Podiumsdiskussion Ware Wohnraum – Kapitalanleger und das Geschäft mit Immobilien

Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender,  auf dem Podium beim Fachgespräch "Immobilienmärkte im Fokus - Gemeinwohl vor Rendite" im  Haus der GLS-Bank.
Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender, bei der Eröffnung einer der Veranstaltungen unserer Gesprächsreihe. Grüne Bundestagsfraktion
Uhrzeit Programm
17.30 Einlass
18.00

Begrüßung

Dr. Anton Hofreiter MdB
Fraktionsvorsitzender

18.15

Kapitalanleger auf dem Markt für Wohnimmobilien: Investmentstrategien und aktuelle Entwicklungen

Dr. Konstantin Kortmann
Head of Residential Investment Germany
Jones Lang LaSalle

18.30

Wohnungen als Finanzanlage. Folgen für MieterInnen und Städte

Prof. Dr. Susanne Heeg
Prof. für geographische Stadtforschung
Goethe-Universität Frankfurt am Main

18.45

Podiumsdiskussion

Prof. Dr. Susanne Heeg

Dr. Konstantin Kortmann

Christoph Trautvetter
Public Policy-Experte
Netzwerk Steuergerechtigkeit und „Wem gehört Berlin“

Chris Kühn MdB
Sprecher für Wohnungspolitik

Moderation: Lisa Paus MdB
Sprecherin für Finanzpolitik

20.00 Offener Ausklang

U-Bhf. Kochstr. (U6) oder U-Bhf. Hallesches Tor (U1, U3)

  • Mit der Fachgesprächsreihe „Immobilienmärkte im Fokus – Gemeinwohl vor Rendite“ haben wir ein Forum ins Leben gerufen, um den Boom auf dem Immobilienmarkt von verschiedenen Seiten zu beleuchten und die politischen Handlungsmöglichkeiten zu diskutieren.
  • Im vorerst letzten Teil der Reihe „Ware Wohnraum“ wurde klar, dass die Deregulierungs- und Privatisierungswellen der Wohnungs- und Finanzmärkte seit den 1980ern einen gewichtigen Anteil an den heutigen Problemen im Wohnungsmarkt haben.
  • Um dem zu begegnen, fordern wir ein Grundrecht auf Wohnen, das wieder als Teil der Daseinsvorsorge begriffen werden muss. Außerdem braucht der Immobilienmarkt klare ökologische und soziale Leitplanken.

Zu Beginn der Veranstaltung stellte der Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter eindrücklich dar, warum die Verdrängung von Wohnenden und Gewerbetreibenden für uns Grüne im Bundestag eines der wichtigsten sozialen Themen unserer Zeit ist. Lisa Paus, finanzpolitische Sprecherin der Fraktion, moderierte die Veranstaltung.

Wohnungen werden zur Kapitalanlage…

Dr. Konstantin Kortmann vom Immobiliendienstleister Jones Lang LaSalle – einem der führenden Spezialisten für die weltweite Vermarktung von Wohnimmobilien-gab Einblicke, was die Ware Wohnraum aus Investorensicht so attraktiv macht. „Dry Powder“ - globales Kapital auf der Suche nach sicheren und renditeträchtigen Anlagen - ist derzeit so hoch wie nie. Niedrige Zinsen und der Anlagenotstand lassen weltweit immer mehr Geld in Wohn- und Gewerbeimmobilien fließen.

Dass Deutschland zu einem der Lieblingsziele für Investoren geworden ist, liegt aus Sicht von Dr. Kortmann vor allem daran, dass unter dem Motto „Deutschland ist fertig gebaut“ die demographische Entwicklung hierzulande verschlafen worden sei. Nun klaffe zwischen Angebot und Nachfrage von Wohnungen in den Ballungsgebieten eine riesige Lücke, die Investoren auch in Zukunft steigende Immobilienpreise und eine sichere Rendite verheiße.

…und Städte sollten Unternehmen werden

Auch für die Stadtsoziologin Prof. Dr. Susanne Heeg (Goethe Universität, Frankfurt a. M.) liegen die Ursprünge der derzeitigen Wohnungskrise weit zurück. „Städte als Unternehmen“ – unter diesem Leitbild lieferten sich Städte ab den 1980er-Jahren einen Standortwettbewerb.

Um die Innenstädte aufzuwerten und für Investoren attraktiv zu machen, seien mit Luxusbauprojekten Wohlhabende gezielt angelockt und ärmere Bevölkerungsgruppen vertrieben worden. Die Abschaffung der Wohngemeinnützigkeit und die Privatisierung des öffentlichen Wohnungsbestandes hätten ein Übriges getan und bezahlbaren Wohnraum zur Mangelware werden lassen.

Am Schluss ihres Impulsvortrages machte Prof. Heeg deutlich, dass auch das „Dry Powder“ nicht einfach so vom Himmel gefallen, sondern auf die Privatisierung der Alterssicherung, die Deregulierung der Finanzmärkte und die Folgen der Finanzkrise zurückzuführen sei.

Investoren wollen 16 Prozent Rendite

Im Podium wurde anschließend über Mittel und Wege diskutiert, wie sich die Spekulation mit der Ware Wohnraum eindämmen lässt. Neben Susanne Heeg und Jan Kortmann diskutieren Chris Kühn, wohnungspolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, und Christoph Trautvetter, Public Policy Experte vom Netzwerk Steuergerechtigkeit. Letzterer hat sich in einer Studie mit den Geschäftspraktiken und Renditestrategien der größten Wohnungsunternehmen in Berlin auseinandergesetzt.

Besonders aggressiv geht nach Angaben von Trautvetter die US-Investmentgesellschaft Blackstone vor, die bei ihren Anlegern mit einer Rendite von 16 Prozent wirbt. Bei global agierenden Hedge- und Private Equityfonds seien Renditeversprechungen von 12 bis 15 Prozent durchaus üblich, pflichtete auch Kortmann ihm bei.

Keine Patentrezepte, aber viele Hebel

Neben Miet- und Wertsteigerungen sei Steueroptimierung ein weiteres Instrument im Baukasten der Profitmaximierer. Hier sieht Trautvetter einen wichtigen Hebel, um die Renditeziele internationaler Investoren zu durchkreuzen und ihrem Geschäftsmodell die Grundlage zu entziehen.

Mit dem grünen Modell zur Reform der Share Deals liegen Vorschläge auf dem Tisch, die eine Umgehung der Grunderwerbsteuer schwieriger machen. Komplizierter ist es, wenn Gewinne in Steueroasen verschoben, Firmenanteile im Ausland verkauft werden oder sich Investoren gleich direkt auf den Cayman Islands verstecken, um so der Besteuerung zu entgehen.

Für Trautvetter ist mehr Transparenz deshalb Grundvoraussetzung für mehr Gerechtigkeit auf dem Wohnungsmarkt. Hier haben wir Grüne im Bundestag für wichtige Fortschritte gesorgt.

Chris Kühn mahnte an, dass die derzeitige Wohnungskrise nur entstehen konnte, weil sich der Staat aus der Wohnungspolitik zurückgezogen hat. Durch die Deregulierung des Marktes seit den 1990ern, den immer größeren Rückgang der öffentlichen Wohnungsbestände und das löchrige Mietrecht hätten die Profitmaximierer heute freies Spiel.

Um ein echtes Grundrecht auf Wohnen zu verwirklichen, müssen wir es als Teil der Daseinsvorsorge begreifen und auf dem Immobilienmarkt klare ökologische und soziale Leitplanken einziehen.

Konkret gehört dazu, Kommunen mehr Möglichkeiten zu geben, Grund und Boden zu sichern und gemeinwohlorientierten Akteuren – wie etwa Genossenschaften – Flächen für Bauprojekte im Sinne der Stadtgemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Ausnahmen bei der Mietpreisbremse müssen weg. Wohnen ist keine Ware und braucht daher andere Bedingungen als der freie Markt.

Wir als Grüne Bundestagsfraktion möchten uns bei allen Gästen und DiskutantInnen dieser Fachgesprächsreihe für die vielen wertvollen Inputs bedanken, die wir teilweise schon genutzt haben und auch weiter nutzen werden, um grüne Anträge und andere Initiativen in den Deutschen Bundestag einzubringen. Die weiteren Teile der Fachgesprächsreihe waren: „Banken, Börsen & Betongold“, „Geldwäsche im Immobiliensektor“ und „Bodenspekulation bekämpfen“.