Lebensmittelbranche „Food for Foodies"

Eine Frau schenkt am 08.11.2016 während der Fachmesse der Getränkewirtschaft BrauBeviale in Nürnberg (Bayern) ein Glas "Craft Beer" ein, Bier welches von unabhängigen Brauern in kleineren Mengen gebraut wird.
November 2016 auf der Fachmesse der Getränkewirtschaft BrauBeviale in Nürnberg (Bayern). Hier wird ein Glas "Craft Beer" eingeschenkt, ein Bier, welches von unabhängigen Brauern in kleineren Mengen gebraut wird. "Craft" ist eine Bewegung in der Lebensmittelbranche, die neue Wege in der Lebensmittelherstellung geht und mit der regionale Landwirtschaft zusammenarbeitet. Die grüne Bundestagsfaktion hat in einem Fachgespräch mit ExpertInnen diskutiert wie Food-Start-Ups politisch besser unterstützt werden können..

Es ist auf den ersten Blick verblüffend: Seit Jahren geht die Zahl der Handwerksbetriebe im Lebensmittelbereich zurück. Ob bei Bäckereien oder Metzgereien: Immer mehr Kleine geben auf; übrig bleiben einige Große, die dann vor allem im industriellen Stil produzieren. In den Städten aber boomt die Start-up-Szene. „Craft“ wird von Klein- und Kleinstunternehmen wiederentdeckt und großgeschrieben. Beim Fachgespräch zeigte sich: Es gibt zwar Schnittmengen mit dem traditionellen Handwerk, aber deckungsgleich sind „Food-Start-ups“ und Handwerk nicht.

Neue Wege in der Lebensmittelbranche

„Craft“ wird von seinen MacherInnen oft als Erlebnis verstanden, und häufig kommt die kreative Idee zuerst. Jiro Nitsch von FutureEins/Next Organic hob hervor, dass viele Food-Start-Ups QuereinsteigerInnen sind. Durch den im Vergleich kleinen Maßstab der Produktion sind die Start-ups zumeist nah am Kunden – und begreifen die intensive Beschäftigung mit den KäuferInnen als Vorteil, um zielgruppenorientierte Produkte herstellen zu können. Dr. Katharina Kurz von brlo sieht bei den Craft-Beer-HerstellerInnen insgesamt „eine andere Einstellung zur Produktion, eine experimentierfreudigere Herangehensweise“.

PartnerIn für die regionale Landwirtschaft

Beim Fachgespräch diskutierten die TeilnehmerInnen auch, was es braucht, um diese Bewegung zu unterstützen – und sie als Partner für die regionale Landwirtschaft zu stärken. „Eine regionale Landwirtschaftsstruktur braucht auch regionale Partner in Handel und Verarbeitung“, so Harald Ebner.

Die ExpertInnen und das Publikum waren sich in der Diskussion einig: Auch für die Start-Up-Produkte geht es immer wieder um den Preis. Wie Christian Heymann von Speisegut zu Beginn anmerkte: „Die Produkte vermitteln oft ein idyllisches Bild, aber am Markt ist es dann doch härter“. Die Stückkosten sind durch die kleinere, handwerkliche Produktion meist höher, regionale Ökorohstoffe sind ebenfalls in der Regel teurer, und dieser Aufpreis muss den KonsumentInnen vermittelt werden. Gebündelt wurde das im Wunsch der ExpertInnen, die Wertschätzung für regionale und ökologische Handwerks-Produkte besser bei den KonsumentInnen zu verankern. Außerdem forderten sie die öffentliche Hand auf, durch geeignete Rahmenbedingungen bei der Beschaffung dafür zu sorgen, dass auch in Kantinen, Kitas und Mensen verstärkt regionale, handwerklich verarbeitetet Produkte angeboten werden können. Damit könne man diesen Absatzmarkt für kleine Manufakturen und das Lebensmittelhandwerk erschließen. Der Lebensmitteleinzelhandel sei wegen des Preisdrucks oft ein weniger interessanter Handelspartner.

Wir brauchen neue Vertriebsstrukturen

Christian Parzich von Josephines Feinkost wünschte sich außerdem eine genauere Regelung des Begriffs „regional“, um im Vertrieb regionale Produkte besser anbieten zu können.

Mangelnde Erfassungs- und Auslieferungsstrukturen, aber auch fehlendes Angebot an Rohstoffen und Mengen sind momentan mit dafür verantwortlich, dass regionale Produkte in Bio-Qualität in Einkauf und Verarbeitung oft nicht möglich sind. Gewünscht wurde deshalb auch ein Förderprogramm „Logistik und regionale Wertschöpfungsketten“. Denn für Klein-ProduzentInnen ist eines der Hauptprobleme bei der direkten Vermarktung, dass Gastronomie und Großhandel einzeln angefragt werden müssen, und dass damit hoher Kosten- und Zeitaufwand verbunden ist. Zudem könnten Netzwerke zwischen KöchInnen und ProduzentInnen aufgebaut werden, oder auch Erstausstattung und Sharing-Modelle unterstützt werden.

Ausbildung im Handwerk soll wieder Spaß machen

Jiro Nitsch betonte, dass Ausbildung wieder Spaß machen müsse und wünschte sich eine Akademie oder Ausbildungsprogramme für handwerkliche Herstellung. In diesem Zusammenhang wurde auch das Problem von verschwindenden Ausbildungskapazitäten genannt, wenn Meisterbetriebe ohne Nachfolge schließen.

„Bei der Diskussion um die Förderung von Start-Up- und Handwerksunternehmen geht es auch um den Erhalt von Expertise und darum, kleinen Betrieben eine Perspektive zu geben. Wir werden sie deshalb weiterführen“, so Markus Tressel in seiner Zusammenfassung.

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