Ganztagsbetreuung

Rechtsanspruch auch für Grundschulkinder

Zentrales Motiv der Tagung "Recht auf Ganztag für Grundschulkinder"
Die meisten Eltern wünschen sich ein Ganztagsangebot für ihre Kinder, doch solche Plätze stehen nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung. Mit einem Rechtsanspruch wollen wir den Ausbau ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote anschieben. Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion
03.09.2019
  • Grundschulkinder sollen gute, ganztägige Bildungs- und Betreuungsangebote nutzen können. Auch für die Randzeiten und Ferien müssen zusätzliche Angebote zur Verfügung stehen.
  • Obwohl sich die meisten Eltern ein Ganztagsangebot für ihre Kinder wünschen, gibt es bislang für nicht einmal die Hälfte der Kinder im Grundschulalter einen entsprechenden Platz.
  • Wir wollen einen Rechtsanspruch schaffen, der für die Dauer der Grundschulzeit mindestens acht Stunden täglich umfasst.

Egal wo Kinder in Deutschland aufwachsen – sie sollen in allen Schulen und Hortangeboten gute Bedingungen vorfinden:

  • Motivierte Lehrerkräfte und ErzieherInnen,
  • erreichbare SozialarbeiterInnen,
  • aber auch nutzbare Turnhallen und funktionierende Toiletten,
  • vielfältige Bildungs- und Freizeitangebote bis in den späten Nachmittag,
  • gute Mahlzeiten und Raum für Spiel und Bewegung.

Die Chancen auf ganztägige Bildung und gute Betreuung sind leider sehr ungleich verteilt. Während in Hamburg oder Berlin der Schlussgong schon lange nicht mehr zur Mittagszeit erklingt, besucht in Bayern nicht einmal jedes fünfte Kind eine Ganztagsschule. Behinderte Kinder sind deutschlandweit häufig von solchen Angeboten ausgeschlossen. Obwohl sich die meisten Eltern ein Ganztagsangebot für ihre Kinder wünschen, gibt es bislang für nicht einmal die Hälfte der Kinder im Grundschulalter einen entsprechenden Platz. Für die Familien ist es zu Recht völlig unverständlich, dass es einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in der Kita gibt, mit dem Schuleintritt aber vielerorts keine Betreuung am Nachmittag zur Verfügung steht.

Mehr Bildungsgerechtigkeit durch ganztägige Angebote

Ganztägige Bildungs- und Betreuungsangebote unterstützen nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Es profitieren vor allem die Kinder. Von der Sprachförderung bis zur Hausaufgabenhilfe – mit mehr Zeit ist bessere individuelle Betreuung möglich. Mehr Zeit in Schule oder Hort eröffnet auch Räume für mehr Beteiligung von Schülerinnen und Schülern im Schulalltag. Das verändert die Lernkultur und sorgt für ein besseres Schulklima. Ungleiche Startchancen können so leichter ausgeglichen werden. Damit dies gelingt, ist es wichtig, dass auch wirklich alle Kinder ganztägige Angebote nutzen können. Auch wenn die Eltern arbeitssuchend sind oder mit kleinen Geschwisterkindern in Elternzeit, soll das Grundschulkind ein Recht auf ganztägige Förderung in der Schule oder im Hort haben.

Qualität von Anfang an mitdenken

Es ist gut, dass die Diskussion um die Einführung eines Rechtsanspruchs im SGB VIII mit der Koalitionsvereinbarung zwischen Union und SPD endlich an Fahrt aufnimmt. Doch wer glaubt, es reiche, lediglich die Betreuungszeiten auszuweiten, irrt sich gewaltig. Die positiven Effekte ganztägiger Angebote sind keineswegs ein Selbstläufer. Sie setzen im Gegenteil eine hohe Qualität der Angebote, ein gutes Zusammenspiel von Lehrkräften, ErzieherInnen und anderen sozialpädagogischen Fachkräften voraus. Nicht zuletzt braucht es Räume, in denen Kinder gerne ganze Tage verbringen. Anders als beim Kitaausbau, sollte deshalb die Qualität von Anfang an mitgedacht werden.

Ganztagsbetreuung geht nicht ohne Fachkräfte. Doch Erzieherinnen und Erzieher werden bereits heute vielerorts händeringend gesucht. Vor Inkrafttreten des Rechtsanspruchs ist eine konzertierte Fachkräfteoffensive von Bund, Ländern und Kommunen deshalb unabdingbar.

Aus den Fehlern der Vergangenheit lernen

Bei der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen ganztägigen Kitaplatz wurden die tatsächlichen Bedarfe völlig unterschätzt. Die Folge waren große finanzielle Herausforderungen für die Kommunen und der Versuch diese durch zeitlich begrenzte Bundesprogramme zu kompensieren. Dieser Fehler darf nicht wiederholt werden, denn mit einem nicht einlösbaren Rechtsanspruch ist den Kindern und Eltern nicht gedient. Notwendig ist eine realistische Bedarfs- und Kostenanalyse sowie verlässliche Finanzierungszusagen. Personal-, Betriebs- und Investitionskosten müssen fair zwischen Bund, Ländern und Kommunen aufgeteilt werden. Klar ist, dass der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule ein gesamtstaatliches Projekt ist. Deshalb stehen auch alle staatlichen Ebenen in der Pflicht, die Umsetzung des Rechtsanspruchs gemeinsam zu finanzieren.


Autorinnenpapier


Tagung: Zeit für Mehr – Recht auf Ganztag für Grundschulkinder