Konferenz Nutztierhaltung 100 Prozent faire Tierhaltung

Am 18. Juni trafen sich BäuerInnen, TierschützerInnen und interessierte VerbraucherInnen auf Einladung der grünen Bundestagsfraktion und der niedersächsischen Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen in Hannover, um die Umsetzung einer fairen Tierhaltung zu diskutieren. Die inhaltliche Grundlage der Konferenz war das Autorenpapier Pakt für faire Tierhaltung, das letzte Woche veröffentlicht wurde. Unter fair verstehen wir, dass die in Deutschland gehaltenen Hühner, Schweine und Rinder ihr artgerechtes Verhalten weitgehend ausüben können und nicht verstümmelt werden; aber auch, dass die Entlohnung der ErzeugerInnen so angemessen und fair ist, dass sie trotz Preisdruck Tierwohl-Maßnahmen in den Ställen umsetzen. Die Konferenz diente dazu, die Ideen dieses Impulspapieres zu diskutieren und stieß mit 200 TeilnehmerInnen auf große Resonanz.

Der Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Dr. Anton Hofreiter, der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer und die tierschutz- und verbraucherschutzpolitische Sprecherin Miriam Staudte der grünen Landtagsfraktion eröffneten die Konferenz. Das Zusteuern auf 100 Prozent faire Tierhaltung müsse sofort beginnen. Die Menge der Tiere passe nicht zu der vorhandenen Fläche. Die viel zu hohen Besatzdichten führen zu massiven Umweltproblemen. Aufgrund hoher Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft seien Ökosysteme gefährdet und der Artenschwund kaum aufzuhalten. Die anhaltende Verbrauchertäuschung müsse gestoppt und eine Haltungskennzeichnung bei Milch und Fleisch endlich umgesetzt werden.

Podium: Wie faire Tierhaltung gehen kann

Zu Beginn der Diskussionsrunden diskutierten Friedrich Ostendorff, Sprecher für Agrarpolitik der grünen Bundestagsfraktion, Prof. Dr. Regina Birner vom Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik, Michaela Dämmrich, Tierschutzbeauftragte des Landes Niedersachsen und Ulrich Löhr, Vizepräsident des niedersächsischen Landvolks über „Saugut – wie geht faire Tierhaltung?“. Trotz bestehender Differenzen in der Bewertung der aktuellen Tierhaltung stimmten Friedrich Ostendorff und Ulrich Löhr überein, dass die Landwirte den gesellschaftlichen Wandel durchaus erkannt hätten und bereit für Veränderungen seien.

Prof. Birner ergänzte, dass begleitend zu Umbaubemühungen Bürgerbeteiligungen wünschenswert sind, um das bestehende Informationsdefizit zwischen Landwirtschaft und Bevölkerung abzubauen. Michaela Dämmrich kritisierte, dass die Tierhaltung aktuell systemimmanent tierschutzrelevant sei und bestehende rechtliche Schutzklauseln wie zum Beispiel das Verbot des Schnabelkupierens standardmäßig ausgehebelt würden.

Panel 1: Tierschutz verbessern

Frank Meuser vom Hauptstadtbüro des Deutschen Tierschutzbund, Geflügelexperte Prof. Dr. Robby Anderson von Hochschule Osnabrück und Schweineexpertin Prof. Dr. Elisabeth große Beilage von der Tierärztlichen Hochschule Hannover diskutierten in Panel 1 „Kleine Schritte, große Wirkung: wie verbessern wir den Tierschutz?“, welche Maßnahmen im Sinne der akut anzugehenden Tierschutzprobleme in den Ställen anzugehen sind. Frank Meuser nannte die Dringlichkeit, Qualzuchten im Tierschutzgesetz klar zu definieren, um bestimmte Auswüchse, wie in der Putenaufzucht, zu unterbinden. Prof. Anderson und Prof. große Beilage betonten die Notwendigkeit, die Bedürfnisse der landwirtschaftlich genutzten Tiere genau zu erforschen, um entsprechend tiergerechte Ställe bauen oder umgestalten zu können. Laut Prof. große Beilage lägen viele Informationen hierzu bereits vor: Schweine hätten beispielsweise ein ausgeprägtes Wühlbedürfnis und wären daher auf Einstreumaterial wie Stroh angewiesen. Sie sprach sich außerdem vehement gegen das Kürzen von Ferkelschwänzen aus. Robby Anderson nannte in diesem Zusammenhang den enormen Forschungsbedarf bei Geflügel: Wie oft und welches Licht für das Wohl eines Huhns notwendig ist, sei noch unklar und Empfehlungen für das Lichtmanagement nicht eindeutig.

Panel 2: Verantwortung von Handel und VerbraucherInnen

Im zweiten Panel „Schluss mit dem Preisdumping“ wurde die Verantwortung der verschiedenen Akteure thematisiert. Dr. Ludger Breloh von der REWE-Zentral AG betonte, dass auch der Handel als wesentlicher Teil der Lieferkette seinen Beitrag für mehr Tierschutz zu leisten habe und dies insbesondere bei den Eigenmarken Schritt für Schritt versuche umzusetzen.

Miriam Staudte, Sprecherin für Verbraucher- und Tierschutzpolitik der Landtagsfraktion und Waltraud Fesser, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz waren sich einig, dass die Verbraucher und Verbraucherinnen mehr Transparenz brauchen. Sie sollten am Produkt einfach erkennen können, was drin steckt und wie die Tiere gehalten wurden. Hierfür wären eine Haltungskennzeichnung analog zur Eierkennzeichnung oder ein nationales Tierwohl-Label notwendig. Diskutiert wurde in dem Rahmen auch die Tierwohl-Initiative, die die Bereitschaft und den Willen der Landwirte zeige, mehr Tierschutz umzusetzen. Diese müsse hinsichtlich der Kriterien und Transparenz sowie der Finanzierung jedoch noch deutlich weiterentwickelt werden.

Panel 3: Tierwohl fair entlohnen

Die Autoren des Papiers sind sich einig: Eine Erhöhung der Anforderungen und ein mehr an Tierschutz kann nur umgesetzt werden, wenn Umbaumaßnahmen finanziell leistbar sind. Darüber, wie der Umbau der Tierhaltung finanziert werden soll, setzten sich Jan Hempler, Berater in der Landwirtschaftskammer in Niedersachsen, Theresa Ungru, Junglandwirtin aus dem Münsterland und Hanso Janßen, Sprecher für Agrarpolitik der grünen Landtagsfraktion Niedersachsen unter dem Titel „Ohne Moos nix los?“ auseinander. Mit reger Publikumsbeteiligung wurde klargestellt, dass es langfristiger und verlässlicher Fördermaßnahmen bedarf, um große Projekte wie Stallneu- oder –umbauten anzugehen. Grundsätzlich seien die Landwirte bereit ihren Tieren mehr Tierwohl zu ermöglichen, dies stehe jedoch im direkten Konflikt mit den stark schwankenden und schwachen Erzeugerpreisen.

In ihren Schlussworten machten Minister Christian Meyer und Friedrich Ostendorff klar, dass sie die Diskussionsergebnisse der Konferenz in ihre weitere politische Arbeit einfließen lassen werden. Wir bleiben dran am Thema mehr Tierwohl und wie es für die Bäuerinnen und Bauern umsetzbar ist.

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1 Kommentar
Tierhaltung
Verena Kellner 31.07.2016

Liebe "Grünlinge",

bitte bleibt an diesem Thema unbedingt dran! Es ist eine Schande für jeden von uns, was hier geschieht - grauenhaft den Tieren, aber auch den Menschen der "Dritten Welt" gegenüber. Dass es unser Wasser verseucht, ist nur gerecht, solange sich da nichts ändert.

Herzliche Grüße,
Verena Kellner

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