Grüne Woche Zehntausende fordern Agrarwende

Unter dem Motto „Wir haben es satt“ demonstrierten 30.000 Menschen anlässlich der Grünen Woche in Berlin gegen Agrarindustrie und für gutes Essen und bäuerlich-nachhaltige Landwirtschaft. Die grüne Bundestagsfraktion war mit ihren Abgeordneten auf der von einem breiten Trägerbündnis aus Umwelt-, Tierschutz, Entwicklungs- und alternativen Landwirtschaftsverbänden organisierten Veranstaltung reichlich vertreten.

Alles gegessen? Grüne Agrarwende oder Freihandel für die Agroindustrie?

Über 300 Gäste konnte Renate Künast zur Diskussionsveranstaltung der grünen Bundestagsfraktion im Anschluss an die Demonstration begrüßen. Sie verwies darauf, dass die Entwicklung der europäische Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung beispielsweise durch die Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen (TTIP) oder die drohende neue Anbauzulassungen von gentechnisch veränderten Pflanzen vor wichtigen Weichenstellungen steht. Ebenso wie Bärbel Höhn machte sie deutlich, dass die Grünen im Bundestag weiterhin dafür eintreten werden, dass diese Weichen richtig gestellt werden für eine nachhaltige Landbewirtschaftung, artgerechte Tierhaltung, gesunde Lebensmittel und Verbraucherschutz.

Massentierhaltung? Wir lassen die Sau raus!

Im ersten Panel „Wir lassen die Sau raus! – Für eine Tierhaltung jenseits von Gülleseen und Exportirrsinn“ diskutierte Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Fraktion, mit seinen Gästen Maria Heubuch von der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (AbL e.V.) und Bernhard Krüsken vom Deutschen Bauernverband über eine Form der Landwirtschaft, die sowohl tiergerecht und nachhaltig, als auch modern und zeitgemäß sein kann. Maria Heubuch betonte die Notwendigkeit der Flächenbindung bei der Tierhaltung, um das Kreislaufprinzip und die Futterunabhängigkeit bäuerlicher Betriebe zu sichern. Bernhard Krüsken bescheinigte auch der konventionellen, industriellen Landwirtschaft und Tierhaltung ein nachhaltiges Grundprinzip; diese Meinung schien die Mehrheit des Auditoriums jedoch nicht zu teilen. Auch in der Diskussion um die Hormonanwendung in der Sauenhaltung kamen die Diskutanten zu keiner einheitlichen Position. Friedrich Ostendorff betonte die Zusammenhänge von Exportorientierung und Leistungsdruck in der Tierproduktion. Dies sei mit bäuerlicher Landwirtschaft nicht vereinbar.

TTIP: Freihandelsabkommen ohne Verbraucherschutz und Transparenz?

Im Talk 2 „TIPP-Freihandelsabkommen: Freie Fahrt für Chlorhühnchen und Klonfleisch!?“ zwischen Nicole Maisch, der Sprecherin für Verbraucherschutz, und Stephanie Lehmann von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) wurde ganz deutlich, dass die Bewertungen des transatlantischen Freihandelsabkommens TTIP weit auseinander gehen. Der BVE sprach sich uneingeschränkt positiv für das Freihandelsabkommen aus, da sie sich die Mitgliedsunternehmen einen verbesserten Zugang zum US-amerikanischen Markt erhoffen. Aus diesem Grund forderte Frau Lehmann den Abbau nicht-tarifärer und regulatorischer Handelshemmnisse. Dazu gehört ihrer Ansicht nach zum Beispiel auch die Einführung einer technischen Lösung für minimale Spuren nicht zugelassener gentechnisch veränderter Organismen. Diese Aufweichung der absoluten Nulltoleranz und den Wegfall von weiteren Standards, die die Verbraucher schützen sollen, lehnte Nicole Maisch entschieden ab. Als weiteres grundlegendes Problem benannte sie die fehlende Transparenz bei den Verhandlungen. Das Europäische Parlament, die nationalen Parlamente sowie die Akteure der Zivilgesellschaft werden nur zögerlich, selektiv und unter Geheimhaltungsauflagen über die Ziele, Inhalte und die Fortschritte der Verhandlungen informiert – und werden dadurch ihrer demokratischen Mitwirkungsrechte beraubt. Dieses Problem scheinen der BVE und seine Mitglieder nicht zu haben. Laut der Aussage der BVE- Vertreterin sehen sie Transparenz gegeben und fühlen sich gut informiert.

Biodiversität statt Gentechnik

Im Zentrum des Gentechnik-Panels „Geht's jetzt (wieder) los? Agrogentechnik in Europa“ mit Harald Ebner, Sprecher für Gentechnikpolitik, und Dr. Matthias Braun von der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie (DIB) standen die Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen zur Diskussion. Der Anlass hätte aktueller nicht sein können: In den nächsten Tagen fällt die Entscheidung über die Zulassung einer gentechnisch veränderten Maislinie für den Anbau in der EU. Zweiter Schwerpunkt war die Frage, ob solche Pflanzen überhaupt einen Beitrag zur Bewältigung von Herausforderungen wie zum Beispiel der Welternährung leisten könnten. Harald Ebner verwies auf die Erfahrungen aus 20 Jahren Gentechnik-Anbau in Nord- und Südamerika, wo durch den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen vor allem der Einsatz von Pestiziden drastisch gestiegen sei. Auf seine Anfrage habe die Bundesregierung keine seriösen Belege dafür vorlegen können, dass die Milliarden-Investitionen in die Agrogentechnik einen nennenswerten Beitrag zur Welternährung hätten leisten können.

Große Sorgen bereitet Ebner die genetische Verarmung, die mit der Konzentration auf die teuren Gentechnik-Linien verbunden ist. Gerade für die Zukunft bräuchten wir MEHR und nicht weniger Vielfalt.

Dr. Matthias Braun räumte ein, dass die bisher entwickelten Pflanzen keine Vorteile für die Verbraucher böten. Einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Risiken von gentechnisch veränderten Pflanzen und den möglichen Konsequenzen von klassisch gezüchteten Pflanzen wollte er jedoch nicht sehen. Als Beispiel führte er die "Killerbiene" an, die aus einer konventionellen Kreuzung zweier Bienenrassen hervorgegangen sei, was im Publikum zu Protestäußerungen führte.

Regionale Wirtschaftskreisläufe fördern

Der vierte Talk „Regionales stärken – Wirtschaftliche Potenziale vor der Haustür!“ stellte zum Abschluss der Veranstaltung dar, wie durch die regionale Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte die Wertschöpfung im ländlichen Raum gestärkt werden kann. Mit Markus Tressel, dem neuen Sprecher für ländliche Räume, diskutierte Gerhard Kempf, Mitbegründer und Geschäftsführer der Martinshof GmbH Naturkosthandel und Biometzgerei aus St. Wendel im Saarland. Der Martinshof hat eine 30-jährige Erfolgsgeschichte aufzuweisen: Aus einem kleinen Hof wurde ein Bioland-Betrieb mit 70 MitarbeiterInnen. Unter anderem vermarktet der Martinshof seine Produkte im eigenen Laden und über eine Gemüsekiste, die an 1000 Kunden pro Woche geliefert wird.

Als Direktvermarkter ist Kempf die Rückmeldung vom Verbraucher der wichtigste Wegweiser. Deshalb sind die Tore des Martinshofs stets für Besucher geöffnet. Auf Unterstützung durch die Politik, etwa durch Fördermittel, hat er dagegen bisher weitestgehend verzichtet. Seine Erfahrung lehrte ihn, dass der Aufwand, um an solche Mittel zu gelangen, nicht im Verhältnis zum Nutzen stehe. Aus Sicht von Markus Tressel muss sich daran etwas ändern. Gerade solche kleinen Betriebe, die viel für die Wertschöpfung in der Region tun und damit die Zukunft der Menschen dort sichern, benötigen Unterstützung von Seiten der Politik. Diese könne einerseits durch entsprechende Förderprogramme, zum Beispiel durch die europäische Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) oder durch ein Bundesprogramm „Regionalvermarktung“ geschehen, so Markus Tressel. Wichtig sei aber vor allem, dass der ländliche Raum eine Lobby bekomme, um die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Funktionen, die er hat, immer wieder in den Vordergrund zu stellen.

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