Glyphosat Letzte Verlängerung?

In Deutschland werden jährlich 6.000 Tonnen Glyphosat versprüht.

Glyphosat ist angezählt – und die chemiebasierte Landwirtschaft ein Auslaufmodell. Das hat die finale Abstimmung über die Genehmigungsverlängerung des „wahrscheinlich krebserregenden“ Pestizidwirkstoffs Glyphosat am 24. Juni 2016 in Brüssel erneut gezeigt. Eine qualifizierte Mehrheit kam auch bei diesem letzten Versuch nicht zustande. Trotzdem hat die Europäische Kommission kurz darauf erklärt, zum 1. Juli 2016 die vorgeschlagene Verlängerung um 12 bis 18 Monate auf eigene Verantwortung in Kraft zu setzen. Details dazu beschreibt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) auf seiner Website.

Entscheidung über Genehmigungserneuerung vertagt

Die Verlängerungsentscheidung überrascht – auch wenn sie dem EU-Recht folgt. Denn im Vorfeld wurde aus den Reihen der Kommission wiederholt deutlich gemacht, man wolle die Fehler, die bei der Zulassung gentechnisch manipulierter Pflanzen gemacht wurden, bei dem Pestizidwirkstoff Glyphosat nicht wiederholen. Bei Gentech-Pflanzen gibt es praktisch nie eine qualifizierte Mehrheit für die Zulassung. Die Kommission hat die Zulassung in solchen Fällen immer selbst ausgesprochen – und sich damit viel Kritik und Misstrauen von der EU-Bevölkerung eingehandelt. So ist es auch diesmal: Der Alleingang der Kommission wird die EU-Verdrossenheit weiter befördern. Das sehen selbst Kommentatoren so, die die Risiken von Glyphosat für überschaubar halten. Nachzulesen ist das zum Beispiel in einem Artikel von Kathrin Zinkant, SZ Online am 29. Juli 2016.

In etwa einem Jahr wird die Bewertung der Europäischen Chemikalienagentur vorliegen. Diese ist entscheidend für die Frage, ob der Pestizidwirkstoff nicht nur nach den Kategorien der Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation, sondern auch nach EU-Recht als „wahrscheinlich krebserregend“ einzustufen ist. Bestätigt die Chemikalienagentur die Einstufung, ist die EU-Kommission verpflichtet, das endgültige Auslaufen der Genehmigung vorzuschlagen und gegebenenfalls ohne die Zustimmung der Mitgliedsstaaten in Kraft zu setzen, wie eben bei der Verlängerung geschehen. Da die Kategorien der Krebsforschungsagentur und der Chemikalienagentur parallel laufen, ist dieses Szenario nicht unwahrscheinlich. Es ist also höchste Zeit, den Ausstieg aus der Glyphosatanwendung, insbesondere aus der glyphosatbasierten Landwirtschaft, durch geeignete Maßnahmen einzuleiten. Details dazu beschreibt das Julius Kühn-Institut ein seiner Folgenabschätzung für die Landwirtschaft. Sofort umsetzbar wären:

  • ein Verbot der Vor-Ernte-Anwendung (im Minimum eine Genehmigungs- und Deklarationspflicht),
  • ein Verbot der kommunalen und privaten Anwendung,
  • eine Beschränkung des landwirtschaftlichen Einsatzes auf Ausnahmefälle
  • und weitergehende Schutzmaßnahmen für Anwohner und sonstige Nebenstehende.

Eine Landwirtschaft ohne Glyphosat ist möglich

Glyphosat ist der Schmierstoff der industriellen Landwirtschaft, nicht nur des fruchtfolgelosen Ackerbaus, sondern auch der Intensivtierhaltung. Wer unerwünschte Beikräuter auf seinem Acker einfach totspritzen kann, braucht keine zwar bodenpflegende und biodiversitätsfördernde, aber möglicherweise nicht kurzfristig gewinnmaximierende Fruchtfolge einzuhalten. Mais nach Mais oder Weizen und Raps im Wechsel sind keine nachhaltigen Bewirtschaftungsmuster und ohne erheblichen Chemieeinsatz nicht möglich. Das beschreibt zum Beispiel der agrarpolitische Sprecher der Grünen im Euopaparlament Martin Häusling im Detail (pdf). Der ökologische Landbau zeigt, dass es auch ganz ohne Gift auf dem Acker geht. Zwischen diesen beiden Polen gibt es zumindest erhebliche Glyphosat-Einsparpotentiale, die während der Verlängerung unbedingt genutzt werden sollten, um das endgültige Auslaufen der Genehmigung vorzubereiten. Florian Schöne, Geschäftsführer des Deutschen Naturschutzrings, hat am 27. Juni 2016 in der Online Ausgabe der Tageszeitung Neues Deutschland einen lesenswerten Kommentar veröffentlicht: Chance zum Ackergift-Ausstieg.

Auch die deutsche Intensivtierhaltung hängt am Tropf von Glyphosat – nicht nur zum Beispiel über den deutschen Mais- und Gerstenanbau, sondern auch über den Import von Soja als Eiweißfutter. Soja wird in Süd- und Nordamerika ganz überwiegend in einer gentechnisch veränderten Form angebaut (Roundup Ready von Monsanto), die die Behandlung mit Glyphosat beziehungsweise dem fertigen Spritzmittel Roundup von Monsanto unbeschadet übersteht, während alles andere Grün auf dem Acker stirbt. Das führt zu hohen Glyphosat-Rückständen im Viehfutter, mit dem Europas Nutztiere gemästet werden. Die Erforschung der Auswirkungen dieser Rückstände auf die Tiergesundheit steht noch ganz am Anfang. Auch hier gibt es Positivbeispiele über den Ökolandbau hinaus: Ein großer Anteil der deutschen Frischmilch und Eier wird inzwischen gentechnikfrei erzeugt, das heißt: ohne Sojafutter mit hohen Glyphosat-Rückständen. Nachzulesen ist das zum Beispiel auf der Website des Verbands Lebensmitel ohne Gentechnik (VLOG). Und eine erste konventionelle glyphosatfreie Milchlinie wurde eben von der Milchvermarktungs-GmbH sternenfair vorgestellt (Link zur sternenfair-Webseite).

Glyphosat überall

Doch bis diese Beispiele Schule machen und damit auch Mensch und Umwelt dem Stoff weniger ausgesetzt sind, ist noch ein Weg zu gehen, das zeigen jüngst veröffentlichte Analyseergebnisse. Glyphosat findet sich nicht nur in Obst, Gemüse und Backwaren. Ein öffentliches Labor in Nordrhein-Westfalen hat im Juni in 29 von 30 Biersorten Glyphosat gefunden – und bestätigt damit die Analyseergebnisse des Umweltinstituts München mit einer anderen Methode (nachzulesen in den Lokalnachrichten von „Die Glocke online“). Und wie die Märkische Allgemeine am 28. Juni 2016 in ihrer Online-Ausgabe berichtet, wurde in Brandenburger Honig eine extreme Grenzwertüberschreitung festgestellt, vermutlich bedingt durch die Vor-Ernte-Anwendung von Glyphosat. Auch weitere Honige aus dem In- und Ausland sind belastet. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete schon am 31. August 2011, dass in den USA eine Behörde schon seinerzeit vor der Glyphosat-Aufnahme durch die Luft gewarnt hat. Diese Behörde hatte 2011 in Luftsammelproben regelmäßig Glyphosat festgestellt. Das deutsche Pestizidmonitoring in der Luft wurde dagegen vor Jahren eingestellt.

Doch es liegt noch etwas anderes in der Luft – ein Handelsstreit: Glyphosat steht nicht nur in der EU, sondern auch in den USA zur Überprüfung an, wo es intensiv unter anderem auf gentechnisch veränderten Pflanzen eingesetzt wird. Und obwohl auch dort das Verfahren seit Jahren stockt, sich immer mehr Widerstand formiert und der Ausgang ungewiss ist, macht ein Beitrag der Online-Zeitschrift Politico deutlich, dass die US-Regierung die Vorgänge in Europa aufmerksam beobachtet, möglicherweise auch gezielt zu beeinflussen versucht. Das ist vor dem Hintergrund der TTIP-Verhandlungen, bei denen Landwirtschaft einer der Hauptstreitpunkte ist, nicht überraschend. Die Verlängerung wurde daher in den USA insbesondere durch die Soja-Industrie mit Erleichterung aufgenommen.

Mehr Informationen zu Glyphosat: www.gruene-bundestag.de/glyphosat

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