Glyphosat Keine Entwarnung - Glyphosat weiterhin „wahrscheinlich krebserregend“

In Deutschland werden jährlich 6.000 Tonnen Glyphosat versprüht.

Seite 2: Hintergrund: Glyphosat - Verflechtungen der Entscheider mit der Industrie

Wider besseren Wissens: Industrie-Funktionäre als Bewerter

Hinter verschlossenen Türen trafen sich vom 9. bis 13. Mai 2016 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Auftrag des Joint FAO/WHO Meeting on Pesticide Residues (JMPR), um die bisherige Bewertung des Totalherbizids zu überprüfen. Bemerkenswert war dabei: Die entscheidenden Positionen des Vorsitzenden und vermutlich auch des stellvertretenden Vorsitzenden wurden an Personen mit bekanntermaßen engsten Verbindungen zur Industrie vergeben.

Der Vorsitzende Prof. Alan Boobis ist seit Jahren in leitender Funktion für ILSI-HESI tätig (International Life Sciences Institute; Health and Environment Sciences Institute). Dieses wird vorrangig von Monsanto sowie weiteren Glyphosat- bzw. Pestizid-Herstellern finanziert, die im Lobbyverband CropLifeInternational (CLI) organisiert sind. Monsanto und CLI gaben offenbar 2012 jeweils mindestens 500.000 Dollar bei einem Gesamtbudget von 2,4 Millionen.

Sein vermuteter Stellvertreter (die Bestätigung durch JMPR steht noch aus) Prof. Angelo Moretto ist im Lenkungsausschuss von HESIs RISK21-Projekt. Dr. Boobis wiederum leitet dieses Projekt zusammen mit einem Vertreter des Agrochemie-Unternehmens Syngenta. Mindestens zwei weitere Teilnehmer der JMPR-Arbeitsgruppe, Dr. Raymond Tice und Dr. Aldert Piersma, sind oder waren ebenfalls in HESI-Projekte involviert.

Bundesregierung verschweigt Industrie-Verstrickung von Behörden-Mitarbeiter

Der Leiter der Abteilung „Sicherheit von Pestiziden“ im deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das Glyphosat bereits im Rahmen der EU-Risikoprüfung Harmlosigkeit bescheinigte, ist ebenfalls an ILSI-HESIs RISK21-Projekt beteiligt, wenn auch nicht an der aktuellen JMPR-Bewertung: Dr. Roland Solecki. Die Bundesregierung wollte diesen Interessenskonflikt zwischen der Mitarbeit in einem industriefinanzierten Projekt zur Risikobewertung von Gefahrstoffen und der federführenden Risikobewertung des Pestizidwirkstoffs Glyphosat offenbar nicht zugeben und antwortete auf die Frage nach einer Tätigkeit von Dr. Solecki für ILSI-HESI lediglich mit dem Verweis auf eine einzelne Workshopteilnahme im Jahre 2006 (siehe Bundestags-Drucksache Nr. 18/8161, Frage 14). Sie gibt an: „Eine weitergehende Zusammenarbeit hat nicht stattgefunden“. Es handelt sich dabei um eine klare Missachtung des parlamentarischen Fragerechts.

Die Mitarbeit von Wissenschaftlern und Behördenmitarbeitern bei ILSI-HESI wurde in der Vergangenheit vom Europäischen Parlament so kritisch bewertet, dass es unter anderem den Rücktritt von Prof. Moretto aus einem Beratungsgremium der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA durchsetzte. Nach Recherchen von Greenpeace EU wird eine gleichzeitige Tätigkeit von Wissenschaftlern für EFSA- und ILSI-Gremien inzwischen ausgeschlossen. Daran sollten sich JMPR und Bundesregierung ein Beispiel nehmen. Aber warum ist die Beteiligung an ILSI-HESI’s RISK21-Projekt so brisant? Was genau verbirgt sich hinter dem Projekt?

RISK21: Risikobewertung im Sinne der Industrie

RISK21 wird von ILSI-HESI als Initiative beschrieben, die die „Entwicklung einer wissenschaftlichen, transparenten und effizienten Herangehensweise an die sich entwickelnde Welt der humanen Gesundheitsrisikobewertung zum Ziel hat“ und „internationale Stakeholder von Regierungen, Wissenschaft, Industrie und einigen NGOs zusammenbringt, um gemeinsam zusammenzuarbeiten.“ Risk21 beschreibt sich auf ihrer Website wie folgt:

What is RISK21? 
A HESI-managed initiative aimed at developing a scientific, transparent, and efficient approach to the evolving world of human health risk assessment. RISK21 brings together international stakeholders from government, academia, industry, and some NGOs to work together collaboratively.

Projektbeteiligte sind unter anderem diese Pestizidhersteller:

  • BASF
  • Bayer
  • Dow
  • DuPont
  • Monsanto
  • Syngenta

Laut der Eigendarstellung soll das Projekt zu einer notwendigen Veränderung in Methodik und Kommunikation von Risikobewertung beitragen – ein durchaus politikorientierter Ansatz. Dazu heißt es auf der Website:

Why RISK21?
RISK21 was created to address a needed transition in toxicology, exposure, and risk assessment methodology and communication.

Bei der Beschreibung des RISK21 Ansatzes fallen bestimmte Schlagworte auf. Neben den Forderungen nach mehr Effizienz, weniger Datenanforderung und früherer Entscheidungsfindung sticht die Formulierung „exposure-led“ ins Auge – gemeint ist eine von der vermuteten, geschätzten Exposition geleitete Risikobewertung. Risk21 formuliert das wie folgt:

What are the fundamentals of a RISK21 approach?
A transparent framework for knowledge synthesis to enable effective decision-making:

  • Problem formulation-based: An iterative process that establishes purpose, scope, and a plan for collecting and evaluating information
  • Utilizes existing information: Applies information on inherent chemical properties as well as existing exposure and toxicity information before generating additional data
  • Exposure-led: Considers relevant exposure estimates up-front to prioritize and determine data needs
  • Tiered: Optimizes use of resources
  • Flexible: Allows one to make an informed decision on human health safety as soon as sufficient

Kurz gesagt fordert ILSI-HESI also ein verändertes Vorgehen bei der Risikobewertung. Statt zunächst das grundsätzliche gesundheitsschädigende Potential (englisch: hazard) eines Stoffes zu bewerten, wie IARC das tut, soll vorab eine Expositionsabschätzung vorgenommen werden. Auf Grundlage der vermuteten Belastung mit dem zu prüfenden Stoff wird dann eine Risikoabschätzung (englisch: risk assessment) vorgenommen. Der Schritt der allgemeinen Gefahrenbewertung (hazard assessment) wird übersprungen.

Dieses Vorgehen widerspricht international üblichen Bewertungsverfahren, die die generelle Gefahrenbewertung vor die spezifische Risikobewertung stellen. Ziel ist es offenbar, die relativ strikte EU-Pestizidgesetzgebung so zu umgehen. Denn diese sieht vor, dass ein Stoff, der potentiell krebserregend wirken kann, aus Vorsorgegründen nicht (wieder)genehmigt werden darf – unabhängig davon, wie hoch die reale Exposition, also Belastung der Menschen ist, vorausgesetzt, es gibt eine Exposition. Bei Glyphosat ist die Exposition durch zahlreiche Lebensmittel-, Umwelt- und Urinanalysen jedoch zweifelsfrei nachgewiesen.

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) verzichtet auf Gefahrenbewertung

Die Abteilung von Dr. Solecki im BfR orientiert sich möglicherweise bereits an dem vom industriegeführten ILSI-HESI propagierten Vorgehen. Denn im Rahmen der Glyphosat-Bewertung durch das BfR wurde auf eine Gefahrenbewertung im engeren Sinne verzichtete. Stattdessen wurde argumentiert, angesichts der relativ geringen Exposition könne Glyphosat keinen Schaden anrichten. Dieses Vorgehen hat bei den Sachverständigen in der Anhörung des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft letztes Jahr Entrüstung ausgelöst.

Einzig Prof. Helmut Greim, Sachverständiger der Union, sah „kein Problem“ bei diesem Vorgehen, musste aber in der Anhörung einräumen, dass er für eine Glyphosat unterstützende Publikation vom Glyphosat-Hersteller Monsanto bezahlt wurde. Prof. Greim, der ebenfalls lange Jahre für ILSI-HESI tätig war, wurde erst kürzlich mit Prof. Boobis bei EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis vorstellig. Das offenbare Ziel: Die lange ausstehende Definition von EU-Kriterien für das Hormonsystem schädigende Substanzen sollte im Sinne einer risiko- statt gefahrenbasierten Vorgehensweise beeinflusst werden. Auch Glyphosat steht im Verdacht, auf diese Weise die Gesundheit zu schädigen.

Deutsche Vertreterin beim JMPR duldet offenbar seit Jahren Interessenskonflikte

Im Gegensatz zu früheren JMPR-Bewertungen von Glyphosat, für die ein Mitarbeiter aus der Abteilung von Dr. Solecki federführend war, ist das BfR diesmal nicht direkt involviert. Die neue deutsche Vertreterin in der JMPR-Arbeitsgruppe, Prof. Andrea Hartwig vom Karlsruher Institut für Technologie, steht allerdings gerade in der Kritik, weil sie offenbar Interessenskonflikte bei Mitarbeiterinnen der von ihr geleiteten Ständigen Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe (MAK-Kommission) bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über Jahre geduldet hat. Sie ist seit 2007 in Nachfolge von Prof. Greim Vorsitzende der MAK-Kommission, die der Bundesregierung Grenzwerte für Gefahrstoffe am Arbeitsplatz empfiehlt. Die Bewertung von Glyphosat soll demnächst begonnen werden.

Das wissenschaftliche Sekretariat der Kommission wird seit langem von Dr. Heidrun Greim geleitet, der Ehefrau des ehemaligen Vorsitzenden der MAK-Kommission, Prof. Greim (s.o.). Unterstützt wird sie unter anderem von der langjährigen Mitarbeiterin Dr. Britta Laube. „Nebenbei“ betreiben Dr. Greim und Dr. Laube die Eurotoxis GmbH, die Unternehmen der Chemie-, Pharma- und Kosmetikbranche dabei unterstützt, ihre Chemikalien durch die europäischen Genehmigungsverfahren zu bringen. Dr. Laube und Dr. Greim sind Haupt- und Mitautorinnen zahlreicher MAK-Publikationen. Es ist davon auszugehen, dass die genannte Konstellation Prof. Hartwig seit Jahren bekannt war. Die Abgeordneten Harald Ebner und Friedrich Ostendorff haben in einem Brief an den JMPR deshalb gefordert, Prof. Hartwig bis zur Aufklärung aller Vorwürfe nicht mehr an der Bewertung von Glyphosat und anderen Stoffen zu beteiligen.

EU-Regularien sind eindeutig – der Umgang damit nicht

Die EU-Regularien sehen vor, dass Pestizidwirkstoffe, die als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ nach EU-System klassifiziert sind, nicht (erneut) genehmigt werden dürfen. Die Risikobewertungen von BfR, EFSA und JMPR spielen dabei keine Rolle. Es handelt sich um eine grundsätzliche Bewertung des Gefahrenpotentials von Glyphosat, wie IARC sie vorgenommen hat. Die EU- und die WHO/IARC-Systeme sind weitgehend harmonisiert. Die endgültige Empfehlung darüber, ob Glyphosat auch nach EU-System als „wahrscheinlich krebserregend“ klassifiziert werden sollte, formuliert ein Gremium bei der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA). Dieses hat seine Arbeit bereits aufgenommen und wird sie voraussichtlich bis Sommer 2017 abschließen. Bis dahin ist das Ergebnis offen. Die von der Europäischen Kommission vorgeschlagene Wiedergenehmigung für 9-15 Jahre hat deshalb unter den EU-Mitgliedsstaaten zu Recht keine Mehrheit gefunden. Doch auch die jetzt vorgeschlagene, kurzfristigere Verlängerung der geltenden Genehmigung ohne Beschränkungen oder Auflagen, die am 6. Mai 2016 abgestimmt werden soll, widerspräche dem Vorsorgeprinzip und wäre kein Fortschritt für Gesundheit und Umwelt.

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