22 Sep 2020

Digitale Veranstaltung Stromverteilnetz 2.0 - E-Mobilität & Flexible Tarife

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Aufzeichnung vom 22. September 2020
Uhrzeit Programm
10.00

Begrüßung und politische Einführung:

Oliver Krischer MdB
Stellvertretender Fraktionsvorsitzender
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Moderation: Dr. Ingrid Nestle MdB
Sprecherin für Energiewirtschaft
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Präsentationen von und Diskussion mit:

Fanny Tausendteufel
Projektmanagerin Industriepolitik
Agora Verkehrswende

Prof. Dr. Michael Lehmann
Leiter Prozess- und Systemmanagement MITNETZ Strom

Dr. Fabian Joas
Head of Regulatory Affairs at Elli - A Brand of the Volkswagen Group

Arndt Börkey
Leiter Strom und Regulierung BNE

Schlusswort:

Lisa Badum MdB
Sprecherin für Klimapolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

11.30 Ende der Veranstaltung
  • Die Verkehrswende gelingt nur, wenn wir die E-Mobilität gemeinsam mit Erneuerbaren Energien und unseren Stromnetzen denken.
  • Die Bundesregierung muss endlich das Stromnetzsystem auf die Herausforderungen der E-Mobilität anpassen.
  • Wir Grüne im Bundestag wollen gesetzliche Grundlagen für zukunftsfähige, flexible Konzepte schaffen, die viel mehr erneuerbaren Strom und eine flächendeckende E-Mobilität ermöglichen.

Wir haben mit Referent*innen von Agora Verkehrswende, dem Verteilnetzbetreiber MITNETZ, der VW-Tochterfirma Elli und dem Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE) über die Bedeutung von flexiblen Verteilnetzentgelten diskutiert. Die von der Bundesregierung angestrebte Reform des Energiewirtschaftsgesetzes gibt keine Antwort auf die dringende Frage, wie der neue Stromverbrauch von E-Autos, die lokale Verfügbarkeit von erneuerbarem Strom und die Kapazität der Verteilnetze zusammengebracht und unnötiger Netzausbau vermieden werden kann.

Netze auf absehbare Zeit ausreichend

E-Autos werden zukünftig  den Stromverbrauch von Millionen  von Haushalten verändern. Der alltägliche Mobilitätsbedarf lässt die Nachfrage nach Strom deutlich ansteigen, denn E-Autos verbrauchen viel mehr als beispielsweise Staubsauger oder Fernseher. Nicht zuletzt benötigt man meistens einen weiteren Stromanschluss für die Wallboxen der E-Autos.

Das Fachgespräch zeigte jedoch, dass unsere Verteilnetze E-Autos problemlos sicher und mit ausreichend Strom versorgen können – heute und noch für eine ganze Weile. Alle Referent*innen waren sich einig, dass der Markthochlauf der E-Mobilität von den bestehenden Verteilnetzen vorerst in jedem Fall abgedeckt sei.

Aktuell sei die potentielle Belastungsgrenze der Netze noch in sicherer Distanz, erst ab einem Marktanteil der batterieelektrischen Autos von 20-50 Prozent sehen die Netzbetreiber eine Herausforderung. Dies macht deutlich, dass die vorhandenen Verteilnetze die E-Mobilität noch lange unterstützen und damit keine Entschuldigung sind für die zögerliche Umsetzung von Maßnahmen zur Erreichnung der Klimaziele – sei es der Ausbau von Erneuerbaren Energien oder die Elektrifizierung des Verkehrssektors.

Dennoch müssen wir bereits jetzt die Verteilnetze für die Zukunft vorbereiten. Dafür brauchen wir Instrumente, die E-Autos, Erneuerbare Energien und die Stromnetze intelligent und flexibel zusammenbringen.

Verteilnetze fit für die Zukunft machen

Fanny Tausendteufel von Agora Verkehrswende machte deutlich, dass es möglich ist, die Investitionen in das Verteilnetz so gering wie möglich zu halten und dabei gleichzeitig so viele E-Autos anzuschließen wie nötig für die Verkehrswende.

Neben den technischen Voraussetzungen für die Steuerbarkeit von E-Autos und Verteilnetzen muss dafür der Stromverbrauch vorsorglich anhand von Netzprognosen gelenkt und durch finanzielle Anreize flexibilisiert werden. Der direkte Eingriff durch den Verteilnetzbetreiber in Form des kurzzeitigen Abschaltens der Stromkund*innen soll nur im Notfall möglich sein.

Nutzer*innen von E-Autos, Wärmepumpen oder im Zweifel auch Durchlauferhitzern sollen ihren Strom also ohne Furcht vor Abschaltung beziehen können. Darum soll das Risiko reduziert werden anstatt eine neue Abschaltstrategie zu beschließen, wie die Bundesregierung es derzeit plant.

Flexible Tarife – Win-Win für Netz und Verbraucher*innen

Als mögliches Umsetzungsbeispiel flexibler Tarife erläuterte Prof. Dr. Michael Lehmann das Pilotprojekt „NetzFlex“ von MITNETZ Strom. Ein intelligentes Energiemanagementsystem kombiniert mit einem Reservierungssystem für bestimmte Zeitfenster soll dabei den Stromverbrauch der Kund*innen automatisch in Zeiten mit hoher Einspeisung Erneuerbarer Energien und/oder niedriger Last im Netz verschieben.

Zu diesen Zeiten würde der Strom durch abgesenkte Netzentgelte günstiger, Verbraucher*innen erhielten somit einen finanziellen Anreiz zeitlich flexibel zu laden und quasi ganz nebenbei würde die Belastung des Netzes zeitlich entzerrt und bestenfalls sogar mehr Grünstrom genutzt.

Nach Meinung von Dr. Fabian Joas von Elli wäre dies auch der einzige Weg, um E-Mobilität attraktiv für die breite Bevölkerung zu machen. Andernfalls schrecke die Vorstellung einer als willkürlich empfundenen Abschaltung des Stromanschlusses viele potentielle Käufer*innen ab.

Ähnlich sah das Arnd Börkey vom BNE. E-Autos können ein nützliches Potential zur dezentralen, kurzzeitigen Stromspeicherung bieten. Doch in der aktuellen Realität müssten die Besitzer*innen sogar noch draufzahlen, wenn sie durch intelligentes Laden das Gesamtsystem unterstützen wollen. Schuld seien die starren Strukturen von Entgelten und Umlagen, die größtenteils ohne Berücksichtigung von Systemdienlichkeit anfielen.

E-Mobilität durch flexible Netzentgelte stärken

Fazit: Um die Verkehrswende voranzubringen, brauchen wir weder einen überdimensionierten, teuren Stromnetzausbau noch Notabschaltungen. Stattdessen benötigen wir den richtigen Rechtsrahmen, technische Standards begleitend zur Einführung von Smart-Meter-Gateways sowie finanzielle Anreize mithilfe variabler Netzentgelte.

Durch eine intelligente Steuerung der Aufladung von E-Autos und der Stromeinspeisung aus Speichern und Erneuerbaren brauchen wir weniger Verteilnetzausbau. Insgesamt muss das System für die Verbraucher*innen datenschutzrechtlich sicher sowie einfach umsetzbar sein. Wir wollen dabei außerdem ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen für alle Stromverbraucher*innen erreichen.

Wir Grüne im Bundestag setzen uns daher ein für die Reform der Netzentgelte, um die E-Mobilität zu unterstützen und so viel wie möglich fluktuierende Erneuerbare Energie zu nutzen, statt sie abzuschalten.