Bildungsgerechtigkeit

Ganztagsbildung für alle Kinder im Grundschulalter

Reger Betrieb herrscht auf einem Flur der sanierten Grundschule Am Priesterweg in Potsdam-Drewitz (Brandenburg), aufgenommen am 05.08.2013.
Mehr Bildungsgerechtigkeit für Kinder, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Eltern. Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung muss mit Qualitätskriterien umgesetzt werden. dpa
07.09.2021
  • Bund und Länder haben im Vermittlungsausschuss eine Einigung für einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung erreicht.
  • Ein rein quantitativer Ganztagsausbau verbessert allerdings weder die Bildungs- noch die Chancengerechtigkeit. Entscheidend ist, dass die Angebote auch qualitativ abgesichert werden.
  • Damit sich alle Kinder und Eltern auf gute Bildung und Betreuung verlassen können, braucht es jetzt eine gemeinsame Kraftanstrengung von Bund, Ländern und Kommunen.

Egal wo Kinder in Deutschland aufwachsen – sie sollen in allen Schulen und Betreuungseinrichtungen gute Bedingungen vorfinden. Das heißt: motivierte Lehrkräfte, Erzieher*innen und Sozialarbeiter*innen, moderne Turnhallen, funktionierende Toiletten, vielfältige Bildungs- und Freizeitangebote bis in den späten Nachmittag, gutes und gesundes Essen sowie viel Raum für Spiel, Bewegung, Erholung und Begegnung.

Die Realität sieht vielerorts leider anders aus. Die Chancen von Kindern auf gute ganztägige Erziehung, Bildung und Betreuung sind in Deutschland noch immer sehr ungleich verteilt. Obwohl sich die meisten Eltern ein Ganztagsangebot für ihre Kinder wünschen, steht bislang nicht einmal für die Hälfte der Kinder im Grundschulalter ein entsprechendes Angebot zur Verfügung. Während ein Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in der Kita besteht, stehen mit dem Eintritt in die Schule vielerorts keine entsprechenden Angebote zur Verfügung. Für Kinder mit Behinderungen sieht die Lage noch düsterer aus.

Fehlende Ganztagsangebote können das Armutsrisiko erhöhen

Ein Ganztagsangebot für alle Kinder im Grundschulalter ist dringend notwendig, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Eltern nicht nur in den ersten Lebensjahren des Kindes zu gewährleisten. Denn Fakt ist: Fehlende Ganztagsangebote können das Armutsrisiko erhöhen. Insbesondere Alleinerziehende und ihre Kinder sind überdurchschnittlich oft davon betroffen.

Vor allem aber die Kinder profitieren von einem Rechtsanspruch auf ganztätige Bildung profitieren. Gute Ganztagsangebote haben einen positiven Einfluss auf die Entwicklung. Sie haben das Potenzial für eine bessere individuelle Betreuung und sind darum ein wichtiger Schlüssel zu mehr Bildungsgerechtigkeit.

Mehr Zeit in Schule oder Hort eröffnet Kindern auch Räume für mehr Beteiligung im Schulalltag. Gute Konzepte vorausgesetzt, können ungleiche Startchancen besser ausgeglichen und Selbstwirksamkeit und ein demokratisches Miteinander erfahren und praktisch gelebt werden. Schule wird somit immer mehr vom Lern- zum Lebensort. Voraussetzung dafür ist jedoch eine hohe Qualität der Angebote und setzt eine Zusammenarbeit von Lehrkräften und den beteiligten pädagogischen und nicht-pädagogischen Fachkräften auf Augenhöhe voraus.

Rechtsanspruch auf Ganztagsbildung für alle Kinder im Grundschulalter

Um gute Angebote für alle Kinder in Deutschland zu schaffen, haben wir darum die Verankerung eines Rechtsanspruchs auf Ganztagsbildung für alle Kinder im Grundschulalter im Kinder- und Jugendhilferecht gefordert. Dieser Rechtsanspruch muss an Qualitätskriterien gekoppelt sein: Beispielsweise sollte der Bildungs- und Betreuungsanspruch mindestens fünf Tage pro Woche und mindestens neun Stunden am Tag umfassen. Der Rechtsanspruch muss inklusiv ausgestaltet sein: Eltern von Kindern mit Behinderungen dürfen keine zusätzlichen Kosten entstehen. Und ganz zentral: Es muss einen angemessenen Fachkraft-Kind-Schlüssel sowie Mindestvorgaben für die Qualifikation der Fachkräfte und die räumliche Ausstattung geben. Jugendhilfe und Schule müssen verbindlich und auf Augenhöhe zusammenarbeiten.

Um dem Problem des Fachkräftemangels im pädagogischen Bereich zu begegnen, müssen der Erzieher*innenberuf und die Ausbildung endlich attraktiver ausgestaltet werden. Die Investitionen in den Ausbau sowie die Kosten für das Personal müssen fair zwischen Bund, Ländern und Kommunen aufgeteilt werden.