Gundremmingen stilllegen Kernschmelze nicht auszuschließen

Das Atomkraftwerk Gundremmingen aus der Luft fotografiert.
Das Atomkraftwerk Gundremmingen hat nicht genügend erdbebensichere Not- und Nachkühlsysteme. Damit verstößt es gegen die deutsche Vorschrift und gehört stillgelegt. Längst hätte das der Bayrischen Atomaufsicht auffallen müssen.

Ein von der Bundestagsfraktion in Kooperation mit der Landtagsfraktion Bayern beauftragtes Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass das größte noch laufende deutsche Atomkraftwerk (AKW), Gundremmingen B und C, gegen die deutschen AKW-Anforderungen verstößt und die notwendigen Voraussetzungen zur Störfallbeherrschung nicht gegeben sind: Das Not- und Nachkühlsystem des AKW ist nicht erdbebensicher, im Erdbebenfall wäre eine Kernschmelze nicht zu auszuschließen.

Unser Gutachten analysierte auch ein zuvor vom Bundesumweltministerium (BMUB) beauftragtes Gutachten vom Winter 2015/2016 mit dem Ergebnis, dass das BMUB-Gutachten erhebliche Defizite des AKW benennt, bei ihrer Bewertung aber fachliche Mängel aufweist und seine Kernaussage nicht belastbar ist. Aufgrund der Bedeutung des Vorgangs sicherten wir unser Gutachten durch ein Peer Review ab, das unseren Gutachter umfassend bestätigt, inklusive Kritik am BMUB-Gutachten.

Mängel in der Notkühlung

Das Problem des Mitte der 1980er Jahre in Betrieb genommenen AKW Gundremmingen liegt im Not- und Nachkühlsystem. Not- und Nachkühlsysteme sind dazu da, die Nachzerfallswärme aus dem Reaktorkern abzuführen, nachdem das Hauptkühlsystem des AKW absichtlich abgeschaltet wurde oder störfallbedingt ausgefallen ist. Das heißt, gerade beim Störfall sind sie nötig, um eine Kernschmelze zu verhindern, also elementar wichtig. Derartige Systeme haben eigentlich drei Kreisläufe, wobei der mittlere, sogenannte Zwischenkühlkreislauf als radiologische Barriere dient für den Fall eines Lecks innerhalb des Systems. Er soll also verhindern, dass bei einem Leck Radioaktivität in die Umwelt gelangt.

Das Problem bei Gundremmingen: Sein ursprüngliches Not- und Nachkühlsystem besteht aus drei parallelen Einheiten (sogenannten Redundanzen), von denen die erste aber nicht ausreichend erdbebensicher ist. Dies wiederum führt dazu, dass das Not- und Nachkühlsystem nicht die hierzulande für Sicherheitssysteme vorgeschriebene Mindestanzahl derartiger paralleler Einheiten aufweist. Der Betreiber versucht seit ein paar Jahren, eine minderwertige Nachrüstung aus den 1990er Jahren als vierte parallele Einheit anerkannt zu bekommen: das sogenannte „Zusätzliche Nachwärme­abfuhrsystem (ZUNA)“.

Das ZUNA war seinerzeit jedoch nicht als eine Einrichtung des Sicherheitssystems gebaut worden. Es leistet daher nicht so viel, wie für ein Sicherheitssystem erforderlich (unzureichende Funktionalität) wäre und ist nicht so unabhängig wie für ein Sicherheitssystem erforderlich (nicht vorhandene Redundanz) wäre. Zudem ist es minderwertiger als ein Sicherheitssystem (unzureichende Qualität). Zum Beispiel fehlt beim ZUNA ein Zwischenkühlkreislauf, über den selbst Uralt-Pannenmeiler wie Fessenheim in Frankreich oder Beznau in der Schweiz verfügen.

AKW muss unverzüglich vom Netz

Unser Gutachter und unser Peer Reviewer kommen zu dem klarem Ergebnis: Das AKW Gundremmingen verstößt gegen die deutschen Anforderungen und die Störfallbeherrschung ist nicht gegeben. Für uns ist damit klar: Das AKW muss unverzüglich stillgelegt werden, mindestens bis zur nachweislichen Behebung des Defizits. Außerdem muss die Rücknahme der AKW-Genehmigung geprüft werden, weil das Defizit von Anfang an vorlag. Das Betreiber freundliche Verhalten der Bayerischen Atomaufsicht, die seit Jahren um die Defizite Gundremmingen weiß, aber nur die Augen zudrückt, ist ein Skandal für sich.

Zu Gutachter und Peer Reviewer

Der Gutachter Prof. Dr. Manfred Mertins war hochrangiger Sachverständiger der GRS, unter anderem der Projektleiter der Erarbeitung der aktuellen AKW-Sicherheitsanforderungen. Mit Gundremmingen befasste er sich im Zuge der vor ein paar Jahren noch beantragten Leistungserhöhung intensiv.

Der Peer Reviewer Lothar Hahn war technischer Leiter der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), der Hauptsachverständigen-Organisation der Bundesatomaufsicht. Ferner war er Vorsitzender der Reaktor-Sicherheitskommission.

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