Grüne Landwirtschaft vor Ort Höfetour in Westfalen und dem Münsterland

Der Besuch aus Berlin wird neugierig empfangen. Während der Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter mit Journalisten und Landwirten spricht, stecken aufgeweckte Ferkel ihre Rüssel durch das Gitter ihres Stalls. Kommt ihnen ein Hosenbein zu nahe, ziehen die Ferkel daran wie kleine Hunde, die spielen wollen.

Vor der Kulisse des Vierständerhallenhauses aus dem Jahr 1864 zaubern die Schweine ihren Besuchern unweigerlich ein Lächeln auf die Lippen. Kritiker halten der grünen Agrarpolitik gerne vor, sie orientiere sich an Bilderbuchvorstellungen. Doch auf der Ökostation in Bergkamen kann man sie sehen, riechen und anfassen – die angebliche Bullerbü-Phantasie der Grünen.

Grüne Landwirtschaft zum Anfassen

Keine zehn Kilometer entfernt steht der Hof von Ulrike und Friedrich Ostendorff, in Berlin agrarpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Er hat Hofreiter, Bauern und Funktionäre in seiner Heimat zusammengebracht, um über die Grüne Landwirtschaft zu sprechen. Auch die Ostendorffs halten Schweine nach Bio-Kriterien. Die Tiere haben einen Ringelschwanz, leben an der frischen Luft und laufen auf Stroh.

Neben dem Musterstall für artgerechte Haltung gibt es auch ein Zerlegebetrieb auf dem Gelände der Ökostation. So niedlich die Schweinchen auch sind, sie gehören nicht zu einem Streichelzoo, sondern sind Teil eines landwirtschaftlichen Betriebes. Sie werden gemästet, geschlachtet und ihr Fleisch verkauft. In der Kühlhalle des Zerlegebetriebs hängen ihre Artgenossen kopfüber und in Hälften geteilt am Haken. Auf dem Schinken prangt ein Neuland-Stempel. Das Geschäft brummt.

Die Haltung von Tieren und eine Scholle hinter dem Haus gehörten jahrzehntelang zum Alltag der Menschen. Heute werden Gemüse und Fleisch im Supermarkt gekauft, kleingeschnitten, mariniert, verarbeitet und luftdicht verschweißt. Das ist bequem und praktisch. Will sich jetzt die Politik zwischen Verbraucher und Ladentheke drängen?

Anton Hofreiter: „Es ist nicht die Aufgabe der Politik, jemandem vorzuschreiben, was er essen sollte. Unsere Aufgabe ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit unser Essen ordentlich produziert wird. Mit Marketing und Werbung werden uns Produkte verkauft, die oft nicht halten, was sie versprechen. Auf der Milchpackung stehen die Kühe auf der Weide. Vom marinierten Schweinehalsgrat (Anmerkung der Redaktion: das ist bayrisch für Schweinenackensteak) zum Kilopreis von 4,50 Euro lacht mich ein Schwein an. Das ist doch Augenwischerei. Deswegen setzen wir uns für eine Kennzeichnungspflicht ein. So muss auf den Produkten draufstehen, ob die Kuh oder das Schwein jemals an der frischen Luft waren und die Sonne gesehen haben.“

Viele Landwirte klagen darüber, dass sie sich von der Presse und den Grünen an den Pranger gestellt fühlen. Fehlt in der Öffentlichkeit der Respekt für die Arbeit der Bauern?

Friedrich Ostendorff: „Das kann schon sein. Landwirtschaft ist harte Arbeit. Wir stehen jeden Tag sehr früh auf, um die Tiere zu versorgen und die Flächen zu bestellen. Das hat viel mit Verantwortung zu tun: auch für das Auskommen der eigenen Familie. Das macht einen sehr zufrieden und stolz auf das, was man erreicht hat. Es geht aber auch um das, was man erhält: den Hof, das Familienerbe. Bei uns Bio-Bauern kommen noch die ökologischen Aspekte hinzu, die wir erhalten wollen: Landschaftsschutz, Kreislaufwirtschaft. Hier auf der Öko-Station kann das jeder Mensch in kleinem Maßstab erleben und erfahren. Politiker und Presse müssen aber respektieren: Wir Bauern machen das unser ganzes Leben lang. Andererseits – wenn Kollegen die Türen zu ihren Betrieben verschließen, weil sie die Diskussion um Glyphosat, Antibiotika, Haltungsform und Nitratbelastung nicht führen wollen, ist das in meinen Augen auch der falsche Schritt. Durch Abschottung in der Wagenburg gewinnt man keinen Respekt. Deshalb freue ich mich so, dass heute so viele Landwirte mit uns Grünen sprechen und dass Birgit und Theo Schulze Wierling uns eingeladen haben.“

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