Divestment Finanzwende Forum 2016: Divest – Invest

Im Mittelpunkt des diesjährigen Finanzwende Forums stand der geordnete Übergang des Finanzsystems hin zu einer emissionsarmen Wirtschaft. Mit etwa 200 Gästen aus Finanzbranche, Wissenschaft und Zivilgesellschaft diskutierten wir über Klimarisiken im Finanzsektor, Berichtstandards, nachhaltige Anlageprodukte und politische Hebel, um die grüne Finanzwende voranzutreiben.

Einheitliche Offenlegungsstandards zu klimarelevanten Unternehmensdaten

Um den Nachhaltigkeitskurs des größten deutschen Versicherers Allianz und die Frage nach Transparenz und Verfügbarkeit von finanzmarktrelevanten Klimadaten ging es beim ersten Panel: „Disclosing Risks, Revealing Opportunities: What Information do Financial Markets Need for a Sustainable Transition?“ Stürme, Hitzewellen und Waldbrände hätten zuletzt im zweiten Quartal 2016 erheblich auf die Bilanz gedrückt, so Oliver Bäte, Vorstandsvorsitzender der Allianz SE. Nach dem Rückzug der Investitionen aus Unternehmen, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes im Zusammenhang mit Kohleenergie erzeugten, untersuche und bewerte man nun die eigenen Finanzrücklagen in Bezug auf Corporate Governance, Umwelt- und Sozialstandards. Auf Basis dieser somit gewonnen Daten könne die Allianz als Investor schließlich in einem zweiten Schritt auf entsprechende Unternehmen zugehen, um Nachhaltigkeitsziele zu stärken.

Christian Thimann, verantwortlich für Strategie- und Nachhaltigkeitsfragen beim Versicherungskonzern AXA und Vizevorsitzender einer Arbeitsgruppe des internationalen Financial Stability Boards (FSB-TCFD) zu klimarelevanten Offenlegungspflichten, berichtete von der Arbeit dieser Task-Force. Sie will aus den weltweit rund 400 unterschiedlichen Berichtstandards einen global einheitlichen und von allen Markteilnehmern anerkannten Standard entwickeln. Diese Daten sollen einen zentralen Platz in der finanziellen Unternehmensberichterstattung finden. Um eine rasche Implementierung zu gewährleisten und jahrelange Verhandlungsprozesse zu vermeiden, solle entlang dieser Standards zu allererst freiwillig berichtet werden. Dass hier Regulierung nötig sei, betonten sowohl Oliver Bäte als auch Matthias Hellstern, Managing Director für Unternehmensfinanzierung im EMEA Raum der Ratingagentur Moody’s. Hellstern verwies auf rund 30 deutsche Wirtschaftssektoren, die von Klimarisiken bedroht seien, wie auch Maximilian Horster, Klima- und Finanzexperte der Southpole Group. Horster unterstrich, dass eine verpflichtende Berichterstattung zu Klimarisiken für Unternehmen eine politische Maßnahme zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens sein könnte. Auch eine Anpassung der rechtlichen Grundlagen zur Treuhandpflicht sei ein Muss, damit Vermögensverwalter langfristig entlang von Umwelt- und Sozialkriterien investieren könnten anstatt kurzfristigen Gewinnen hinterherzujagen, fügte Bäte hinzu.

Frankfurt zu Kompetenzzentrum für Finanzwende ausbauen

Die zweite Podiumsdiskussion widmete sich dem Thema „Promoting the Development and Diffusion of Green Financial Products“. In seinem Überblicksvortrag ging Caio Koch-Weser, Vorsitzender der European Climate Foundation, unter anderem auch auf die Rolle Londons ein. Die Finanzbranche dort versuche sich mit ihrer Green Finance Initiative an die Spitze der weltweiten Entwicklung zu stellen. Warum nicht auch eine Frankfurter Finanzwende Allianz? Koch-Wesers Appell stieß auf dem Podium und im Publikum auf breite Resonanz. Sir Roger Gifford, Vorsitzender der City of London Green Finance Initiative, griff die Frage dankbar auf. Dies sei kein Wettlauf zwischen Städten sondern gegen die Zeit. Je mehr Finanzzentren den Ernst der Lage erkannten und auf nachhaltige Finanzprodukte umstiegen, desto besser. Vor allem grüne Anleihen seien aufgrund der klaren Zuordnung zu Projekten ein transparentes Vehikel, um mehr grüne Investitionen zu fördern. Anja Mikus von Arabesque Partners und Jochen Wermuth, Wermuth Asset Management, erörterten die Prioritäten, für wen Produkte zunächst entwickelt werden müssten, institutionelle Anleger oder Privatkunden. Alle Beteiligten waren sich einig: am Wichtigsten ist es, klare Standards zu entwickeln, was nachhaltiges Investieren beinhaltet und was nicht.

Die Politik muss handeln

Im dritten und letzten Panel „Investing, Incentivizing or Regulating? The Paris Agreement, the G20 Green Finance Study Group and Political Levers for the Finanzwende“, wurde über politische Ansätze für eine Finanzwende diskutiert. Dazu machte der schwedische Finanzmarktminister Per Bolund in seiner Keynote deutlich, dass klare politische Rahmenbedingungen das A und O sind, um den Finanzbereich zu begrünen. Zugleich unterstrich er am Beispiel Schweden, dass Ökonomie und Ökologie sich nicht ausschließen. Denn trotz einer beträchtlichen CO2-Steuer floriert die Wirtschaft in Schweden seit Jahren. Zugleich hat Schweden nun damit begonnen, Zertifikate aus dem europäischen Emissionshandel aufzukaufen, um sie im Anschluss stillzulegen. Ziel müsse es nun sein, Mitstreiter zu gewinnen! Simon Zadek von UNEP Inquiry into the Design of a Sustainable Financial System konnte weitere gute Beispiele aus China ergänzen, lobte die Ergebnisse des jüngsten G20-Gipfels in Hangzhou und mahnte, dass Deutschland seinen G20-Vorsitz im nächsten Jahr dazu nutzen müsse, um Green Finance in globalem Rahmen voranzubringen. Heffa Schücking von der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald zeigte sich pessimistischer: Denn China hätte zwar wegweisende klima- und finanzpolitische Initiativen auf den Weg gebracht, doch zugleich würden noch immer öffentliche chinesische Banken jede Menge in Kohlekraftwerke im Ausland investieren, um die heimische Kohleindustrie zu schützen. Ähnlich verhielten sich die deutsche Bundesregierung über KfW und Hermes und ebenso Schweden, indem es die Kohlesparte in der Lausitz verkaufe, statt sie schrittweise auslaufen zu lassen. Zugleich warb Schücking für mehr Transparenz, um Divestment überhaupt effektiv vorantreiben zu können.

Lessons learned

Am Ende der Konferenz zog Annalena Baerbock den Schluss, dass es in Deutschland offensichtlich noch einiges zu tun gebe, um der Finanzwende zum Erfolg zu verhelfen: öffentliche Institutionen müssten Vorreiter beim Divestment werden und es bräuchte stärkere Regulierung und mehr Transparenz, um Planungssicherheit und Handlungsfähigkeit zu gewährleisten.

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