Endlagersuchkommission Kristallin nicht aus dem Verfahren kicken

Atomendlager Schacht KonradEin Bergmann sitzt am 17.02.2015 in einem Fahrzeug im Atomendlager Schacht Konrad in Salzgitter (Niedersachsen). In dem stillgelegten Eisenerzbergwerk wird ein Atomendlager gebaut. In rund 1000 Meter Tiefe dürfen 303 000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiver Atommüll entsorgt werden.
Atomendlager Schacht Konrad in Salzgitter (Niedersachsen). In dem stillgelegten Eisenerzbergwerk wird ein Atomlager für schwach- und mittelradioaktiven Atommüll gebaut. Bisher hatte sich in Deutschland die Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Atommüll auf Salzstandorte beschränkt. Andere Länder aber setzen neben Salz auch auf Wirtsgesteine wie Ton und Kristallin.

In ihrer Doppelsitzung am 23. und 24. Mai 2016 nahm die Endlagerkommission den Vorschlag der AG3 Kriterien für die geologischen Auswahlkriterien unter die Lupe. Besonders intensiv wurde debattiert, ob alle drei Wirtsgesteine Tonstein, Salz und Kristallin mit dem gleichen geologischen Kriteriensatz bewertet werden können, oder ob es wirtsgesteinsspezifischer Kriterien bedarf.

Erfahrungen in anderen Ländern

In Deutschland hatte sich die Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Atommüll bisher auf Salzstandorte beschränkt. Blickt man allerdings auf Endlagerprojekte im Ausland, dann zeigt sich, dass neben Salz vor allem auf die Wirtsgesteine Tonstein und Kristallin gesetzt wird. Die Schweizer haben sich inzwischen bei ihrer Endlagersuche zum Beispiel auf das Wirtsgestein Ton festgelegt, während für die Skandinavier nur Kristallingestein für die Endlagerung infrage kommt. Da in Deutschland für alle Wirtsgesteine Vorkommen da sind, sollten wir im Vorhinein kein Wirtsgestein ausschließen. Aus diesem Grund wurde im Standortauswahlgesetz (StandAG) auch ganz explizit festgelegt, dass in der Kommission für alle drei Wirtsgesteinsarten Kriterien entwickelt werden müssen.

Einheitlicher Kriteriensatz für alle Wirtsgesteine?

Die AG3 entwickelte nun einen einheitlichen Kriteriensatz, der alle drei Gesteinsarten mit den gleichen Kriterien messen soll. Ein Teil der Kommission befürchtete allerdings, dass diese Gleichbehandlung aller Gesteinsarten dazu führen könnte, dass Kristallin frühzeitig aus dem Verfahren ausgeschlossen wird. Im Gegensatz zu Salz und Ton ist Kristallin ein sehr hartes Gestein, welches eher zu Rissen und Klüften neigt und wasserdurchlässiger ist. Während bei einem Endlagerkonzept in Ton und Salz das Gestein die Hauptbarriere zum Schutz vor Strahlung darstellt (geologische Barriere), kommen dem Behälter und der Verfüllung um den Behälter in einem Endlager in Kristallin entscheidende Bedeutung zu (technische Barriere). Bei einem einheitlichen strengen Kriterium für z.B. die Wasserdurchlässigkeit des Gesteins könnte es also sein, dass Kristallinstandorte gleich zu Beginn der Suche aus dem Verfahren ausscheiden.

Kristallin nicht voreilig aus dem Verfahren kicken

Dies darf aus unserer Sicht nicht passieren. In Deutschland wurde jahrzehntelang vor allem in Salz geforscht. Im Gegensatz dazu wissen wir heute noch sehr wenig über die Beschaffenheit der Kristallinvorkommen in Deutschland und sollten sie deshalb nicht vorschnell ausschließen. Die ernsthaften Bestreben der Skandinavier in Kristallin einzulagern, sollten uns dazu veranlassen, diese Option als Alternative zu Ton und Salz offen zu halten. Am Ende der Endlagersuche gilt aber natürlich das Primat der Sicherheit. Das bedeutet: Wir suchen den Standort in Deutschland mit der bestmöglichen Sicherheit für einen Zeitraum von einer Million Jahren. An diesem Anspruch werden sich Standorte aller drei Wirtsgesteine messen müssen.

Konsequenzen für die Forschung

Dies hat auch Konsequenzen für die Forschung. Seit einigen Jahren gibt es zunehmend Forschungsprojekte, die von der einseitigen Betrachtung von Salz wegkommen und die anderen Wirtsgesteine in den Fokus rücken. Außerdem müssen Behälter, Methoden für die eventuelle Rückholung der Abfälle und Monitoringsysteme entwickelt werden. Daneben braucht es Begleitforschung zur Partizipation, zu Fragen der Fehlerkorrektur, des Wissensmanagements, der historischen Aufarbeitung und der langfristigen Datensicherung. Zu diesen Schlüssen kommt auch die Endlagerkommission in der Drs. 231.

Selbsthinterfragendes System

Offen sein für neue Wege und Erkenntnisse bedeutet auch, fachliche Kritik zuzulassen und sich damit ernsthaft auseinander zu setzen. Auch zu diesem Aspekt verabschiedete die Endlagerkommission Empfehlungen in der Drs. 220. Sie nahm dabei vor allem die Rolle der verantwortlichen Behörden und handelnden Akteure unter die Lupe. Wichtig ist, dass die Institutionen auch intern die Fehler der Vergangenheit selbstkritisch aufarbeiten und für die Zukunft eine Selbstverpflichtung eingehen, Kritik systematisch zuzulassen. Es müssen Mechanismen geschaffen werden, die verhindern, dass KritikerInnen, die gegen den Mainstream schwimmen, in ihrer beruflichen Laufbahn behindert werden. Ein ernsthafter Dialog auf Augenhöhe muss ermöglicht werden. Ein Wandel in der Behördenkultur und die Bereitschaft sich selbst zu hinterfragen sind hierfür notwendige Voraussetzungen.

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