AKW-Sicherheit Cattenom im Überalterungsbetrieb

Vorne im Bild stehen die Besucher während im Hintergrund das Kraftwerk Wasserdampf ausstößt.
V.l.n.r.: Dieter Majer (Atomexperte und Stresstestbeobachter), Sylvia Kotting-Uhl MdB, Professor Dr. Manfred Mertins (Atomsicherheitsexperte), Markus Tressel MdB

Am 21. Februar 2017 besichtigten die Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl und Markus Tressel zusammen mit Dieter Majer, ehemaliger Leiter des Bereichs "Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen" im Bundesumweltministerium, und Professor Dr. Manfred Mertins, ehemaliger hochrangiger Sachverständiger der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktortechnik und dort für die Bundesatomaufsicht tätig, das Atomkraftwerk Cattenom.

Nach einem längerem Gespräch über die technischen Merkmale der Anlage, Nachrüstungen aufgrund des Super-GAUs von Fukushima und aus unserer Sicht weiter bestehende Defizite, gab es eine Führung durch den ältesten der vier Cattenom-Reaktoren, der seit über vierzig Jahren in Betrieb ist.

Freundlich aber unbeirrbar

Die Erkenntnisse waren trotz aller Freundlichkeit des Betreibers ernüchternd. Insbesondere zeigte sich, dass die Sicherheitseinrichtungen, die für die Beherrschung von Störfällen erforderlich sind, nach wie vor erhebliche Defizite aufweisen. Und das wird auch so bleiben. Die seit Fukushima von der französischen Atomaufsicht und vom Betreiber vorgesehenen Maßnahmen dienen lediglich dazu, Auswirkungen bei eingetreten Störfällen zu reduzieren. Sie sind aber nicht geeignet, Störfälle zu beherrschen.

Blechdach über Brennelementen

Beispielsweise ändert sich nichts daran, dass die Anlage nur gegen den Absturz eines Kleinflugzeugs ausgelegt ist. Das Gebäude, in dem sich das Brennelemente-Lagerbecken befindet, weist gar nur ein Blechdach auf. Dabei befindet sich das AKW in der Nähe unter anderem des Flughafens Luxemburg, auf dem große Passagier- und Frachtjets verkehren.

Einige Fragen konnte der Cattenom-Betreiber nicht beantworten, obwohl wir ihm im Vorfeld die konkreten Themen genannt hatten, über die wir diskutieren wollten. Beispielsweise konnte für manche Einrichtungen des AKW nicht angegeben werden, ob sie zum System der Störfallbeherrschung oder zum Notfallsystem gehören.

Unzureichender Hochwasserschutz

Auch konnte der Betreiber nicht angeben, ob das AKW dem internationalen Maßstab an den Hochwasserschutz genügt. Standard ist heute, dass ein AKW dem stärksten Hochwasser standhalten muss, das nach heutigen Erkenntnissen an dem Standort in einem Zeitraum von 10.000 Jahren auftreten kann. Cattenom wurde jedoch nur gegen ein 1000jähriges Hochwasser ausgelegt, auf das man nach Fukushima 20 Prozent als neue Maßgabe aufgeschlagen hat. Welche Unterschiede und potenziellen Defizite dieses Vorgehen zum internationalen Standard bedeuten, konnte der Betreiber nicht sagen.

Mangelndes Risikobewusstsein beim Betreiber

Sein Rollenverständnis verstörte uns: Er befasse sich nicht damit, welche Konzepte und Maßnahmen nach heute gültigen Anforderungen notwendig sind. Das sei allein Aufgabe der Atomaufsicht und der Ingenieursabteilung der Konzernzentrale des AKW-Betreibers EdF. Diese Verantwortungsaufteilung mag im "Normal-Betrieb" für den Betreiber intern passend scheinen, sie reduziert jedoch das Risikobewusstsein und damit die Unfallvorbeugung.

Cattenom ist nicht nachrüstbar

Das ernüchternde Fazit: Das Sicherheitskonzept Cattenoms stammt aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Nachrüstungen mit dem Ziel, die heute gültigen Sicherheitsanforderungen zu erreichen, sind praktisch nicht möglich. Der vom Betreiber beabsichtigte Überalterungsbetrieb weit über 40 Jahre hinaus ist ein unverantwortliches Risiko. Zum Schutz der Bevölkerung, hierzulande vor allem im Saarland und in Rheinland-Pfalz, muss das Kanzleramt sich in Paris um eine möglichst rasche Stilllegung bemühen.

Bundesregierung muss Stilllegung anstreben

Dass sich ausgerechnet der aus dem Saarland stammende Kanzleramts-Chef Altmaier nicht für die Stilllegung des grenznahen Atomkraftwerks engagiert, ist weder nachvollziehbar noch akzeptabel. Generell muss die Bundesregierung sich auf EU-Ebene endlich dafür einsetzen, dass Sicherheitsfragen grenznaher Atomkraftwerke auch grenzüberschreitend behandelt werden. Das ist sie dem Schutz ihrer Bevölkerung schuldig.

Weitere Informationen zum AKW-Cattenom

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