Inklusive Gesellschaft

Den Weg zur inklusiven Gesellschaft einschlagen

Inklusion am Theater in München: Zwei Schauspieler, Dennis Fell-Hernandez (l) und Benjamin Plinta, spielen den "Sturm"`nach William Shakespeare bei der Werkschau der Freien Bühne München. Schauspieler mit Behinderungen: Wie klappt Inklusion am Theater? Auf der Freien Bühne München arbeiten Schauspieler mit und ohne Behinderung gemeinsam professionell zusammen. Es ist das erste Inklusive Theater in Bayern.
Behinderte Menschen sind besonders stark von der Covid-19-Pandemie betroffen. Wir wollen die Strukturen ändern, die dazu wesentlich beitragen. Foto: Zwei Schauspieler des erstes inklusiven Theaters in Bayern spielen den "Sturm"`nach William Shakespeare. Auf der Freien Bühne München arbeiten Schauspieler mit und ohne Behinderung gemeinsam professionell zusammen. picture alliance/Sina Schuldt/dpa
02.07.2020
  • Behinderte Menschen sind während der Covid-19-Pandemie sowohl gesundheitlich als auch sozial höheren Risiken ausgesetzt. Wesentlich verantwortlich dafür ist, dass sie häufig auf engem Raum mit vielen ähnlich Betroffenen in Einrichtungen leben, lernen und arbeiten, die wenig Selbstbestimmung zulassen.
  • Die Koalition hat viele Probleme behinderter Menschen bisher nicht im Blick.
  • Wir Grüne im Bundestag fordern daher, dass mit Hochdruck an einer inklusiven Gesellschaft gearbeitet wird.

Die erste Welle der Covid-19-Pandemie scheint mit Beginn des Sommers abgeebbt zu sein. Bisher sind in Deutschland weniger Menschen daran erkrankt und deutlich weniger mit oder an der Krankheit gestorben als in vielen anderen wohlhabenden Ländern. Allerdings sind nicht alle Teile der Bevölkerung gleichermaßen von der Pandemie betroffen. Menschen, die in Alten- und Pflegeheimen  sowie Wohnheimen für behinderte Menschen leben, sind deutlich gefährdeter und erkranken häufiger. Während weniger als 1,5 Prozent der deutschen Bevölkerung in diesen Heimen lebt, ist ihr Anteil an den Erkrankten und Verstorbenen mit deutlich mehr als 40 Prozent besonders hoch und ist nicht allein auf das Alter, mögliche Vorerkrankungen oder Beeinträchtigungen der Menschen, die in Heimen wohnen zurückzuführen. Auch wenn sie insgesamt anfälliger für eine Covid-19-Erkrankung sind, liegt diese überproportionale Betroffenheit auch an der Struktur der Einrichtungen. Denn dort, wo Menschen auf engstem Raum zusammenleben, kann sich ein Virus trotz strikter Vorsichtsmaßnahmen leicht verbreiten.

Die Pandemie macht die Exklusion sichtbar

Neben der erheblich stärkeren Ansteckungsgefahr waren behinderte Menschen in Wohn- und Pflegeeinrichtungen in den vergangenen Monaten auch deutlich härter von den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie betroffen. Während die meisten Menschen immer spazieren gehen und sich mit mindestens einer anderen Person treffen durften, galten für Wohn- und Pflegeheime strikte Besuchsverbote. Häufig auch Ausgangsverbote. Teilweise durften Heimbewohnerinnen und Heimbewohner nicht einmal ihr Zimmer verlassen.

Aber auch im Arbeitsbereich hat die Corona-Pandemie für behinderte Menschen besondere Nachteile. Die Angebote für große Gruppen von behinderten Menschen, die einst geschaffen wurden, um Menschen mit Behinderung im Arbeitsbereich zu fördern, schaden ihnen zurzeit noch mehr als sonst. Denn die meisten Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) wurden aufgrund der Pandemie geschlossen und kehren nur langsam zum Normalbetrieb zurück. Der Lohn der behinderten Beschäftigten wird häufig gekürzt, weil Aufträge ausbleiben. Ihrem Anspruch, ihre Beschäftigten vor den Unsicherheiten des allgemeinen Arbeitsmarkts zu schützen, können sie derzeit nicht gerecht werden.

Die beschriebenen Pandemie-Probleme kommen zu den bereits bestehenden hinzu. In Heimen war es mit der Selbstbestimmung schon vor der Pandemie nicht weit her. Aktivitäten außer Haus, das zu Bett gehen und sogar Toilettengänge hatten sich mehr oder weniger nach den Dienstplänen zu richten. Werkstätten mussten bisher zwar noch nie schließen, es gab aber immer wieder Phasen, in denen die Auftragslage so schlecht war, dass sie Löhne kürzten und ihren Beschäftigten keine adäquate Arbeit bieten konnten.

Inklusive Unterstützung ausbauen

Angesichts dieser Notlagen ist ein grundlegender Wandel nötig. Es muss endlich damit begonnen werden, deutlich mehr gemeinde- bzw. quartiersintegrierte Unterstützungsangebote für behinderte Menschen zu schaffen. Für behinderte Menschen bedeutet Unterstützung in einer eigenen Wohnung oder in Wohngemeinschaften üblicher Größe ein selbstbestimmteres Leben und einen besseren Gesundheitsschutz für künftige Epidemien. Damit das gelingt, müssen auch erheblich mehr barrierefreie Wohnungen gebaut und viele bestehende Wohnhäuser umgebaut werden.

Darüber hinaus sollen langfristig möglichst alle WfbM-Beschäftigten sozialversichert auf einem inklusiven allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten und dort die benötigte Unterstützung bekommen.

Mit dem Antrag „Lehren aus der Covid-19-Pandemie ziehen – den Weg zu einer inklusiven Gesellschaft einschlagen“ fordern wir die Bundesregierung auf, Konsequenzen aus den jetzt nicht mehr zu leugnenden Schwächen des Unterstützungssystems für behinderte Menschen zu ziehen und die Voraussetzungen für dessen Umgestaltung zu schaffen. Die Unterstützung muss sich endlich an den behinderten Menschen orientieren und von ihnen selbst bestimmt, ausgewählt und gestaltet werden.