Fachgespräch Rechtsextremismus im Sport - Netzwerke, Professionalisierung und Gegenstrategien

Rechtsextreme drohen linken Demonstranten mit Gewalt.
Was tun gegen Rechtsextremismus in Fussball, Kampfsport und anderen Sportarten. Auf unserem Fachgespräch unterhielten wir uns dazu mit ExpertInnen. picture alliance/Jan Woitas/dpa
Uhrzeit Programm
14.30

Anmeldung

15.00

Begrüßung

Claudia Roth MdB
Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

15.05

Diskussion: „Aktuelle Strategien gegen Rechtsextremismus im Fußball“

Diskussionsteilnehmer*innen:

Juliane Röleke
Selbstständige Bildungsreferentin

Michael Gabriel
Koordinationsstelle Fanprojekte

Daniela Wurbs
BBAG e.V. - KickIn!, Beratungsstelle Inklusion im Fußball

16.00 Pause
16.30

Input: „Hooliganismus und Kampfsport: Professionalisierung extrem rechter Gewalt“

Robert Claus
Kompetenzgruppe für Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit, KoFaS

16.40

Diskussion: "Extremkampfsport zwischen verbandlicher Entwicklung und rechtsextremer Gewalt"

Diskussionsteilnehmer*innen:

Robert Claus
Kompetenzgruppe für Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit, KoFaS

Clemens Werner
Präsident GEMMAF - German Mixed Martial Arts Federation e.V.

Christian Sachs
Deutscher Olympischer Sportbund

17.50

Ausblick und Verabschiedung

Monika Lazar MdB
Sprecherin für Sportpolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

18.00 Get together
19.00

Ende der Veranstaltung 

Gesamtmoderation:

Ronny Blaschke
Journalist und Autor

Mit Beteiligung von:

Dr. Konstantin von Notz MdB
Stellvertretender Fraktionsvorsitzender
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Dr. Irene Mihalic MdB
Sprecherin für Innenpolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Erhard Grundl MdB
Sprecher für Kulturpolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Anreise

Mit dem Bus TXL oder Regional- bzw. S-Bahn bis Haltestelle „Hauptbahnhof“, mit der U-Bahn (U55) bis „Deutscher Bundestag“. Es gibt keine Parkplätze in der Umgebung des Deutschen Bundestages! Über den Eingang Paul-Löbe-Allee 2 - Südeingang gelangen Sie zum Veranstaltungsort.

  • Die extreme Rechte nutzt den Sport für ihre Zwecke. Gezielte Strafverfolgung und Präventionsarbeit sind nötig.
  • Zu unserem Fachgespräch „Rechtsextremismus im Sport“ haben wir Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Sozialer Arbeit, Fanorganisationen und Sportverbänden eingeladen. 
  • Wir Grüne im Bundestag werden uns weiterhin für Prävention im Fußball und Extremkampfsport einsetzen und entsprechende parlamentarische Initiativen vorlegen.

Am 13. Dezember 2019 hat die grüne Bundestagsfraktion ein Fachgespräch zum Thema „Rechtsextremismus im Sport – Netzwerke, Professionalisierung und Gegenstrategien“ veranstaltet. Unter der Moderation des Journalisten Ronny Blaschke wurden vor zahlreichen Gästen von den Expertinnen und Experten unterschiedliche Ansätze einer konsequenten Bekämpfung des Rechtsextremismus im Sport aufgezeigt.

Als sportpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion nannte Monika Lazar zwei politische Schwerpunkte: Es werde ein zielgerichtetes Bundesprogramm gegen Rechtsextremismus im Sport benötigt und der Bundestag solle ein Demokratie-Fördergesetz zur Stärkung der progressiven Kräfte auf den Weg bringen. Wir werden weitere Bundestagsinitiativen vorlegen und so unseren klaren Kurs gegen Rechtsextremismus fortsetzen.

Fußballfans als Teil der Lösung

Fußball stand im ersten Teil des Fachgesprächs im Blickpunkt. Dort zeige sich, so Claudia Roth, Vizepräsidentin des Bundestages, in besonderer Weise die Probleme: Auf der einen Seite bestehe erkennbar die „weite, wunderbare Welt des Fußballs“, aber gleichzeitig biete sich dort schon seit Jahren „ein Klangraum für Rechtsextremismus, Homophobie, Diskriminierung, Antisemitismus und Sexismus.“ Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) als größter Verband in Deutschland müsse wieder mehr gesellschaftspolitische Verantwortung zeigen.

Für die bei der Deutschen Sportjugend (dsj) angesiedelte Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) skizzierte deren Leiter Michael Gabriel die Arbeit der 68 sozialpädagogischen Fußballfanprojekte. Rechtsextremismus sei weiter ein großes Problem, auch wenn sich die Situation deutlich verbessert hätte. Aktuell gebe es in den Fankurven zumindest kein Festsetzen der rechtsextremen Szene - die schwerwiegenden Ausnahmen seien in Chemnitz und Cottbus. Letztlich zahle es sich aus, wenn Vereine und staatliche Stellen „die Fans als Teil der Lösung“ zugunsten einer friedlichen Fankultur einbeziehen würden. Gabriel mahnte eine verlässliche Finanzierung durch Staat und Sport an. Kurzzeitprojekte in der präventiven Fanarbeit könnten weder hauptamtliche Arbeit noch ehrenamtliches Engagement stärken.

Strukturen verfestigen Projekte

Daniela Wurbs („KickIn, Beratungsstelle Inklusion im Fußball“) stellte den Inklusionsansatz in den Mittelpunkt. Der Fußball schaue zu häufig nur auf die Außenwirkung der Maßnahmen. Mitentscheidend für die Transformationen des Sports hin zu inklusiven Institutionen sei jedoch die Anpassung der inneren Strukturen wie Satzungen, Regeln und Sprache. Problembewusstsein und Veränderungsbereitschaft sei bei den Landessportbünden zurzeit noch größer als bei den Landesfußballverbänden.

Juliane Röleke, Historikerin und ehemalige Vereinsarchivarin von Hertha BSC, mahnte effektive Projektmaßnahmen in der Fanarbeit an. Eine Kooperation der Fußballvereine mit Bildungsträgern, Gedenkorten und Museen würde die inhaltliche Präventionsarbeit stärken. Fans sensibilisiere man in besonderem Maße über die Entdeckung der Geschichte ihres Vereins: „Vereinsgeschichte interessiert alle. Man kann über den historischen Zugang die Verantwortung, Handlungsspielräume und Versäumnisse des Vereins herausstellen“ und so Empfehlungen für die aktuellen Herausforderungen geben.

Rechte Strukturen im Sport fordern die Innenpolitik

Die Vernetzung der rechtsextremen Szene mit Teilen der Fußball-Fanszene beschäftige auch die Innenpolitik, betonte Irene Mihalic, innenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion. In einigen Städten gebe es „vitale Bezüge“ zur Kampfsportszene sowie zu privaten Sicherheitsfirmen. Strafverfolgung und Präventionsarbeit seien wesentliche Elemente der Bekämpfung der rechtsextremistischen Netzwerke.

Konstantin von Notz, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, stellte die besondere Bedrohung durch rechtsextreme Netzwerke für die Demokratie dar. Rechtsextremismus als Problem sei zwar kein neues Phänomen, aber in den letzten Jahren sei eine neue Bedrohungsqualität entstanden. Die Morde der rechtsextremen Terrorgruppe NSU sowie die Mordattentate im Jahr 2019 in Halle und an Walter Lübcke zeigten, dass Gewalt, Vernetzung und Zugang zu Waffen durch rechte Gruppen nochmals zugenommen hätten.

Professionalisierung rechter Gewalt im Kampfsport

Der zweite Teil des Fachgesprächs widmete sich rechtsextremen Strukturen im Extremkampfsport. Robert Claus von der "Kompetenzgruppe für Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit" (KoFaS) beschrieb in seinem Vortrag die Professionalisierung extrem rechter Gewalt. Hooligans und Neonazis würden vor allem Kickboxen und Mixed Martial Arts (MMA) nutzen, um ihre Gewaltkompetenz zu steigern und, etwa durch den Vertrieb eigener Klamottenlabels und eigene rechtsextreme Kampfsportveranstaltungen wie den „Kampf der Nibelungen“, sich zu finanzieren.

Kampfsport sei ähnlich wie der Rechtsrock mittlerweile fester Bestandteil einer rechtsextremen Kultur und würde außerdem zur Finanzierung rechter Strukturen und zur Wehrhaftmachung für den „Tag X“ genutzt. Als Gegenstrategien nannte Claus Präventionsprogramme im Kampfsport, Lizenzierungsverfahren für Gyms und Trainerinnen und Trainer, Gegenwehr aus dem Kampfsport selbst und Unterstützung progressiver Kräfte im Kampfsport durch die Sportpolitik.

Clemens Werner (Präsident der GEMMAF - German Mixed Martial Arts Federation e.V.) betonte, dass sich sein Verband von Extremismen jeder Art abgrenze. Vor Turnieren etwa würden Informationen über Athleten eingeholt und auch die Einlaufmusik kontrolliert. Man arbeite aktuell an einem „Code of Conduct“ und hoffe auf Unterstützung aus Politik und organsiertem Sport. Eine Aufnahme in den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) würde viele Vorteile bringen.

Christian Sachs (Deutscher Olympischer Sportbund) entgegnete, dass aktuell eine Aufnahme eines MMA-Verbandes in den DOSB schon allein an den nicht erfüllten Aufnahmebedingungen scheitern würde und man außerdem grundlegende ethische Vorbehalte gegenüber MMA hätte. Man sei aber durchaus in Gesprächen mit der GEMMAF. Der organisierte Sport könne aber nicht alle gesellschaftlichen Probleme kurieren.

Bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern herrschte Einigkeit darüber, dass es dringend Präventionsprogramme gegen Rechtsextremismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im (Extrem)Kampfsport brauche.