Interview

"Die Klimakrise geht nicht weg, weil ein Virus da ist"

"Am Ende bleibt die Klimakrise, wie auch Corona, eine globale Krise. Und diesmal haben die Staaten wirklich Zeit, etwas Kluges zu planen für die Zeit danach. Eine einmalige Chance.", so Toni Hofreiter im Interview. Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion/Maak
27.04.2020

Interview mit Anton Hofreiter in der Süddeutschen Zeitung (SZ) vom 27.04.2020.

Mit welchen Hilfspaketen die Wirtschaft aus dem Corona-Tal herausfindet, hat auch einigen Einfluss auf den Klimaschutz, sagt Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. Zeit genug hätten die Staaten, sich Kluges auszudenken

Auf dem Schreibtisch von Anton Hofreiter klemmt sein Handy im Stativ, dahinter hängt ein Ölgemälde mit einer Alpenlandschaft. Es ist das Setting für die Videokonferenzen dieser Tage. Dabei gibt es jenseits von Covid-19 noch ein drängendes Thema, zu dem aber seltener konferiert wird: die Klimakrise. Es gäbe so viel vorzubereiten, sagt der Grünen-Fraktionschef. Für die Zeit nach der Pandemie.

SZ: Herr Hofreiter, das Virus dämpft vieles – die Klimaschutzdebatte, aber auch die Umfragewerte der Grünen. War es das mit dem Klima als Topthema?

Anton Hofreiter: Nein, bestimmt nicht. Es gibt Umfragen, nach denen zwei Drittel der Menschen erwarten, dass die Klimakrise ähnlich schlimm werden wird wie die Corona-Pandemie – wenn man nichts tut. Wir sehen das ja gerade an der April-Dürre: Die Klimakrise geht nicht weg, nur weil ein Virus da ist.

Dennoch war die Politik bisher beim Klima meilenweit von der Tatkraft entfernt, die sie gerade rund ums Virus entwickelt.

Ja, leider. Die Pandemie entwickelt sich innerhalb von Tagen, sie bedroht das Leben von Hunderttausenden akut. Da ist für Frau Merkel klar: Da muss gehandelt werden. Die Klimakrise hat eine andere Dynamik. Sie entwickelt sich über Jahre und Jahrzehnte, sie erscheint weniger akut.

Muss es beim Klima auch erst akut werden?

Das wäre ein fataler Irrtum. Eine Lehre aus der Pandemie ist: Wir müssen auch bei anderen Krisen auf die Wissenschaft hören. Sie weist schon lange darauf hin, dass wir im Kampf gegen die Klimakrise nicht mehr viel Zeit haben. Und das bedeutet, dass wir mehr über Prävention nachdenken müssen: Was können wir jetzt tun, um das Schlimmste noch zu verhindern? Wie wir aus dieser Krise herausgehen, wird dabei sehr wichtig werden.

Was meinen Sie?

Wir haben wegen der Corona-Krise unser tägliches Leben zurückgefahren. Das hat massive ökonomische Folgen. Wir werden also sehr bald über Konjunkturhilfen und schließlich über ein Investitionspaket reden müssen. Da stellen wir demnächst die Weichen für unsere Zukunft.

Die Autoindustrie hat schon eine Idee dafür: eine Prämie für den Autokauf.

Das alte Modell der Abwrackprämie macht keinen Sinn. Eine Innovationsprämie für klimafreundliche Antriebe kann ich mir dagegen vorstellen, also wenn es etwa um vernünftige Hybride oder Nullemissionsautos geht. Da könnte ein erhöhter Kaufzuschuss helfen. Meine Bedingung dafür ist ein Gesamtkonzept, zu dem nach der Krise ein Bonus-Malus-System und der Abbau von umweltschädlichen Subventionen wie dem Dieselprivileg gehören. Und wir müssen auch den klimafreundlichen Umbau im Mittelstand beschleunigen, etwa bei Zulieferern. Das könnte über lokale Transformationsfonds laufen, in denen neben den Unternehmen auch Gewerkschaften und Kommunen beteiligt sind.

Wie wollen Sie den Mitarbeitern am Band klarmachen, dass ihr Job nie wieder so sein wird wie zuvor?

Die Autoindustrie war schon vorher in der Krise. Die Frage ist nicht mehr: Nullemissionsautos ja oder nein. Sondern: Werden die bei uns produziert oder nicht. Damit stellt sich auch nicht mehr die Frage, ob sich die Industrie umbauen muss – sondern, ob ihr das rechtzeitig gelingt. Das ist längst auch den Gewerkschaften klar.

Fürchten Sie nicht, dass Umweltstandards unter Druck geraten, weil sie angeblich den Aufschwung behindern?

Es wird solche Stimmen geben. Aber selbst in der Wirtschaft gibt es eine starke Gegenbewegung. Vielen ist klar geworden, dass man die Wirtschaft am besten mit Klimaschutz rettet, nicht ohne. Die Interessen sind heute anders als vor zehn Jahren, nach der letzten großen Krise. Die Ausgangsposition ist viel besser.

Allerdings ist die Autoindustrie nicht die einzige Klimabaustelle: Es gibt auch noch die Schwerindustrie, die Chemie, selbst die Landwirtschaft.

Unsere Wirtschaft muss überall klimaneutral werden, keine Frage. Die Landwirtschaft muss selbst klimafreundlicher arbeiten, kämpft gleichzeitig aber auch mit den Folgen der Erderhitzung. Die Chemie muss sich vom Grundstoff Öl lösen. Der Gebäudebestand muss schneller saniert werden. Deshalb muss man sich auch weiter um den Preis auf Kohlendioxid kümmern, der wird uns beim Umbau sicher helfen. Aber es gibt auch jede Menge gute Ideen: Die Stahlindustrie setzt auf grünen Wasserstoff. Die Unternehmen sind oft weiter, als die Bremser in der Regierung glauben.

Welche Rolle spielt bei all dem Europa?

Jedenfalls hat die EU mit dem Green Deal etwas vorgelegt, an das wir gut anknüpfen können. Jetzt geht es darum, auch die europäischen Klimaziele anzuheben. Da kommt Deutschland eine Schlüsselrolle zu, schon durch die Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte. Beim Petersberger Klimadialog sollte die Kanzlerin da schon einmal vorlegen.

Sie meinen das Staatentreffen, das diese Woche auf Einladung Deutschlands stattfindet – jedenfalls virtuell.

Ja, und dieses Treffen ist wichtig. Natürlich verlieren wir auch im Klimaschutz gerade Zeit durch die Pandemie. Aber man kann diese Zeit nutzen, um Entscheidungen vorzubereiten, um sich auch darüber auszutauschen, wie kluge Investitionspakete aussehen können. Am Ende bleibt die Klimakrise, wie auch Corona, eine globale Krise. Und diesmal haben die Staaten wirklich Zeit, etwas Kluges zu planen für die Zeit danach. Eine einmalige Chance.

Das Interview führte Michael Bauchmüller für die SZ.