Autor*innenpapier

Gleichstellung und selbstbestimmtes Familienleben

Kind, Vater, Mutter, Kind Hand in Hand in einer Reiher vor einer weißen Wand.
Für mehr Gleichstellung muss politisch gehandelt werden: Mit eine Stärkung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit von Frauen, besseren Bedingungen für ein partnerschaftliches Familienleben und mit stärkeren Rechten, damit Eltern Job und Familie unter einen Hut bekommen. Pexels | Emma Bauso
17.09.2021
  • Die Corona-Krise und der Umgang der Bundesregierung mit Familien und Frauen war für alle, die an graduellen Fortschritt bei Gleichstellungs- und Vereinbarkeitsfragen geglaubt haben, ein Tritt gegen das Schienbein.
  • Das politische Handeln in der Krise hat die faktischen Bedingungen für eine gerechtere Gesellschaft, eine faire Teilung von Verantwortung in den Familien um Jahre zurückgeworfen.
  • Wir wollen, dass Eltern sich frei entscheiden können, wie sie Erwerbsarbeit und Sorgearbeit aufteilen – und dass eine einmal getroffene Entscheidung nicht für das ganze Leben gelten muss. Wie das geht, beschreiben wir in einem Autor*innenpapier.

 

Auf der politischen Prioritätenliste von Union und SPD waren die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Krise nicht existent. In den letzten 18 Monaten hat sich gezeigt, wie schnell traditionelle Rollenmuster wieder greifen und wie brüchig unser vermeintliches Vereinbarkeits- und Gleichstellungsfundament ist.

Viel zu oft greift die traditionelle Rollenverteilung

Obwohl sich viele Eltern wünschen, Erwerbs- und Sorgearbeit partnerschaftlich untereinander aufzuteilen, fallen die meisten Paare mit dem ersten Kind in traditionelle Rollen zurück. Werden Männer zu Vätern, ändert sich an ihren Arbeitszeiten kaum etwas - sie arbeiten eher mehr als weniger. Je länger eine solche Arbeitsteilung von den Paaren gelebt wird, desto größer wird der Verdienstunterschied, der dann wiederum als Begründung für die Fortdauer der Arbeitsteilung gilt – ein Teufelskreis.

Rahmenbedingungen den Bedürfnissen anpassen

Zentrale Weichenstellungen für die Gleichstellungspolitik liegen in einer Familien- und Arbeitsmarktpolitik, die junge Familien mit stabilen Betreuungsangeboten, mit Sicherheit im Job und mehr Entscheidungsspielraum bei der Aufteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit unterstützt. Eine einmal getroffene Entscheidung soll nicht das ganze Leben prägen.

Gleichstellungspolitik muss Hand in Hand gehen mit einer besseren Verteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit. Mit einer Familienpolitik, die mehr Partnerschaftlichkeit ermöglicht und Eltern darin unterstützt, Kinder, Job und Freizeit unter einen Hut zu bekommen. Mit einer Kinder- und Bildungspolitik, die für ausreichend und gute Kitas und Ganztagsgrundschulen sorgt. Und mit einer geschlechtergerechten Arbeitsmarktpolitik, die Gleichstellung auch im Beruf möglich macht.

Wir wollen, dass die Menschen sich frei entscheiden können, wie sie Erwerbsarbeit und Sorgearbeit aufteilen. Dafür haben wir in der Agenda für Gleichstellung und Familienleben Maßnahmen aufgeschrieben (detaillierte Ausführungen zu den einzelnen Maßnahmen finden Sie im PDF).

1. Vereinbarkeit von Familie und Beruf rechtlich stärker absichern

  • Kündigungsschutz im Elternzeitgesetz auf drei Monate nach Ende der Elternzeit verlängern.
  • Ein erweitertes Recht auf die Rückkehr in Vollzeit, das mehr Menschen erreicht.
  • Eine flexibler Vollzeitkorridor und ein Recht auf Homeoffice.
  • Eine Garantie für eine verlässliche Kinderbetreuung.
  • Die Einführung eines Gutscheinmodells für haushaltsnahe Dienstleistungen, die auch bei Familien mit geringem Einkommen ankommen.

2. Familiäre Verantwortung einfacher teilen

  • Mit der KinderZeit Plus wollen wir das Elterngeld auf 24 Monate ausweiten Pro Elternteil 8 Monate sowie weitere 8 Monate die flexibel aufgeteilt werden können. Die KinderZeit Plus kann bis zum 14. Geburtstag des Kindes in Anspruch genommen werden.
  • Eine 14-tägige Freistellung für das zweite Elternteil direkt nach der Geburt.
  • Ein Ausweitung des Kinderkrankengeld auf 15 Tage pro Jahr und Kind, bei bei Alleinerziehende auf 30 Tage.
  • Die Einführung eines Kinderkrankengeldes auch für Selbstständige.

3. Wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen stärken

  • Unternehmen sollen regelmäßig verpflichtend über die Bezahlung von Frauen und Männern und ihre Maßnahmen zum Schließen des eigenen Gender Pay Gap berichten. Wo Lohnlücken partout nicht geschlossen werden, braucht es ein Verbandsklagerecht, um gegen Entgeltdiskriminierung von Frauen vorzugehen.
  • Ein unbürokratisches Gründungskapital für Frauen und bessere Förderung berufliche Netzwerke für Frauen
  • Dass das Ehegattensplitting Fehlanreize setzt, die sich nachteilig auf die gesamte Erwerbsbiografie auswirken und für viele Frauen zu finanziellen Abhängigkeiten führt, ist längst bekannt. Wir wollen für neu geschlossene Ehen die individuelle Besteuerung mit übertragbarem Grundfreibetrag einführen. Bereits bestehende Ehen können sich frei entscheiden, ob sie zu diesem neuen System übergehen möchten oder aber beim derzeitigen Splitting bleiben. Die Lohnsteuerklasse V, die die Zweitverdiener*innen benachteiligt, werden wir abschaffen, so dass die Steuerbelastung gleichmäßiger und gerechter zwischen den Partnern verteilt wird, in der Summe aber unverändert bleibt.