VN Welternährungstag

Menschenrecht auf Nahrung endlich umsetzen

Die Corona-Krise wirkt als Brandbeschleuniger und lässt die Anzahl der Hungernden weltweit stark steigen. Mit Agrarökologie und kohärenter Politik wollen wir Ernährungssouveränität im Globalen Süden ermöglichen. Aaron Burden / unsplash.com
16.10.2020
  • Die Erfolge in der Bekämpfung von Hunger und Mangelernährung sind wieder rückläufig. Die Bereitstellung von Geldern zur Hungerbekämpfung muss daher verlässlich sein.
  • Neben der Klimakrise und gewaltsamen Konflikten sind vor allem die globalen Ungleichheiten die Ursache für Hunger und Ernährungsunsicherheit. Daher wollen wir einen Fokus auf die Stärkung von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen legen.
  • Für Ernährungssouveränität, das heißt eine selbstbestimmte kleinbäuerliche Landwirtschafts- und Ernährungspolitik, brauchen wir Verteilungsgerechtigkeit, faire Handelsbeziehungen und einen konsequenten agrarökologischer Umbau.

Corona lässt Hunger weltweit dramatisch ansteigen

Die Fortschritte der Nuller-Jahre bei der Bekämpfung von Hunger und Mangelernährung haben sich in den vergangenen fünf Jahren insgesamt umgekehrt. 690 Millionen Menschen litten laut FAO 2019 an chronischem Hunger – zehn Millionen mehr als im Jahr zuvor. Durch die Auswirkungen der Coronakrise kommen laut dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen voraussichtlich noch etwa 130 Millionen akut Hungernde dazu.

Die mittel- und langfristigen Folgen der Pandemie sind noch nicht genau zu beziffern. Absehbar ist aber, dass sich die Ernährungssituation in vielen Ländern auf Jahre verschlechtert, wenn Bäuerinnen und Bauern durch Einkommenswegfall oder Ausgangssperren ihre Felder nicht bestellen oder Ernten einholen können. Dabei hatte sich die internationale Staatengemeinschaft zum Ziel gesetzt, den Welthunger bis zum Jahr 2030 zu besiegen. Dieses Ziel wird weit verfehlt. Derzeit gehen die Vereinten Nationen sogar davon aus, dass sich die Zahl der Hungernden bis dahin um 150 Millionen Menschen erhöhen wird. Kurz gesagt: „Null Hunger“ wird es nicht geben, solange wir die grundlegenden Strukturen nicht ändern.

Ungleichheit, Klimawandel und Konflikte sind Ursachen von Hunger

Die Ursachen, die Menschen in Krisensituationen überhaupt erst so vulnerabel machen, sind vielschichtig. Neben gewaltsamen Konflikten und den immer stärker spürbaren Auswirkungen der Klimakrise tragen vor allem soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten massiv zu Hunger und Mangelernährung bei. Dazu zählen:

  • das Machtgefälle zwischen Nord und Süd, aber auch innerhalb einzelner Gesellschaften, zwischen den Geschlechtern und zwischen Stadt und Land.
  • ungleiche Handelsbeziehungen, bei denen die Länder des Südens vornehmlich Rohstofflieferanten bleiben.
  • das Marktmonopol der Agrarindustrie, die hohe Landkonzentration in den Händen weniger, patentiertes Saatgut und die gesundheitlichen und ökologischen Auswirkungen hochgiftiger Pestizide.

Förderung von Kleinbäuer*innen und regionalem Handel

Das Problem ist nicht, dass weltweit zu wenige Nahrungsmittel produziert werden, sondern ihre ungleiche Verteilung. Deshalb reicht es nicht, auf Effizienz- und Produktionssteigerung in der Landwirtschaft zu setzen, um Hunger und Armut erfolgreich zu mindern. Die „Grüne Revolution“ ist krachend gescheitert. Anstatt die Lebensmittelversorgung der ärmeren Bevölkerung zu verbessern, wurde auf Exportorientierung gesetzt: „Cash Crops“ wie Soja, Kaffee oder Baumwolle für den Weltmarkt ersetzen auf den Feldern vielerorts die Nahrungsmittel für die lokalen Märkte. So konnten große Agrarkonzerne ihre Marktmacht ausbauen, Kleinbäuerinnen und Kleinbauern hingegen wurden durch hohe Preise für Saatgut und schwankende Weltmarktpreise noch weiter in Armut getrieben, während die Abhängigkeit der Länder von Lebensmittelimporten wuchs. Gleichzeitig ist der globale Pestizideinsatz in den letzten 20 Jahren kontinuierlich gestiegen, insbesondere in den Ländern des Südens. Auch europäische Unternehmen exportieren noch zahlreiche hochgiftige Pestizide in den globalen Süden, obwohl ihr Einsatz in der EU längst verboten ist. Gesundheitsschäden, Insektensterben und fatale Auswirkungen auf Gewässer und Böden sind die Folge.

Agrarökologische Wende für Ernährungssouveränität nötig

Für Ernährungssouveränität unter Einhaltung der planetaren Grenzen und der Menschenrechte, braucht es deshalb eine grundlegende Neuausrichtung in vielen Politikfeldern, dies haben wir in unserem Antrag „Über den eigenen Tellerrand hinaus – Mit Agrarökologie und kohärenter Politik Ernährungssouveränität im Globalen Süden ermöglichen“ aufgezeigt und grüne Lösungsansätze beschrieben. Die europäische Agrarpolitik und der internationale Handel müssen gerechter gestaltet werden und die Auswirkungen auf Hunger und Entwicklung im Globalen Süden berücksichtigen. Handelsabkommen müssen an den nachhaltigen Entwicklungszielen der Agenda 2030 und dem Pariser Klimaabkommen ausgerichtet werden. Die globale Landwirtschaft muss konsequent agrarökologisch und menschenrechtsbasiert umgebaut werden. Wir brauchen ein Ende von Nahrungsmittelspekulationen und Saatgutpatenten; eine gerechte Verteilung von Land und mehr Rechtssicherheit für die ländliche Bevölkerung, insbesondere unter Berücksichtigung von Frauen, Indigenen und marginalisierten Gruppen.

Auch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit muss sich konsequent auf agrarökologische Ansätze ausrichten: Anstatt in Großprojekten mit der Agrarindustrie zu kooperieren, müssen Perspektiven für die ländliche Bevölkerung geschaffen werden, indem die Abhängigkeit von teuren Düngemitteln und patentiertem Saatgut gemindert wird und gleichzeitig mehr Wertschöpfung vor Ort gefördert wird und regionale und lokale Lieferketten gestärkt werden.