieten bei den Soforthilfen des Bundes verlässlich angerechnet werden können. In unserem grünen Antrag „Selbständige unterstützen – Aktiven Mittelstand wertschätzen“ finden sich entsprechende Forderungen. Auf die Notlage vieler Kulturschaffender haben wir zudem mit unserer Forderung nach 1200 Euro Existenzgeld reagiert.

Langfristig brauche es zudem krisenfeste Einkommensmodelle für Künstlerinnen und Künstler, etwa eine Ausstellungsvergütung wie in anderen europäischen Ländern. Außerdem sollten die Stipendien, auf die viele Künstler*innen angewiesen sind, familienfreundlicher gestaltet werden.   

Ankaufsetats der Museen erhöhen

Der international tätige Galerist Johann König hob die Bedeutung der Galerien hervor. Sie werden oft allein als profitorientierte Unternehmen betrachtet, dabei leisten viele wichtige Aufbauarbeit für junge Künstlerinnen und Künstler. Das aktuelle Mehrwertsteuergesetz benachteilige aber deutsche Galerien im internationalen Vergleich, weshalb König sich eine Absenkung wünschte.

Zudem wäre es sinnvoll, wenn Kunstkäufe bis zu einem bestimmten Betrag steuerlich absetzbar seien. Die Künstlerin und Kunstprofessorin Andrea Büttner wies darauf hin, dass es Künstler*innen sehr helfen würde, wenn die Ankaufsetats der Museen erhöht würden. Der Künstler Albert Weis vom Deutschen Künstlerbund unterstützte diese Forderung und wünschte sich zudem generell eine stärkere Präsenz von Kunst im öffentlichen Raum, was durch die Erhöhung der Etats für Kunst am Bau-Projekte gewährleistet werden könne.

Johann König betonte den Genderaspekt im Kunstbetrieb: da Frauen insbesondere im hochpreisigen Sektor unterrepräsentiert sind, sei es sinnvoll, in den deutschen Museen eine Ankaufquote für Kunst von Frauen zu etablieren. 

Vor- und Nachteile der Digitalisierung

Ob denn die Corona-Krise die Digitalisierung fördere, war eine weitere Frage, die Erhard Grundl an die Runde richtete. Johann König, der während des Lockdowns virtuelle Atelierbesuche organisiert hat, blieb gespalten: Digitale Angebote würden im Kunsthandel nur begrenzt funktionieren, denn Kunstwerke ließen sich nur dann online verkaufen, wenn vorher schon eine physische Begegnung mit der Arbeit stattgefunden habe.

Andrea Büttner begrüßte hingegen den inklusiven Aspekt der Digitalisierung. Menschen, die sonst keine Kunst anschauen würden, würden sich wegen der digitalen Möglichkeiten verstärkt für Kunst interessieren.

Einigkeit bestand in der Runde darüber, dass – wie in anderen Bereichen auch – die Corona-Krise Probleme sichtbar macht, die schon zuvor da waren. Andrea Büttner verwies dabei auf die Effekte der Gentrifizierung auf Künstler*innen, die immer schwieriger an günstige Atelierräume kämen. Deshalb sei es wichtig, nachhaltige Lösungen zu finden. Im Bereich der sozialen Absicherung von Künstlerinnen und Künstlern wurden hier insbesondere die Stärkung der Künstlersozialkasse (KSK) und eine für freischaffende Künstler*innen besser zugängliche Altersversorgung genannt.   

Zum Weiterlesen: Unser Antrag "Maßnahmen zur Rettung der kulturellen Infrastruktur in der Corona-Krise".