Klimakrise und Atomkraft

Bei Hitze- und Kältewellen – erneuerbarer Strom ja bitte

Das AKW Fessenheim muss sofort stillgelegt werden.
Frankreich muss bei Hitzewellen die Leistung von Atomkraftwerken drosseln und Strom importieren. Trotzdem sollen die Laufzeiten von Altmeilern verlängert werden. Im Bild: Atomkraftwerk im französischen Fessenheim. picture alliance / dpa
31.03.2021
  • Frankreich muss bei starken Hitzewellen die Leistung von Atomkraftwerken drosseln und Strom importieren.
  • Trotzdem hat Frankreich im Februar 2021 die Laufzeit seiner 32 ältesten Meilern verlängert.
  • Wir fordern die Bundesregierung auf, bei Laufzeitverlängerungen ihr Recht auf Mitsprache systematisch zu nutzen und sich in Europa zusammen mit anderen Ländern engagiert gegen Laufzeitverlängerungen einzusetzen.

Die französischen Atomkraftwerke müssen in Hitzezeiten ihre Leistung erheblich drosseln, um Umweltauflagen zu erfüllen. Das Kühlwasser trägt nämlich direkt zur Erwärmung der Meere und Flüsse bei. Deren Temperatur darf in Frankreich jedoch keine 28 Grad überschreiten. Nach Angaben von der französischen Elektrizitätsgesellschaft Électricité de France (EDF) resultierte die gedrosselte Leistung im Hitzejahr 2003 in insgesamt 6.308 Gigawattstunden nicht produziertem Atomstrom. Das ist etwa die Stromerzeugung von einem Fessenheim-Reaktor innerhalb eines Jahres. Seit 2003 mussten 22 der 58 Reaktoren wegen Hitze ihre Leistung reduzieren. Aber vor allem die stärksten Hitzewellen können sich auf die Versorgungssicherheit Frankreichs auswirken und das Land vorübergehend von Importen abhängig machen.-

Frankreich auf erneuerbare Energie aus Deutschland angewiesen

Das war zum Beispiel 2019 der Fall, als in der Woche vom 22. Juli in Frankreich neue Temperaturrekorde gebrochen wurden. Bei Hitze erzeugen Atomkraftwerke (AKW) weniger Strom. Zeitgleich steigt aber auch der Stromverbrauch, nicht zuletzt wegen der Betätigung von Klimaanlagen. Konsequenz: Frankreich produziert tagsüber selber nicht mehr genügend Strom, um seinen Bedarf zu decken. Es ist auf Stromimporte angewiesen.

Am 25. Juli 2019 um 12.30 Uhr wurden zum Beispiel drei Gigawatt (GW) aus Deutschland und Belgien importiert, um die französische Nachfrage zu decken. Das entspricht etwa der Leistung von mehr als zwei Cattenom-Reaktoren. Innerhalb desselben Tages sank der Anteil der Atomkraft an der französischen Energieerzeugung von 75 auf 62 Prozent. Im Vergleich mit dem 25. Juni 2019 produzierte Frankreich an diesem Mittag sogar 8 GW Atomstrom weniger. Das zeigt: Atomkraft ist keine klimataugliche Technologie und Frankreich sollte schnellstmöglich in den schnelleren Ausbau von erneuerbaren Energien investieren. Die Bundesregierung muss sich jetzt sowohl auf Minister- als auch auf Arbeitsgruppenebene (zum Beispiel innerhalb der bilateralen interministeriellen Meseberg Klima-AG) dafür einsetzen, dass gemeinsam ambitioniertere Ziele für deren Ausbau gesetzt werden.

Die hitzeanfälligsten französischen Atomkraftwerke wurden verlängert

Besonders hitzeanfällig sind die ältesten französischen AKW, die über keinen oder einen kleinen Kühlturm verfügen (meistens aus landschaftlichen Gründen). Sie müssen dann mehr Wasser aus den Gewässern pumpen und es stark erhitzt wieder zurückleiten. 10 der 22 im Jahre 2019 von Leistungsdrosselungen betroffenen Reaktoren in Frankreich gehörten zur älteren 900 MW-Klasse und verfügen über keinen Kühlturm. Sie befinden sich in Fessenheim (mittlerweile abgeschaltet), Tricastin und Blayais. Zwei weitere Reaktoren in Chinon verfügen über einen kleinen Kühlturm.

Genau diese Reaktoren (mit Ausnahme von Fessenheim) will Frankreich aber länger betreiben. Die französische Nationalversammlung und der Senat haben sich am 25. Juli 2019, dem absoluten Hitze-Rekordtag in Frankreich, auf einem Energie- und Klimagesetz geeinigt, der das 50-Prozent-Atomstrom-Ziel von 2025 auf 2035 hinausschieben soll. Im Februar 2021 war es so weit und die französische Atomaufsicht billigte die Laufzeitverlängerung der 32 ältesten französischen AKW auf mindestens 50 Jahre - trotz Hitzeanfälligkeit, Klimawandel und Sicherheitsmängeln.

Die Bundesregierung hat die Abgabe einer Stellungnahme zu den französischen Plänen innerhalb der vorgesehenen Frist verweigert. Die Bundesregierung muss endlich auf EU-Ebene engagiert handeln und ihr Recht auf Mitsprache bei Laufzeitverlängerungen systematisch geltend machen. Zusammen mit verbündeten wie zum Beispiel Österreich und Luxemburg kann sie den Druck erhöhen und Laufzeitverlängerungen verhindern. Nur so kann die Sicherheit der EuropäerInnen langfristig gewährleistet und ein gemeinsamer Atomausstieg angegangen werden.

Atomkraft hält auch Kältewellen nicht stand

Die Kältewelle in Texas Anfang 2021 hat gezeigt, dass AKW auch bei Kältewellen Probleme bekommen. Ein Block des AKW South Texas musste bei anhaltenden Minustemperaturen, als die Stromversorgung bereits nicht mehr vollständig gewährleistet werden konnte, heruntergefahren werden. Die Kälte hat zu Störungen im Kühlkreislauf geführt.

Hier kam es zu keinem Unfall. Doch es stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage der ausreichenden Auslegung europäischer Atomkraftwerke gegen das Einfrieren von Kühlmittelquellen im Falle extremer Kältewellen. Denn abhängig davon, an welcher Stelle und wie schnell der Kühlmittelverlust eintritt, droht nicht nur die Unterbrechung der Stromerzeugung, sondern auch der Unfall. Alte AKWs sind für neue Herausforderungen dieser Art besonders schlecht ausgerüstet.