Atomreaktor Cattenom Risiko besteht weiterhin

Dieter Majer, Sylvia Kotting-Uhl, Stephanie Nabinger und Corinna Rüffer vor dem Reaktor in Cattenom.
Dieter Majer, Sylvia Kotting-Uhl, Stephanie Nabinger und Corinna Rüffer vor dem Reaktor in Cattenom.

2012 wurde als Konsequenz des Atomunfalls in Fukushima ein Stresstest für die europäischen Atomkraftwerke entworfen. Ziel war es, von den Ereignissen in Japan zu lernen und somit zu verhindern, dass ein ähnlicher Unfall auch in Europa passiert. Eine der wichtigsten Lehren dieser Katastrophe war, dass durch mehrere gleichzeitig eintretende Naturkatastrophen die Stromversorgung eines Atomkraftwerkstandortes vollständig außer Betrieb gesetzt werden kann. Ziel des Stresstests war deswegen, die Reaktionsmöglichkeiten des jeweiligen Atomkraftwerks und seiner Betriebsmannschaft auf derartige Ereignisse hin zu überprüfen.

Der Stresstest wurde auch am Standort Cattenom durchgeführt und offenbarte zahlreiche Sicherheitsmängel, zum Beispiel einen unzureichenden Überflutungsschutz der Anlage, ungenügende Erdbebensicherheit wichtiger Sicherheitskomponenten, fehlende Nachweise über die Auswirkungen extremen Schneefalls sowie erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit elektrischer Einrichtungen, Kabelführungen, Pumpen und Wasserzuleitungen. Deswegen forderten die Anrainerstaaten Luxemburg, das Saarland und Rheinland-Pfalz auch die sofortige Abschaltung. Auch die grüne Bundestagsfraktion forderte dies in ihrem Antrag „Bilaterale Verhandlungen aufnehmen zur unverzüglichen Stilllegung besonders gefährlicher grenznaher Atomkraftwerke in Frankreich“.

Besichtigung der Anlage

Vor Ort entwickelte sich nach einer kurzen Einführung eine angeregte Diskussion zwischen dem Kraftwerksdirektor Guy Catrix und den Delegationsmitgliedern Sylvia Kotting-Uhl (atompolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion), Stephanie Nabinger (atompolitische Sprecherin der Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz), Corinna Rüffer (Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Trier-Saarburg) und Dieter Majer (Atomexperte und Stresstestbeobachter). Besonders die Nachfragen zum Hochwasserschutz, der Abwehr von terroristischen Anschlägen und der anhaltend hohen Zahl von Störfällen machten deutlich, dass die vom Betreiber getroffenen Maßnahmen nicht ausreichen, um die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten. Durch die geplante Laufzeitverlängerung bis nach 2050 wird sich zudem die Zahl der Störfälle weiter erhöhen, denn je älter ein Atomkraftwerk ist, desto wahrscheinlicher werden sicherheitstechnische Mängel.

Auch bei der anschließenden Besichtigung des nuklearen Bereichs zeigten sich deutliche Defizite. So besteht das Dach des Gebäudes, in dem sich das Abklingbecken befindet, nur aus Wellblech. Einem Anschlag aus der Luft oder einem Flugzeugabsturz könnte dieses nicht standhalten. Nach Angaben des Direktors ist keine Nachbesserung des Daches vorgesehen, da es durch andere Maßnahmen gesichert sei, die den Abgeordneten aber verborgen blieben. Außerdem gibt es nach wie vor nur zwei Dieselaggregate pro Reaktorblock für die Notstromversorgung, beide sind ebenerdig. Im Falle einer Überschwemmung, zum Beispiel durch einen Dammbruch am angrenzenden Kühlwasserstausee, könnten diese überflutet und dadurch funktionsunfähig werden, ähnlich wie dies in Fukushima der Fall war.

Eine intensive Befassung seitens des französischen Energiekonzerns EDF (Électricité de France) mit den beim Stresstest aufgeworfenen Sicherheitsfragen ist offensichtlich nur sehr rudimentär erfolgt. Häufig wurde bei Sicherheitsmängeln auf die französische Atomaufsichtsbehörde ASN verwiesen: Solange diese keine Mängel beanstanden würde, gäbe es auch keine. Es ist nicht akzeptabel, dass es offensichtlich einen Schulterschluss zwischen dem Betreiber und der Atomaufsicht gibt, sodass entsprechender Druck für sicherheitsrelevante Nachbesserungen erst gar nicht aufgebaut wird.

Nachrüstungen unabdinglich. Beste Lösung: abschalten!

Das Atomkraftwerk Cattenom hat gravierende Sicherheitsmängel. Der Umgang mit diesen Defiziten zeigt, dass das Sicherheitsbewusstsein des Betreibers nicht stark genug ausgeprägt ist. Aus Sicherheitsgründen müsste die Anlage sofort abgeschaltet werden. Bundeskanzlerin Merkel muss mit ihrem Kollegen Staatspräsident Hollande aber mindestens über die Nachrüstmaßnahmen verhandeln.

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