Reisetagebuch Reisetagebuch

6:30 Uhr geht es los von Tokio, zwei Angehörige der deutschen Botschaft und eine Dolmetscherin begleiten mich. Die Fahrt bis J-Village dauert rund drei Stunden. J-Village ist bekannt durch ihr, von Tepco gestiftetes, Fußballstadion. Außerdem war und ist es Startplatz für die Busse nach Fukushima Daichi und Daini für die Arbeiter, jetzt auch für uns.

20 km sind es noch bis zum Katastrophen-Ort. Die strikte Sperrzone von 20 km ausgehend von Daichi gibt es nicht mehr. Es gibt eine rote, eine gelbe und eine grüne Zone. Die rote Zone ist weiterhin Sperrzone, in der gelben darf gearbeitet, aber nicht übernachtet werden, dort soll die Infrastruktur wieder instandgesetzt werden. Die grüne wird als dekontaminiert bezeichnet, dort soll die Rückkehr der Menschen vorbereitet werden. (Zurück wollen eher Alte als Junge, eher Männer als Frauen.) Dekontamination heißt im Allgemeinen das Entfernen von Gras und Sträuchern, in den Reisfeldern wird Erde abgetragen oder untergepflügt. Riesige Lagerflächen von kontaminiertem natürlichem Material unter Planen säumen die Straße.

Die Zonen folgen der tatsächlichen Verstrahlung, also dem Keil der damaligen nord-westlichen Windrichtung. Auf unserem Weg erreichen wir die rote Zone acht Kilometer vor Fukushima Daichi. Auf der Straße ist immer noch erstaunlich viel Verkehr. Viele Menschen  haben Sondergenehmigungen, zum Beispiel wenn der Weg durch die rote Zone ihren Arbeitsweg verkürzt. Ich vermute hinter den Sondergenehmigungen nicht nur Entgegenkommen. Die Sperrzone wirkt belebt, ein Eindruck von Normalität vermittelt, soll heißen: so gefährlich ist das alles nicht.

Auf Bitte der deutschen Botschaft habe ich Geigerzähler und Dosimeter nicht mitgenommen. Ich bin die erste deutsche Politikerin, die nach dem GAU auf das Gelände Fukushima Daichi kommt. Gegen meinen Besuch sträubte sich Tepco zuerst. Es liegt nun an mir die Chancen eventueller zukünftiger Besucher aus dem hier ungeliebten Ausstiegsland Deutschland nicht zu verspielen. Ich bin also auf die Angaben der uns begleitenden Tepco-Mitarbeiter zur Strahlungsintensität angewiesen. 1 km vor Daichi werden uns 25 - 30 ySv genannt. Kontrollierende Polizisten stehen auch hier noch im Freien. Wir im abgeschirmten Bus haben während der 20 km 1 ySv aufgenommen.

Wenige Monate vor dem GAU wurde in Fukushima Daichi ein erdbebensicheres Überwachungs- und Kontrollgebäude gebaut, das als einziges auf dem Gelände Erdbeben und Tsunami unbeschadet überstanden hat und als einziges seitdem benutzbar ist. Es enthält den Raum, in dem der Leiter der Anlage (der inzwischen an Krebs gestorben ist) nach dem GAU seine Ansprachen hielt.

Ich bin gefragt worden, ob ich zu den Arbeitern kurz reden würde. Ich tue es auf eher japanische Art, drücke mein Mitgefühl mit Japan aus, danke den Männern für ihre schwere verantwortungsvolle Arbeit und bitte sie auf ihre Strahlenbelastung, ihre Dosimeter zu achten um am Ende nicht mit ihrer Gesundheit für ihre Arbeit zu bezahlen. Für mehr ist hier nicht der Ort.

Dann startet unsere Rundfahrt über das Gelände. Wir sind mit Überschuhen, Handschuhen und Mundschutz ausgerüstet worden, mehr gibt es nicht. Auch hier die Botschaft: so gefährlich ist das alles nicht! Den Bus, der wie das erdbebensichere Gebäude auf die Vermeidung von "Kontaminationsverschleppung" ausgelegt ist, verlassen wir natürlich nicht. Überdies hat Tepco wohl die strahlenärmste Route für die deutsche MdB ermittelt. Nach zwei Stunden Fahrt über das Gelände des GAUs haben wir tatsächlich lediglich 12 ySv aufgenommen, das ist weniger als mir mein 12-Stunden-Flug nach Japan eingebracht hat. Die Auswertung unserer Dosimeter legt uns der Tepco-Mitarbeiter später stolz vor.

Im Freien darf von den Arbeitern in Schutzkleidung und Maske maximal eine Stunde gearbeitet werden. Der Leiter der Anlage Akira Ono behauptet allerdings, dass das hauptsächlich an den Masken läge, mit denen man nicht länger arbeiten könne. Wir fahren langsam an den Reaktorblöcken 1 bis 4 vorbei, sehen, dass Block 1 und 4 eingehaust sind, Block 3 dagegen nach wie vor zerstört aussieht. Bei Block 4 halten wir kurz, sehen die rein maschinelle Anlage mit der die Brennelemente aus dem Nasslager gehoben und in Castoren eingelagert werden.

Dann drängt Tepco zur Weiterfahrt, die Strahlung sei mit 60 ySv dort zu hoch. An Block 3 halten wir nicht. Laut unserem Begleiter ist die Strahlung dort "mehrere Hundert Millisievert" hoch, genauer drückt er sich nicht aus. Ich weiß, dass der geschmolzene Kernbrennstoff dort nicht lokalisiert werden kann und frage nach. Er gesteht ohne Drumherumreden zu, dass sie den Kernbrennstoff mit Roboterkameras bisher nicht gefunden haben und noch suchen. Ohne zu wissen, wo der geschmolzene Brennstoff liegt, kann man ihn natürlich auch nicht korrekt kühlen, so steigt die Strahlung. Block 3 ist offensichtlich das derzeit größte Problem.

Das Problem des kontaminierten Kühlwassers hat Tepco nach eigener Darstellung dagegen im Griff. Es wird entsalzen, dekontaminiert, was die Gammastrahlung betrifft, und soll ab Anfang 2014 auch von fast allen Nukliden befreit werden. Die neue Dekontaminationstechnologie wird derzeit erprobt. Allerdings bleibt Tritium im Wasser. Damit müsste es auch nach dieser Dekontamination weiter gelagert werden. Der Betastrahler Tritium ist lange unterschätzt worden, er kann sich zum Beispiel in die DNA einlagern.

Die Wassertanks, deren erste Margen verschraubt waren und demzufolge Leckagen aufwiesen, werden nun ersetzt durch geschweißte Tanks. Sie fassen 1000 Tonnen des kontaminierten Kühlwassers, 400 Tonnen müssen täglich entsorgt werden, ein Tank reicht also zweieinhalb Tage. Zum Glück sei Fukushima Daichi eine weiträumige Anlage, sagt der Tepco-Mann, sie hätten Kapazitäten für 400.000 Tonnen, bis in zwei Jahren solle das noch verdoppelt werden. Sie rechnen also mit mindestens 2000 Tagen, die diese Methode währen soll.

Und dann? Und was soll am Ende mit 800.000 Tonnen Tritium-verseuchtem Wasser geschehen? Der Pazifik als Endlager? Es scheint darauf hinauszulaufen. Jedenfalls werden uns Pläne und Bauarbeiten im Hafen für Trennwände gezeigt, die das offene Meer schützen sollen.

Mein Fazit am Ende des Tages? Fukushima Daichi sieht aufgeräumt aus, so aufgeräumt wie andere Orte in Japan zweieinhalb Jahre nach Erdbeben, Tsunami und GAU. Im Bus durch das Gelände fahrend, könnte man es fast für eine normale Baustelle halten, auf der an vielen Stellen saniert, repariert und stabilisiert wird. Aber Fukushima Daichi ist keine normale Baustelle, es ist der Ort, an dem drei Kernschmelzen stattfanden. Der Ort, der noch lange nicht auf dem Weg der Heilung ist, dem die Wendung zum noch Schlechteren täglich droht. Der Ort mit vielen offenen Fragen. Der Ort, der Technik und Menschen an ihre Grenzen gebracht hat und das immer noch tut. Das zu ignorieren, ist schlicht Hybris.

Und es ist ein Ort, an dem viel zu viele junge Männer arbeiten. Niemand weiß, womit sie ihren Einsatz eines Tages bezahlen.

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