Stromnetz

Neue Anforderungen an das Stromverteilnetz

 DEUTSCHLAND, HELGOLAND - NOVEMBER 25: Windturbinen im Offshore-Windpark Amrumbank West der E.ON SE.
Brauchen wir einen Ausbau der Verteilnetze also mehr Kupfer oder reicht es aus, die Steuerung der Netze intelligent zu machen, also Köpfchen ins Netz zu bringen? picture alliance/Ulrich Baumgarten
05.04.2019

Kupfer oder Köpfchen? Unter dieser Frage haben wir in unserem Fachgespräch die zukünftige Rolle der Verteilnetze diskutiert. Mehr als eine Millionen Erneuerbare-Energien-Anlagen sind an das Verteilnetz angeschlossen, in den nächsten Jahren kommen Millionen weitere Ökostromanlagen, Wärmepumpen und Ladesäulen hinzu.

Was bedeuten diese neuen Einspeiser und Verbraucher für das Verteilnetz? Brauchen wir einen Ausbau der Verteilnetze also mehr Kupfer oder reicht es aus, die Steuerung der Netze intelligent zu machen, also Köpfchen ins Netz zu bringen? Diese Fragen haben wir mit unseren Referentinnen Dr. Stephanie Ropenus von der Agora Energiewende, Lisa Hankel von Stromnetz Berlin sowie unseren Referenten Dr. Andreas Nolde von BET Energie und Prof. Dr. Thorsten Beckers von der TU Berlin diskutiert.

Zwischen den Referentinnen und Referenten bestand in der Grundfrage schnell Einigkeit: Die Energiewende im Verteilnetz kann nur mit beidem gelingen, mit Köpfchen und Kupfer. Wir brauchen sowohl eine intelligentere Netzsteuerung als auch neue Stromleitungen im regionalen Verteilnetz.

Jeden Straßenzug fit machen für die Energiewende

Insbesondere in der Niederspannung muss jeder Straßenzug fit gemacht werden für die Herausforderungen der Energiewende. Zukünftig müssen Netzinformationen verfügbar sein, um zusätzliche Verbraucher wie Elektroautos oder Wärmepumpen flexibel zu- oder abzuschalten. Debattiert haben wir daher auch über die Frage, welche Anreize gesetzt werden müssen.  

Zunächst stellte Herr Dr. Nolde von BET Energie ein Instrument vor, wie Flexibilität in die Netze gebracht werden kann, wenn wir die Stromerzeugung auf Basis von erneuerbaren Energien umstellen. Ziel des Instruments ist die sogenannte „Spitzenglättung“. Auf Seiten von flexiblen Verbrauchern, die einen höheren Stromverbrauch haben, zum Beispiel Nutzer von Elektroautos und Wärmepumpen sollen Verbrauchsspitzen vermieden werden, also das gleichzeitig die Heizung läuft und das E-Auto geladen wird. Dies wird sichergestellt, indem die maximal beziehbare Leistung des Kunden begrenzt wird, falls Netzengpässe auftreten. Klassische Geräte wir zum Beispiel der Fön, der Herd, Staubsauger oder Waschmaschine sind nicht davon betroffen.

Herr Prof. Dr. Beckers von der TU Berlin betonte, dass Verteilungsziele im Blick behalten werden müssten, damit nicht einkommensschwache Haushalte für den Netzausbau für das Elektroauto des Nachbarn übermäßig zur Kasse gebeten werden. Auf der anderen Seite bemerkte Prof. Beckers, dass Menschen sich nur ein Elektroauto kaufen, wenn sie auch sicher sind, dass sie es beladen können oder auch ihre Wärmepumpe nutzen können, wann sie es wollen. Er forderte das Wirtschaftsministerium auf, zeitnah diese Themen stärker zu bearbeiten.

Frau Dr. Ropenus von Agora Energiewende stellte sieben Thesen mit Blick auf die Zukunft der Verteilnetze vor. Sie verwies unter anderem darauf, dass Verteilnetzbetreiber mehr koordinieren müssen, wenn beispielsweise das Laden vieler Elektroautos und der Betrieb von Wärmepumpen mit dem aktuellen Stromangebot und den verfügbaren Leitungen zusammen gebracht werden muss.

Auf der anderen Seite können diese flexiblen Verbraucher durch intelligente Steuerung neue Möglichkeiten eröffnen. Es ist noch unklar, ob diese Steuerung nur von den Netzbetreibern übernommen wird oder ob es in Zukunft viele unterschiedliche Unternehmen geben wird, die diese Aufgabe übernehmen. Sie betonte außerdem wie Prof. Beckers, dass der klassische Verbraucher, der kein Elektroauto oder keine Stromheizung besitzt, nicht finanziell auf der Strecke bleiben dürfe. Außerdem dürften wir das Stadt-Land-Gefälle, das die Landbevölkerung höhere Netzentgelte bezahlt, weil hier mehr Kosten auf weniger Anwohner aufgeteilt werden, nicht aus dem Blick verlieren.

Nach den Vorträgen der WissenschaftlerInnen gab Lisa Hankel von Stromnetz Berlin einen Einblick in die Praxis. Sie berichtete von den Herausforderungen durch die neuen Verbraucher in der Niederspannung. Insbesondere bei der Elektromobilität ist unklar, wie die Kunden sich in Zukunft verhalten werden, also wo und wann sie ihr Auto laden. Allerdings würden wohl nicht so viele Elektroautos gleichzeitig geladen wie befürchtet. Ein Teil der Lösung ist die Überwachung und Messung in der Niederspannung durch Online-Messtechnik. Bei einer auftretenden Netzüberlastung würden die Kunden dann zwar weiterhin Strom beziehen können, allerdings würde das Laden etwas länger dauern.

Das Fachgespräch wurde mit einer angeregten Diskussion abgeschlossen, in der es u.a. um die Kostendebatte, die Möglichkeiten von intelligenten Messsystemen (Smart Meter Gateways), die Kritik am derzeitigen regulatorischen Ansatz und Anreize für mehr Intelligenz ging.