Super-GAU in Japan Fukushima: 6 Jahre nach der Katastrophe

Die schwer beschädigten Reaktoren 3 und 4 von Fukushima Daiishi im März 2011 aus der Luft aufgenommen.
Die schwer beschädigten Reaktoren 3 und 4 von Fukushima Daiishi im März 2011 aus der Luft aufgenommen.

Nach wie vor ist die Situation in Fukushima sehr gefährlich und die großen Aufgaben noch lange nicht bewältigt. Es ist fraglich, ob die Folgen der dreifachen Kernschmelze überhaupt jemals bewältigen werden können.

Ungelöste Probleme in Fukushima

Der geschmolzene und verfestigte Kernbrennstoff aus den Reaktoren 1 bis 3 ist immer noch nicht lokalisiert. Der Betreiber muss die Reaktoren deswegen dauerhaft kühlen. Das führt zu riesigen Mengen kontaminierten Wassers, das auf dem Gelände gelagert wird. Der Platz ist begrenzt und das Wasser kann nicht von allen radioaktiven Stoffen befreit werden. Schon jetzt gelangt immer wieder kontaminiertes Wasser in den Pazifik.

Im Februar dieses Jahres wurde die höchste radioaktive Strahlung seit dem Unfall gemessen: 650 Sievert pro Stunde. Für Menschen endet bereits eine Dosis ab 50 Sievert pro Stunde nach kürzester Zeit tödlich. Spezielle Säuberungsroboter, die in den zerstörten Reaktoren Wege für Erkundungsmissionen frei räumen sollen, versagen schon nach zwei Stunden wegen der hohen Strahlung ihren Dienst.

Auch die 1,5 Kilometer lange und 30 Meter tiefe Eisbarriere um die Reaktorblöcke ist nicht einsatzbereit. Die offiziell als „undurchdringliche Wand auf der Landseite“ bezeichnete Barriere ist nicht völlig gefroren. Weiterhin kann Grundwasser eindringen und radioaktiv verseuchtes Wasser aus der Anlage sickern. Allein für diesen Bau wurden 308 Millionen Euro ausgegeben. Insgesamt haben sich nach derzeitigen Schätzungen die Kosten für Entschädigungen und den Rückbau verdoppelt und liegen bei rund 108 Milliarden Euro.

Blick über die Grenze

Ein Super-GAU wie in Fukushima ist jederzeit und überall möglich. Auch in Deutschland und seinen Nachbarstaaten besteht das Risiko bis zum Abschalten des letzten Atomkraftwerks.

Direkt an deutschen Grenzen stehen alte und marode Atomkraftwerke. Mehrere der grenznahen AKW sind in einem miserablen Zustand. Im lothringischen AKW Cattenom herrschen zahlreiche Mängel: Es ist ungenügend gegen Überflutung und Erdbeben geschützt. Mit Fessenheim steht im Elsass nicht nur das älteste Atomkraftwerk Frankreichs, sondern auch ein besonders störanfälliges. Das Pannen-AKW liegt einen Kilometer von der deutschen Grenze entfernt und auch hier: unzureichender Schutz gegen Erdbeben oder Überschwemmungen. In einem ausgewiesenen Erdbebengebiet ist diese Risikotechnologie eine tickende Zeitbombe.

2012 wurden in den belgischen Atomkraftwerken Doel 3 und Tihange 2 zahlreiche Risse im Grundmaterial der geschmiedeten Reaktordruckbehälter (RDB) festgestellt. Drei Jahre nach diesen Befunden wurden ähnliche Materialschäden auch im dienstältesten AKW der Welt gefunden: Das Schweizer AKW Beznau liegt acht Kilometer hinter der deutschen Grenze.

Der RDB ist das Herzstück eines Reaktors. Hier findet die nukleare Kettenreaktion statt. Risse im Reaktordruckbehälter sind ein massives Sicherheitsproblem. Doch die Bundesregierung verweist in allen Anfragen auf die Souveränität der Nachbarstaaten. Dabei birgt der Betrieb dieser unsicheren AKW nicht nur für die Menschen in den jeweiligen Ländern unbeherrschbare Risiken, sondern auch für uns in Deutschland. Die radioaktive Wolke macht nicht an der Grenze halt! Nur wenn diese Risiko-AKW umgehend abgeschaltet werden, ist die Bevölkerung hier wie dort vor möglichen Gefahren geschützt.

Der Atomausstieg muss europäisch werden!

Viele AtomkraftbefürworterInnen kritisieren den deutschen Atomausstieg als Sonderweg. Auf den ersten Blick mag das richtig erscheinen. Vergessen wird häufig, dass zwölf Länder der Europäischen Union erst gar nicht in die kommerzielle Nutzung der Atomkraft eingestiegen sind. Zudem sprach sich eine Mehrheit der Bevölkerung in Italien und Litauen 2011 beziehungsweise 2012 gegen einen Wiedereinstieg in die Atomkraft aus. Und selbst bei unseren Nachbarn Belgien und Schweiz, in denen jetzt noch gefährliche und alte Reaktoren laufen, gibt es Ausstiegsbeschlüsse. Und weltweit befindet sich der Anteil des Atomstroms an der erzeugten Energie im freien Fall.

Auch wenn viele Kräfte in der Europäischen Union versuchen, eine Atom-Renaissance zu beschwören: So einfach machen wir es ihnen nicht. Umso wichtiger ist es, dass sich die Bundesregierung auf bilateraler, europäischer und internationaler Ebene vehement dafür einsetzt, dass gefährliche Meiler vom Netz genommen werden, Neubauten nicht mit wettbewerbsverzerrenden Subventionen durchgeboxt werden und Nachbarstaaten grundlegend mehr Mitsprache bei den Sicherheitsanforderungen von grenznahen Atomkraftwerken bekommen.

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