18 Feb 2021

Online-Fachgespräch Soziale Arbeit – heute und nach Corona systemrelevant

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Videoaufzeichnung des digitalen Fachgesprächs vom 18. Februar 2021
Uhrzeit Programm
17.30

Begrüßung und politische Einführung:

Katrin Göring-Eckardt MdB
Fraktionsvorsitzende
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

17.40

Talkrunde mit

Franco Clemens
Streetworker und Anti-Aggressionstrainer
Rheinflanke gGmbH, Köln

Nelly Grunwald
Geschäftsführerin Soziales und Rehabilitation
Verein für Gefährdetenhilfe, Bonn

Uta Reber
Frauenzentrum Brennessel, Erfurt

Katrin Göring-Eckardt MdB

Moderation: Sven Lehmann MdB
Sprecher für Sozialpolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

18.15 Diskussion mit Fragen aus dem Publikum
18.55

Schlusswort

Sven Lehmann MdB
19.00 Ende der Veranstaltung
  • Sozialarbeiter*innen sind der Kit unserer Gesellschaft. Sie helfen Menschen, die sich in unserer Gesellschaft nicht zurechtfinden, Kindern mit Lernschwierigkeiten und Arbeitslosen, die wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen.
  • In unserer digitalen Veranstaltung haben wir mit Sozialarbeiter*innen diskutiert und wertvolle Anregungen bekommen, wie sich die Rahmenbedingungen von Sozialarbeit verbessern lassen.
  • Soziale Arbeit braucht mehr Unterstützung auf Bundesebene. Die Rahmenbedingungen müssen zum Beispiel durch eine Reform von Hartz IV verbessert werden. Außerdem braucht es mehr finanzielle Mittel in den Bereichen, für die der Bund zuständig ist.
     
Sven Lehmann MdB, Sprecher für Sozialpolitik, Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag

Sven Lehmann, der für Sozialpolitik zuständige Abgeordnete, dankte für das Engagement der Sozialarbeiter*innen und machte deutlich, dass ohne sie viele Menschen in der Pandemie durchs Raster gefallen wären und es schwer gehabt hätten, ihren Lebensalltag zu bestreiten. Sozialarbeiter*innen seien in dieser Situation diejenigen gewesen, die den persönlichen Kontakt gehalten haben.

Katrin Göring-Eckardt MdB, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag

Katrin Göring-Eckardt, die Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, betonte, dass Sozialarbeiter*innen in der Krise wichtige Arbeit geleistet und zum seelischen Wohlergehen vieler Menschen beigetragen haben. Die sozialpolitischen Hilfen, wie die erleichterten Bedingungen in der Grundsicherung, reichen nicht aus. Es seien grundsätzlichere Reformen, wie veränderte Regelsätze, die Abschaffung der Sanktionen und der Bedarfsgemeinschaft notwendig.

Nelly Grunwald, Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin des Vereins für Gefährdetenhilfe in Bonn

Nelly Grunwald, Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin des Vereins für Gefährdetenhilfe in Bonn, berichtete davon, dass wenige Klienten und Mitarbeiter*innen in der Obdachlosenhilfe Bonn erkrankt seien. Das sei den Kommunen aber auch den Mitmenschen zu verdanken – sie hätten viel Unterstützung geleistet. Obdachlose bekämen weniger Bettelgelder, weil weniger Menschen auf der Straße seien. In der Krise sei es schwierig gewesen, mit Ämtern zu kommunizieren, wenn Unterlagen fehlten. Im großen Ganzen habe das Sozialdienstleister-Einsatzgesetz funktioniert und die Existenz der Dienstleister abgesichert.

Franco Clemens, Streetworker und Anti-Aggressionstrainer bei der Rheinflanke in Köln

Franco Clemens, Streetworker und Anti-Aggressionstrainer bei der Rheinflanke in Köln, arbeitet sehr häufig mit Jugendlichen. Auch er berichtete, dass durch die Lockdowns bei den Obdachlosen eine Notsituation entstanden sei. Der Zugang zu Toiletten sei schwierig und Obdachlose würden vielerorts aus den öffentlichen Räumen verdrängt. Es hätte weniger Flaschen zu sammeln gegeben, was bei vielen zu einer angespannten finanziellen Lage geführt hätte. Für Jugendliche sei die Reduktion der Sozialkontakte ein Problem gewesen, da sie sich nicht in größeren Gruppen treffen durften. Wer es trotzdem tat, wurde kriminalisiert.

Uta Weber, Sozialpädagogin und Vorstandsfrau beim Frauenzentrum Brennessel in Erfurt

Uta Weber, Sozialpädagogin und Vorstandsfrau beim Frauenzentrum Brennessel in Erfurt, berichtete, dass die psychische Belastung mit dem zweiten Lockdown zugenommen habe. Die Personaldecke und die technische Ausstattung in Frauenhäusern seien schlecht. Und es sei schwieriger, an Wohnraum für Betroffene heranzukommen. Für viele sei es schwierig, ihre Tagesstruktur zu gestalten, da ambulante Einrichtungen wegen der Kontaktbeschränkungen nicht wie normal verfügbar seien. Bei den Tagesangeboten gebe es zwar eine Notbetreuung, die reiche aber in vielen Fällen nicht aus.

Diskussion und Abschlussrunde

Die digitalen Teilnehmer*innen wurden durch ein Online-Voting beteiligt. Sie wurden – ebenso wie die Referent*innen – gefragt, ob es in der Corona-Krise ausreichend staatliche Unterstützung für soziale Einrichtungen gegeben hätte und ob die Unterstützung für Menschen in prekären Lebenslagen ausreichend gewesen sei. Beide Fragen verneinte das Publikum mit deutlicher Mehrheit – die Unterstützung sei nicht ausreichend gewesen.

In der Abschlussrunde betonten die ReferentInnen aber auch, dass vieles in der Krise durchaus gut gelaufen sei. Insbesondere sei die Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung groß gewesen. Es wäre gut, wenn diese Hilfsbereitschaft zukünftig besser koordiniert und die Sozialarbeit einbezogen werden könnte. Obdachlose, die wegen nicht eingehaltener Abstände Bußgelder zahlen müssen, dürften nicht mit Restriktionen und Strafen kriminalisiert werden. Hartz IV sei ein systemisches Problem, dem unbedingt mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden müsse. Außerdem sei eine bessere Finanzierung und Bezahlung der sozialen Arbeit dringend notwendig. Das gelte insbesondere für niederschwellige Hilfen, die unbedingt besser finanziert werden müssten.