27 Jul 2021

Online-Fachgespräch Sturzfluten und Hochwasser – Vorsorge in der Klimakrise

 Eine zerstörte Brücke über der Ahr, nach dem Unwetter in Rheinland-Pfalz

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Unter dem Eindruck der Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfahlen und Rheinland-Pfalz haben wir Grüne im Bundestag zu einem Online-Fachgespräch zum Thema „Sturzfluten und Hochwasser – Vorsorge in der Klimakrise“ geladen.

Prof. Dr. Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) betonte, dass die Zunahme von Starkregenereignissen in Folge der Erderhitzung in der Wissenschaft unstrittig ist. Die physikalischen Gesetze, die diese Entwicklung voraussagen, sind schon seit vielen Jahren bekannt. Auch der sogenannte Jetstream-Effekt sorge dafür, dass Wetterextreme in Europa zunehmen, an die wir uns anpassen müssen.

Prof. Dr. Annegret Thieken vom Institut für Umweltwissenschaften und Geographie der Universität Potsdam führte aus, was die jüngsten Hochwässer so zerstörerisch machte. Die Böden in den Mittelgebirgen konnten nur wenig Wasser speichern und auch die Kapazitäten zum Rückhalt von Wasser waren begrenzt. Durch die steilen Hänge floss das Wasser sehr schnell in die Täler, die kleinen Flüsse in den Tälern schwollen an und entwickelten eine sehr hohe Fließgeschwindigkeit.

Dass diese extremen Hochwässer unterschätzt wurden, spiegelt sich auch in den amtlichen Hochwasserrisiko- und Gefahrenkarten wieder, in denen die dort darstellten Extremszenarien von der Realität bei Weitem übertroffen wurden. Eine Handlungsempfehlung lautete, die Hochwasserrisiken, die in solchen Karten dargestellt werden, neu zu bestimmen. Weiter zurückliegende, extreme Hochwasserereignisse könnten künftig ebenso beachtet werden wie Modelle, die durch die Klimakrise heftiger ausfallende Starkregen simulieren.

Um künftigen Hochwasserkatastrophen vorzubeugen, empfahl Prof. Dr. Annegret Thieken weiter, dass Hochwasserwarnketten überprüft, aber auch geprobt werden müssten, etwa in Schulen. Haushalte in Hochwasserrisikogebieten sollten bei der baulichen Eigenvorsorge besser beraten und unterstützt werden, insgesamt sollte in Hochwassergebieten angepasst gebaut werden.

Es sei grundsätzlich immer richtig, für weniger Verdichtung und Versiegelung von Böden zu sorgen. An Flüssen seien Deichrückverlegungen weiterhin der richtige Ansatz. In Mittelgebirgsregionen würden vor allem weitere Rückhalteräume bis hin zu Talsperren helfen.

Prof. Dr. Heiko Sieker, Professor an der TU Berlin und Geschäftsführer einer eigenen Ingenieurgesellschaft, betonte, dass Vorsorge gegen Starkregen und Hochwasser gleichzeitig auch Vorsorge gegen Dürreperioden sei. Er plädierte für einen Paradigmenwechsel in der Wasserwirtschaft: Anstatt beim Wassermanagement wie bisher vorrangig auf Entwässerung zu setzen, sollte künftig das Ziel im Vordergrund stehen, Regenwasser möglichst lange vor Ort zu speichern. In der Stadt führe dies etwa dazu, dass Kanalisation bei Starkregen weniger schnell überlastet. Die Stadt Berlin wendet ein solches Schwammstadtkonzept bereits erfolgreich an - nun müssten die Voraussetzungen geschaffen werden, um in allen Kommunen in die breite Umsetzung zu kommen. Nötig seien klare bundeseinheitliche Vorgaben, aber auch eine Anpassung von Verwaltungsvorschriften und technischen Regelwerken.

Fazit

Die Hochwasser-Katastrophe unterstreicht die Dringlichkeit und Notwendigkeit konsequenten Klimaschutzes. Global ist die Temperatur bereits um über 1 Grad gestiegen, aber was wir heute schon erleben, wäre bei einer ungebremsten Klimakrise nur der Anfang.

In der Klimakrise gibt es kein „neues Normal“, nur immer weitere Eskalation. Wirksamer Klimaschutz und Vorsorge vor den Folgen der Klimakrise dürfen nicht länger auf die lange Bank geschoben werden. 

Mehr zum Thema in unserem Maßnahmenpapier "Mit konsequenter Vorsorge Mensch und Umwelt vor der Klimkrise schützen"

Uhrzeit Programm
11.00

Begrüßung und Moderation:

Oliver Krischer MdB
stellv. Fraktionsvorsitzender
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion


Input 1: Die Klimakrise verschärft sich, wie nehmen die Risiken zu?
Auf welche Folgen müssen wir uns einstellen? Was bedeutet das für die Menschen vor Ort?

Prof. Dr. Anders Levermann
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)


Input 2: Was heißt das für die Mittelgebirge?
Spezifische Herausforderungen dort? Welche Maßnahmen müssen ergriffen, welche Gesetze geändert werden?

Prof. Dr. Annegret Thieken
Institut für Umweltwissenschaften und Geographie der Universität Potsdam


Input 3: Wege zur Schwammstadt
Vorbeugender Hochwasserschutz und Klimavorsorge in Städten und Dörfern

Prof. Dr. Heiko Sieker
TU Berlin und Ingenieurgesellschaft Prof. Dr. Sieker mbH


­­­Fragen und Anregungen aus dem Publikum

Diskussion mit den Referent*innen und den Abgeordneten:
Dr. Bettina Hoffmann MdB

Sprecherin für Umweltpolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Lisa Badum MdB
Sprecherin für Klimapolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

12.30 Uhr Ende der Veranstaltung