Infotour: Grüne Stadt der Zukunft Wir müssen vernetzter denken

Am 21. September 2012 machte die Infotour: GRÜNE STADT DER ZUKUNFT im Niedersächsischen Landtag in Hannover Station. Thema des Tages: Energieeffiziente und klimaneutrale Quartiere. „Unsere Städte sind ein wichtiger Faktor in der Energiewende, 80 Prozent des CO2-Ausstoßes wird in Städten erzeugt.“ Mit diesen Worten begrüßte Bettina Herlitzius MdB, Sprecherin für Stadtentwicklungspolitik der grünen Bundestagsfraktion, die Gäste.

Auch Miriam Staudte MdL, stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Niedersächsischen Landtag, unterstrich die wachsende Bedeutung der Wohnungspolitik. Nicht zuletzt die Diskussionen um den Steuerbonus bei der Gebäudesanierung mache klar, die Energiewende im Gebäudebereich sei noch nicht auf einem klaren Weg. Auch der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung weist auf die soziale Dimension des Problems steigender Wohn- und Energiekosten hin, so Staudte.

Hans Mönninghof, Erster Stadtrat der Landeshauptstadt Hannover, Wirtschaft und Umweltstadtrat zog Bilanz über 24 Jahre rot-grüner Stadtpolitik in der Landhauptstadt mit besonderem Fokus auf den Klimaschutz. Trotz vieler Erfolge bei der CO2-Einsparung sei ohne bundespolitische und EU-Steuerung das 40%-Ziel bis 2020 nicht erreichbar. Beispielsweise wird in Hannover bereits seit 1988 der Atomausstieg umgesetzt mit komplett atomstromfreier Versorgung Hannovers inklusive der Industrie durch die Stadtwerke. Klimaschutz rangiert als eins von sechs Wirtschaftsclustern in Hannover. Wichtig sei es gewesen, die Möglichkeiten der Bauleitplanung für Klimaschutz zu nutzen, wie städtebauliche Verträge oder aber Grundstückskäufe und Grundstücksverkäufe. So bekomme in Hannover derjenige Bauherr den Zuschlag für den Kauf eines städtischen Grundstücks, der den höchsten Energiestandard verwirklicht. Hannover hatte aufgrund dieses politischen Ansatzes den ersten Passivhaus-Supermarkt, der „zero:e Park“ am Hirtenpark ist eine Nullemissionssiedlung. Über städtebauliche Verträge wurden hier 51 Einfamilienhäuser im Nullenergiestandard gebaut, sie gingen weg „wie geschnitten Brot“. Mit einer Strategie zur Klimafolgenanpassung wurden ebenfalls Maßnahmen zur Kühlung der Stadt festgelegt, wie neue Grünflächen und Baumpflanzungen – der städtische Baumbestand stieg von 28.000 auf 44.000 Bäume, sowie Dachbegrünung dort, wo die Hitze besonders unerträglich werden würde. Dazu ließ die Stadt Behaglichkeitsmessungen erstellen. Mit der Fachkarte Klimaanpassung wird zwischen dem Erhalt von Stadtgrün und baulicher Innenentwicklung abgewogen. Hannover hat seit langem eine Begrünungspflicht für Neubauflachdächer und so 650.000 Quadratmeter Gründächer erhalten. So werden der Regenwasserabfluss nennenswert reduziert, die Kanäle geschont und die Stadt gekühlt.

Dipl. Ing. Steffen Braun, Forschungskoordinator der Morgenstadt-Initiative im Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, Stuttgart, richtete den Blick aus der Forschung auf die Städte und berichtete aus dem Forschungsvorhaben „Morgenstadt“. Dabei erforscht Fraunhofer resiliente (krisenfeste) Infrastrukturen, Smartphone-Apps für Verkehrsvernetzung, hybride Stadtspeicher und –speichertechnologien, das Energieplushaus kombiniert mit Elektromobilität, Logistiklösungen, urban mining (städtische Rohstoffgewinnung) für geschlossene Ressourcenkreisläufe der Städte. Sein Fazit: Wir müssen vernetzter denken. In Europa müssen wir in bestehende Systeme eingreifen. In Asien liegt heute noch die Herausforderung im Neubau, aber in 30 Jahren wird dort Bestandssanierung die wichtige Herausforderung sein. Hier ergeben sich zukünftige Aktivitätsfelder für unsere Erfahrungen. In den 70er Jahren war das Auto das Mobilitätsziel, heute brauchen wir für lebenswerte nachhaltige Städte positive Urbanität, die die Anforderungen des Menschen in den Mittelpunkt stellt, statt von der Technikseite her zu denken. Wir werden zu dezentralen, individualisierten, systemaren Herangehensweisen wechseln. Für die Städte von morgen erwarten wir Städte mit höchster Lebensqualität für alle Bewohner, postfossil und nahezu ohne CO2-Emissionen, die intelligent vernetzt sind. In der Initiative City Insights sammelt Morgenstadt etwa die besten Lösungen von Städten weltweit.

An einer Nachfrage aus dem Publikum entspann sich die Gretchenfrage, was zu bevorzugen sei - Neubau im Plusenergiestandard oder die Sanierung der Bestandsgebäude? Während der Wissenschaftler Braun sich für den Neubau aussprach, verwies der Praktiker Mönninghoff darauf, dass 80 Prozent der Städte für die nächsten 100 Jahre bereits gebaut seien, sie sind Kultur und Lebensqualität, etwa unsere Gründerzeithäuser könnten nicht einfach mit Neuem ersetzt werden. Jedoch muss Baukultur bei der Sanierung gewahrt werden, etwa bei Ziegelbauten können die Fenster ersetzt werden, die Fassaden sollten jedoch bleiben. Ein Zuhörer verwies darauf, dass der Neubau selbst viel Energie und Ressourcen verbrauche, was die Altbausanierung ressourcenmäßig besser stellt. Ein Hamburger Stadtplaner aus dem Publikum jedoch erkennt in Hamburg die Tendenz auf Ersatzneubau von 50er Jahre Siedlungen, insbesondere bei großen Wohnungsbaugesellschaften.

Prof. Stefan Greiving, TU Dortmund: berichtete von den Modellvorhaben klimawandelgerechter Stadtentwicklung des BBSR/BMVBS (KlimaMoro und KlimaExWoSt) und verwies darauf, dass Hannover zwar vorbildlich agiert, was die CO2 Einsparung angeht, jedoch die Einstellung auf die zu erwartende Änderungen des Klimas auch wichtig ist, weil sich eine Erwärmung bereits durch die bestehenden CO2-Gase in der Atmosphäre ankündige. Wir müssen Hitzeereignisse abfedern und Konflikte lösen, wie Solarthermie ermöglichen durch solare Standorte, aber auch Kühlung durch Verschattung bedenken. 98 Prozent des Klimaschutzes, der Klimaanpassung findet im Bestand statt. Greiving empfiehlt zur Begründung planerischer Ansätze „no regret“-Strategien Ansätze („ohne Reue“ - Ansätze). Diese müssten mehrfach begründet werden, etwa indem sie die Lebensqualität stärken und gleichzeitig der Klimaanpassung dienen. Extremereignisse wie Sturzfluten werden kaum bewältigt werden, aber häufige und mittlere Ereignisse schon. Etwa durch die Standortauswahl von Altenheimen und Krankenhäusern an Standorten außerhalb potenzieller Hitzeinseln. Wir brauchen, so Greiving, integrierte Konzepte, um Klimaanpassung in die städtische Umweltprüfung einzubinden, oder um Stadtbegrünung mit anderen Nutzungen zu verknüpfen.

Bettina Herlitzius MdB verwies auf Erfolge: Die Städtebauförderung ist von der Bundesregierung nicht weiter abgesenkt worden - sieht aber auch Probleme: die Sanierungsquote sei nach wie vor viel zu niedrig. 70 Prozent unseres Bestandes müssten saniert werden, denn der Neubau leistet nicht so viel wie man ihm zutraut. Der grüne Ansatz der energetischen Quartierssanierung bietet viele Chancen: Die Kleinstbesitzer mit vier, fünf Wohnungen sind bisher kaum zu erreichen. Durch zielgruppengerechte Beratung kommen wir weiter. Wir können die Fördermittel ökonomischer einsetzen, und sozial verträglicher sanieren. Im Quartier kann ein Teil der Gebäude schonend gedämmt werden um die Baukultur zu erhalten, über KWK oder Fernwärme können weitergehende Einsparungen erzielt werden. Wir brauchen einen Innovationsschub bei den Wärmespeichern, wie vor 20 Jahren bei der Fotovoltaik müssen wir VorreiterInnen für Speichertechnologien gewinnen, um die thermischen Solaranlagen besser integrieren zu können. Auch Mobilität, Nachverdichtung undRückbau müssen mitgedacht werden. Um Gentrifizierung zu vermeiden, wollen wir Sanierung in Innenstädten bezahlbar machen. Mit dem grünen Energiesparfonds wollen wir ein Förderprogramm zur energetischen Quartierssanierung auflegen, in Höhe von 1,75 Milliarden Euro im Jahr. Wir wollen hier die Mietsteigerung nach Sanierung deckeln, Sanierung und Energieversorgung zusammen denken, und ein Energiequartiersmanagement einrichten. Er dient vor allem Energieeffizienzmaßnahmen für einkommensschwache Haushalte, wie Stadtquartierssanierung von Wohngebäuden und Infrastruktur. Bettina Herlitzius freute sich über die forschungsseitige Unterstützung für diesen Ansatz.

Die Debatte mit dem Publikum entspann sich unter anderem um den Reboundeffekt und die Frage inwieweit durch Wohnflächenzuwachs die Sanierungserfolge wieder aufgezehrt würden. Durch Lebensstiländerungen wie gemeinschaftliche neue Wohnformen könnten sich hier Verbesserungen ergeben, indem zum Beispiel ältere Menschen, deren Kinder aus dem Haus sind und deren Wohnungen ihnen zu groß geworden sind in kleinere Wohnungen ziehen können und entsprechende Beratung und Unterstützung erhalten. Auch Umzugsmanagement etwa im Sanierungsgebiet wurde als Potenzial benannt. Professor Greiving verwies darauf, dass einige großstädtischen Milieus auch aus altruistischen Motiven auf Sanierungsthemen ansprechen. Andere Milieus lassen sich eher über monetäre Anreize erreichen. In schrumpfenden Regionen seien die Maßnahmen weniger rentabel als etwa in dichten Wohnungsmärkten wie Hamburg. Ein anderer Beitrag aus dem Publikum verwies auf die Möglichkeiten kleiner Ortschaften, die zum Beispiel über Energieautarkie für sich ökonomische Chancen erschließen können. Greiving plädierte für regional und an die Zielgruppen angepasste Konzepte und Maßnahmen. Bettina Herlitzius bedankte sich bei den Referenten und für die anregende Diskussion.

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