Strompreise Atomausstieg ist kein Kostentreiber

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Stromkabel offen

Jetzt ist es also raus: Der Atomausstieg verursacht für Verbraucher Mehrkosten in Höhe von 32 Milliarden Euro. Das hat eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministers errechnet. Die Zahl klingt schockierend. Doch tatsächlich drückt sie die Mehrkosten für den langen Zeitraum von 2008 bis 2030 aus. Umgerechnet auf die Kilowattstunden läge die Preissteigerung gerade mal bei 0,3 Cent/kWh. Das erscheint verträglich, sowohl für die Menschen als auch für die Unternehmen im Land.

Das Jonglieren mit den vermeintlichen Strompreisen der Zukunft hat gerade Konjunktur. Doch wirklich belastbar sind die Szenarien nicht – auch nicht die im Auftrag von Minister Rösler angestellte Berechnung des Energiewirtschaftlichen Instituts der Uni Köln (EWI). Die Preisentwicklung ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Entscheidende Einflussfaktoren sind der Börsenpreis für Strom, die Kosten für den Betrieb und den Ausbau der Netze sowie die Umlage für den Ausbau erneuerbarer Energien im Stromsektor. Hinzu kommen die Gewinnmargen, die die Stromkonzerne durch die letzten Strompreiserhöhungen eingestrichen haben, die nicht durch gestiegene Einkaufspreise zu rechtfertigen waren.

Der Börsenpreis

Der Börsenpreis ist seit 2008 rückläufig, auch weil immer mehr erneuerbar erzeugter Strom die Nachfrage an der Börse und damit die Handelspreise sinken lässt. Dieser "Merit-Order-Effekt" dämpft den Börsenpreis inzwischen um mehr als 1 Cent pro Kilowattstunde.

Im Vergleich dazu wirkt der Atomausstieg sich wenig aus. Kurz nach der Fukushima-Katastrophe und dem Moratorium für acht deutsche Reaktoren ist er kurzfristig zwar um knapp zehn Prozent auf gut 6 Cent/kWh angestiegen. Doch bis heute hat sich die Lage beruhigt. Wer heute Stromlieferkontingente für das Jahr 2014 kauft zahlt pro Kilowattstunde etwa 0,4 Cent mehr als im März dieses Jahres. Zum Vergleich: 2008 lag der Einkaufspreis an der Börse zeitweise bei über 8 Cent/kWh.

Die EEG-Umlage

Die von allen Stromverbrauchern zu zahlenden Mehrkosten für die über das Erneuerbare Energien Gesetz geförderten Anlagen wurde im Oktober 2010 um über 1 Cent auf 3,5 Cent pro Kilowattstunde erhöht. Grund war damals die Erwartung eines teuren Solarstrombooms. Aber der fand so nicht statt. Es wird also gerade mehr Geld über die Umlage eingenommen als tatsächlich für die Erzeugung des Ökostroms benötigt wird. Trotz des weiter voranschreitenden Ausbaus der erneuerbaren Energien wird die EEG-Umlage im nächsten Jahr voraussichtlich nicht steigen und auch danach nur moderat angehoben werden. Experten erwarten einen Spitzenwert, der mit gut 4 Cent pro Kilowattstunde rund einen halben Cent über dem heutigen Wert liegt.

Die Netzkosten

Die Netzkosten sind noch eine große Unbekannte. Niemand kann bislang sagen, wieviel Geld künftig in den Neubau von Stromnetzen fließen wird. Eine Schätzung der Bundesnetzagentur geht davon aus, dass sich der Netzausbau mit etwa 1 bis 1,5 Cent pro Kilowattstunde auf die Strompreise auswirken wird.

Grüne Schlussfolgerungen

Das komplexe Zusammenwirken der verschiedenen preisrelevanten Faktoren ist zwar schwierig vorherzusagen, doch lassen sich die folgenden Schlüsse jetzt bereits ziehen:

  • Die Energiewende ist nicht zum Nulltarif zu haben. Die Wirkungen auf die Strompreisentwicklung sind aber eher moderat. Börsenpreis, Netzausbau und EEG-Umlage könnten insgesamt zu einer Erhöhung der Strompreise für Endverbraucher im Bereich von 1 bis 3 ct/kWh führen. Das wäre eine Erhöhung um maximal zwölf Prozent über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren, rechnerisch also rund 0,6 Prozent pro Jahr – weit weniger als in den letzten Jahren.
  • Seit 2003 sind die Strompreise für Endverbraucher um 45 Prozent gestiegen. Hauptgrund waren die zeitweise extrem hohen Kosten für Öl- und Erdgas. Diese werden auch die künftigen Strompreise weit mehr bestimmen als die Kosten der Energiewende. Je mehr Ökostrom erzeugt wird, desto weniger sind wir von den zu erwartenden Preisanstiegen bei den fossilen Brennstoffen abhängig.
  • Seit 2008 ist der Börsenpreis für Strom um zeitweise über 2 ct/kWh gesunken. Dieser Preisvorteil wurde von den Energieversorgern jedoch nicht an die Kunden weitergegeben. Im Gegenteil: Die meisten haben die Preise weiter erhöht und sich so zusätzliche Milliardengewinne verschafft. Diese Abzocke muss ein Ende haben. Wir brauchen parallel zur Energiewende eine funktionierende und strenge Marktaufsicht, die diesem Treiben einen Riegel vorschiebt. Wir Grüne wollen deshalb u. a. eine Markttransparenzstelle mit weitreichenden Kompetenzen sowie eine Schiedsstelle an die sich Energiekunden wenden können, um ihr Recht zu bekommen.
  • Abwandernde Branchen und neue Arbeitslose als Folge erhöhter Strompreise sind nicht zu erwarten. Gerade stromintensive Branchen profitieren von dem auch wegen des wachsenden Ökostromanteils sinkenden Strompreis an der Börse, andere Branchen werden wenig belastet. Dennoch sind wir Grüne dafür, den Unternehmen unter die Arme zu greifen. So wollen wir über einen neuen Energiesparfonds das Energiesparen auch in der Wirtschaft fördern und so das Klima schützen, Innovationen voranbringen und die Energiekosten senken.

 

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